Ausflug in die Komfortzone

Wie viele Welten gibt es wohl? Wochenlang sind wir hier in Peru durch hinterwäldlerische Gegenden gekurbelt, haben uns in mikrokleinen Bodegas versorgt und die Essgewohnheiten der Einheimischen genossen. Hier in Cusco ist alles anders. McDonalds, KFC, Starbucks – alles, was das (westliche) Herz begehrt steht auch zur Verfügung. Allerdings zu Preisen, die mit denen der hinterwäldlerischen Bodeogas nur im Ansatz kompatibel sind. Gestern beispielsweise sah ich am Kiosk bei Machu Picchu ein 0,33-Fläschen Erdinger Weißbier für den durchaus stolzen Preis von 10,26 US-Dollar. Ich habe es dagelassen. Das mit den US-Dollar ist übrigens kein Schreibfehler. Hier regiert das grüne Papier, ist der Nuevo Soles Perus nur noch „Zweitwährung“. Immerhin, man darf noch damit bezahlen. Auch für ein kleines Bier zu zehn Dollar.

Cusco

Cusco

Es ist den Peruanern sicherlich nicht zum Vorwurf zu machen, dass sie die Touristenfluten im Großraum Cusco zu ihren Gunsten ausnutzen – wobei ich allerdings gerne wüsste, ob das Geld denn auch wirklich bei den Peruanern bleibt und nicht – wie in Afrika – in irgendwelchen global agierenden Großunternehmen verschwindet. Apotheken beispielsweise befinden sich in Peru vielfach in chilenischen Händen, deren Einnahmen gehen also bereits in ausländische Hände. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige durchaus dreiste Versuche der Einheimischen, den Touristenstrom auch wirklich auszusaugen. In Aguas Calientes, einem Örtchen, das eigentlich nur existiert, um die Besucher von Machu Picchu zu beherbergen und zu verköstigen (es ist das Ende der Bahnstrecke von Cusco/Ollantaytambo nach Machu Picchu), schlägt man im Restaurant am Ende einfach noch mal 25 Prozent auf die Rechnung und deklariert das als „service fee“. Wir haben jedenfalls ganz schön gestaunt, als man plötzlich diese bislang völlig unbekannte „Serviergebühr“ von uns verlangte und verweigerten hartnäckig die Auszahlung. Nach einer kleinen Diskussion und der mit einer leichten Drohung unterlegten Übermittlung der Information, dass wir bereits seit über sechs Wochen mit dem Fahrrad in Peru unterwegs sind und wissen, „wie der Hase hier läuft“, verschwand die „service fee“ dann auch wundersamerweise plötzlich wieder von der Aufrechnung – begleitet von einem augenzwinkernden Lächeln der Bedienung.

Cusco. Machu Picchu. Radabenteurer werden zu Touristen. Verhalten sich wie Touristen, werden ausgenommen wie Touristen. Und genießen das Touristensein. Und drei radelfreie Tage. Tut gut. Dem Hintern. Den Beinen. Der Seele. Raus aus dem Rhythmus „schlafen – essen – radeln“. Rein in „flanieren und staunen, genießen und erholen“. Drei Tage innerhalb der Komfortzone, bevor es zurück geht „jenseits der Komfortzone“.

Und was macht der steigungsgeplagte Radabenteuer an solch freien Tagen? Er klettert auf Berge! Verrückt, oder? Und nicht etwa irgendwelche Hügel. Nein, es musste schon der Wayna Picchu sein, jener so schroff in den Himmel ragende Gipfel, der auf jedem Foto von Machu Picchu im Hintergrund zu sehen ist. 250 Höhenmeter galt es zu überwinden, wobei der schmale Pfad aus 500 Jahre zurückliegenden Inkatagen der Topografie in ihrer ursprünglichen Form folgte und sich mitunter wahrlich schwindelerregend steil den Felsen hinaufschlängelte. Teilweise ging es fast senkrecht auf schmalen Stufen – und natürlich ungesichert – in den Himmel, mussten wir eine enge Höhle durchqueren und über wackelige Holzleitern unseren Weg finden. Aufstieg und Ausblick entschädigten jedoch für alle Anstrengungen, denn am Ende lag das morgendliche Machu Picchu zu unseren Füßen, und das sah wirklich richtig gut aus!

Dem Himmel ganz nah - unten rechts Machu Picchu (links die dort hinaufführenden Serpentinen).

Dem Himmel ganz nah: auf dem Wayna Picchu. Unten rechts Machu Picchu (links die dort hinaufführenden Serpentinen).

Schwierige Besteigung des Wayhna Picchu

Schwierige Besteigung des Wayna Picchu (und eine gute Gelegenheit, meinen amerikanischen Radelpartner Buck mal im Bild vorzuführen!)

Ich will Euch nun nicht mit irgendwelchen historischen Ergüssen oder touristischen Erbauungen über die alte Inkastätte langweilen. Wer sich dafür interessiert, war sicherlich schon da oder plant einen Ausflug dorthin für die Zukunft. Ich will mich auf ein paar Eindrücke und Reflektionen beschränken. Ich kam ohne jegliche Erwartungen und ohne größeres Hintergrundwissen nach Machu Picchu und im Grunde genommen in dem Gefühl, den Ort einfach „mitnehmen“ zu „müssen“, wenn ich schon mal hier bin. Ich ging als jemand, der erfüllt war von frischem Wissen und berührt von einem wahrlich eindrucksvollen Ort. Sicher, es sind unglaublich viele Touristen da, es wird geneppt ohne Ende (siehe der eingangs erwähnte Bierpreis), es wird herdenartig übers Gelände marschiert. Aber mit einem guten Guide – und wir hatten einen! – erwachen die Steine zum Leben, wird plötzlich sichtbar, was dort einst los war und was für eine Funktion der Komplex hatte. Und es wird deutlich, was für eine hohe Kunst des Trockenmauerbaus die Inkas beherrschten. Grade Linien, mühsam mit Sand glattgeschliffene Granitflächen, passgenaue Steinbrocken – es muss eine Mordsarbeit gewesen sein, das alles so herzurichten! Natürlich, geschuftet wurde vom „normalen“ Volk, während es sich die „schlauen“ Inkas gut gehen ließen und Machu Picchu entweder als Sommerresidenz oder als Lernakademie nutzen (so richtig sicher wissen tut man das nicht). Das übliche Machtsystem also auch hier, wobei die Macht der Inkas interessanterweise aus dem reichlichen Wissen (v.a. astrologisch) rührte, dass ihnen gegenüber dem „normalen“ Volk einen gewaltigen Vorsprung verschaffte. Trotzdem kommt man nicht umhin, beeindruckt vor den Leistungen zu stehen und sie zu bewundern.

Der Aufstieg zum Wayhna Picchu war schweiztreibend weil anstrengend - der Abstieg schweißtreibend weil "furchtvoll".

Der Aufstieg zum Wayna Picchu war schweißtreibend weil anstrengend – der Abstieg schweißtreibend weil „furchtvoll“.

Genug geschwafelt, ihr wollt doch was ganz anderes von mir hören, nicht wahr? Nun, die beiden Tage auf dem Truck haben sehr gut getan. Der Körper hat sich erholt, und der Geist scheint wieder frei zu sein. Am Dienstag auf das Fahrrad zurückzuklettern tat gut und fühlte sich gut an. Obwohl zunächst ein 25-Kilometer-Anstieg von etwas über 1.000 Höhenmetern im Weg stand, ehe wir auf einer Hochebene ordentlich Tempo aufnehmen konnten. Dass ich den Anstieg gut hinter mich brachte, habe ich aber auch einigen guten Freunden zu verdanken. Zum ersten Mal hatte ich nämlich den MP3-Player im Gepäck und ließ mich damit am Berg von meinem eigenen Keuchen ablenken. Johnny Cashs grandioses Album „At Folsom Prisom“ gab den Startschuss, Golden Earring Doppel-Live-CD lieferte die Power für den zweiten Teil der Kletterei. Eine tolle Erfahrung, die ich garantiert wiederholen werde. Zugleich ein weiterer Beleg, welch enorme Rolle die Psyche beim Radfahren spielt, denn das Kurbeln fiel gefühlt deutlich leichter. Weil der Geist abgelenkt war?

Wahlwerbung allerorten - auf dem Weg nach Cusco.

Wahlwerbung allerorten – auf dem Weg nach Cusco.

Dass ich danach das Fähnchen vom Lunchstop bei Kilometer 33 übersah, ist eine andere Geschichte. Als ich es realisierte, hatte ich bereits 43 Kilometer hinter mir, und weil nur 78 auf dem Tageszettel standen, fuhr ich einfach weiter und erreichte nach knapp vier Stunden die Außengrenzen von Cusco. Eine Stadt mit zwei Gesichtern. Auf dem Weg ins Zentrum die üblichen Lehm- und Blechhütten, jede Menge ölverseuchte und keuchende Autoreparaturstätten sowie die übliche peruanische Unsitte, seinen Müll einfach vor den Stadtgrenzen in die Natur zu kippen. Innerhalb des historischen Stadtzentrums dann ein Sprung ins Mittelalter. Straßen mit uraltem Kopfsteinpflaster, mit dem Fahrrad kaum zu befahren, weil sie ruppiger sind als jede off-road-Piste. Touristen aller Couleur, ein kulinarisches Angebot, wie ich es seit Quito nicht mehr gesehen habe und sogar verkehrsberuhigte Straßen. Eine charaktervolle Stadt, die selbst die vielen Besucher aus dem Ausland mit stoischer Gelassenheit und intaktem Stolz über sich ergehen lässt. Und die uns mit ihren den Besucherströmen angepassten kulinarischen Verlockungen frohlocken lässt. Während ich dies schreibe, sitze ich in der herrlichen Pastelería y Café PANAM und genieße Café con Leche sowie ausgesprochen schmackhafte süße Köstlichkeiten. Für das Mittagessen habe ich bereits ein Restaurant ausgeguckt, das vegetarische (Soya-)Hamburger anbietet und für das Abendessen ist mir auch nicht bange. Schade nur, dass wir morgen weiterradeln und das „Paradies“ damit verlassen müssen.

In vier Tage werden wir Peru verlassen und in Bolivien einreisen. Dort wartet der nächste Ruhetag am Lake Titicaca, wo mit den schwimmenden Inseln schon die nächste Touristenattraktion lockt. Dann zwei weitere Tage und wir sind in La Paz, wo ich dann (hoffentlich) auch in Sachen Fußball mal wieder Neuigkeiten berichten kann, denn wir werden über das Wochenende dort sein. Meine Hoffnungen heute Abend hier in Cusco ein Match zu sehen, hatten sich leider zerschlagen – das nächste Spiel vor Ort steht erst am Mittwoch an. Außerdem wartet in La Paz natürlich noch der Ritt über die berühmte „Todesstraße“ – rund 50 Kilometer wahnwitziger Downill auf der wohl gefährlichsten Straße der Welt. Weil die hinunter ins Amazonasgebiet führende Strecke nicht auf der The Andes Trail-Route liegt, haben wir uns zu einer kleinen Gruppe zusammengeschlossen und werden sie – in Begleitung erfahrener ortsansässiger Radler – eigenständig überwinden. Als ob wir nicht genug „Thrill“ hätten … 🙂

Nicht ganz so erfreulich ist die wettertechnische Entwicklung. El Niño macht uns weiterhin das Leben schwer und gießt seine nassen Errungenschaften mit unschöner Regelmäßigkeit über uns ab. Längst ist The Andes Trail 2014 die mit Abstand nasseste Ausgabe seit dem ersten Rennen 2008, haben wir schon mehr Regentage gehabt als die anderen Touren über die gesamten viereinhalb Monate. Und ein Blick auf die Wettervorsage kündigt auch für die nächste Woche wieder einen Mix aus Regen, Wolken und Sonne an, was auf 3.800 bis 4.000 Metern oft einhergeht mit empfindlicher Kälte. Aber vielleicht kommt es ja alles auch ganz anders. Denn wie sagte doch gestern unser Guide in Macchu Picchu, als ich ihn auf ein überall erwerbliches Symbol in Form eines Kreuzes mit einem Loch in der Mitte ansprach: „Das repräsentiert den Kreis des Lebens. Wobei man nie weiß, ob es gut beginnt und schlecht endet oder schlecht beginnt und gut endet. Oder sonst wie verläuft. Sicher ist nur, dass es verläuft wie in einem Kreis. Und das ist der Unterschied zur Lebensphilosophie in westlichen Zivilisationen, die einen Anfang und ein Ende haben.“

Das "tawa chakawa" (Andenkreuz), gezeichnet und erläutert von unserem Guide.

Das „tawa chakana“ (Andenkreuz), gezeichnet und erläutert von unserem Guide.

Cusco ist zudem ein mächtiger Einschnitt in unsere kleine Radeltour. 45.000 von 110.000 Höhenmetern sind bereits erarbeitet. In nur sechs Wochen haben wir also weit über zwei Drittel der GESAMTEN Höhenmeter der viereinhalb Monate geschafft – kein Wunder also, dass wir alle kräftemäßig auf den Zähnen gehen. Ein dicker Berg steht noch an, dann erreichen wir das Altiplano zwischen den beiden Andenketten und werden eine Zeitlang weitestgehend flach auf über 4.000 Meter radeln. Aber ich bin mir sicher – auch da werden wieder Herausforderungen auf uns warten, die uns an die Pforten der eigenen Wahrnehmungen werden klopfen lassen.

Ich werde drüber berichten. In diesem Sinne ein herzhaftes buena suerte an alle und hasta pronto! Ich gehe jetzt noch ein bisschen Cusco genießen und lass Euch dafür ein paar Bilder aus den letzten Tagen da!

Aqua Caliente frühmorgens um kurz vor Fünf - wer um 7 in Machu Picchu sein will, muss früh aufstehen.

Aguas Calientes frühmorgens um kurz vor halb Sechs – wer um 7 in Machu Picchu sein will, muss früh aufstehen.

Gruppenfoto vor Machu Picchu. Der steile Zahn im Hintergrund ist der frühmorgens erkletterte Wayhna Picchu.

Gruppenfoto vor Machu Picchu. Der steile Zahn im Hintergrund ist der frühmorgens erkletterte Wayna Picchu.

 

So sieht's aus ;-)

So sieht’s aus 😉

Auf dem Gipfel des Wayhna Picchu traf ich einen jungen Japaner, der mit diesen herrlichen Schuhen den steilen bewältigt hatte.

Auf dem Gipfel des Wayna Picchu traf ich einen jungen Japaner, der mit diesen herrlichen Schuhen den steilen Pfad bewältigt hatte.

 

Die ersten Vorboten von Cusco sind erreicht.

Die ersten Vorboten von Cusco sind erreicht.

Marktimpression

Marktimpression

In Peru gibt es tausende verschiedene Kartoffelsorten

In Peru gibt es tausende verschiedene Kartoffelsorten

Bezahlen Sie einfach mit ihrem ...

Bezahlen Sie einfach mit ihrem …

Souvenirs, Souvenirs

Souvenirs, Souvenirs

"Die Arbeiten an Machupicchu wurden nie beendet", sagte unser Guide am Ende. Stimmt!

„Die Arbeiten an Machu Picchu wurden nie beendet“, sagte unser Guide am Ende. Stimmt!

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3 Kommentare

  1. Whow! Ich gehöre nicht zu denen, die schon mal in Machu Picchu waren, hatte aber schon mal neugierig bei Freund Google gelunst…..aber wie nicht anders zu erwarten, übertriffst du mit deiner Beschreibung sämtliche Links hierzu!!!!!!!!!!!! Super lieben Dank dafür! (habe leider nicht so passende Schuhe wie der Japaner!) So, nun kraxelst du also schon zu Fuß auf den Bergen rum….hatte neulich nicht jemand sowas wie Bergziege erwähnt? Etwas schwindelig wurde mir bei einigen Bildern schon…Pass weiterhin gut auf dich auf!
    Sehr verlockend übrigens auch die Kartoffelsorten, und ebenso beeindruckend ihre Anbieterinnen. Wieder geniale Bilder, die soviel aussagen. Thanks!
    So, liebe Grüße auch von Uli soll ich sagen, und ich sage nun Gute Nacht!

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  2. Hallo Hardy,
    ich habe mich in den letzten Tagen durch deine bislang gesammelten Abenteuer des „The Andes Trail“ hindurchgelesen und muss sagen: ¡estoy impresionada y un poco orgullosa!
    Du schreibst so anschaulich und „menschlich“, dass man sofort Lust bekommt, selbst die Orte zu bereisen, von denen du erzählst. Vielen Dank dafür 🙂
    Weiterhin wünsche ich dir viele tolle Erlebnisse und viel Freude!
    ¡Mucha suerte y fuerza para el resto del camino!

    Saludos
    Maike (Tochter von Elke ;-))

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  3. Lieber Hardy,

    freue mich, dass Du das Zwischenziel wohlerhalten erreicht hast. Besonders Deine Ruhetagberichte lesen sich hervorragend. Toll auch Deine Vorausschau auf den Sidetrip habe ich mit großem Interesse gelesen. Mir war auch schon aufgefallen, dass der Camino a los Yungas nicht weit weg sein muss, aber wohl nicht auf Eurer Route ist.

    Ganz besondere Freude habe ich allerdings bei Deinem (für mich neuen) Optimismus empfunden. Anders kann ich mir nicht erklären, wie 45/110tel auf einmal „weit über zwei Drittel“ sein können. Ein halb leeres Glas wird bei Dir auf einmal halbvoll – weiter so. Behalte Dir den Optimus bei und bereite den daheimgebliebenen Couchradlern weiterhin so viel reisejournalistische Freude. Bon Viaje und grüße an Hardy, den ich natürlich synchron lese !

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