Zurück in der Achterbahn

2.700, 4.200, 2.000, 2.800, 3.800, 2.600, 3.300, 2.900 – soweit die Eckdaten in Höhenmetern der letzten drei Fahrtage. Wir sind zurück also in der Achterbahn!
Am Dienstag ging es bei leicht bewölktem Himmel in Ayachucho los mit einem 60 Kilometer langen Anstieg von 2.700 auf 4.200 Meter. Eine nicht enden wollende Kurbelei über unzählige Serpentinen mit meistens moderaten Steigungsraten von 4 bis 8 Prozent, teilweise aber auch bitterscharfen Rampen von 9 bis 11 Prozent. Doch nicht die Steigung war die Herausforderung (wiewohl 60 Kilometer bergauffahren mental erstmal verarbeitet werden muss), sondern die dünne Höhenluft. Inzwischen haben wir uns zwar alle ein wenig besser akklimatisiert in der Höhe, die Schmerzen und schleppenden Bewegungen ab 3.800 Meter aufwärts begleiten uns aber unverändert. Zumal es dort oben selbst bei herrlichem Sonnenschein tüchtig kühl ist und gerne auch mal eine steifen Brise weht.

Auf dem Weg zum 4.200-Meter-Gipfel

Auf dem Weg zum 4.200-Meter-Gipfel

Ich hatte einen guten Tag erwischt und schaffte die 82-Kilometer-Etappe in etwas über fünfeinhalb Stunden, womit ich unter den ersten zehn Fahrern im Ziel war und mir dementsprechend einen schönen Platz für mein Zelt im Bushcamp auf 4.200 Metern auswählen konnte. Und was für eine fantastische Aussicht es war! Erhaben thronten wir mit unseren kleinen Fahrrädern und Kompaktzelten vor einer eindrucksvollen Gipfelkulisse, die sich in einem 360-Grad-Panorama um unseren Campingplatz zog. Am Nachmittag verschwanden dann auch die letzten (kühlenden) Wolken und schufen Raum für eine Sonne, die uns ihre volle Wärmekraft spenden konnte. Ein Traumtag auf einem Traumplateau und ein Tag, an dem die ganze Faszination von The Andes Trail spürbar wurde. Kaum war die Sonne jedoch hinterm Horizont verschwunden, waren die Höhenmeter flugs wieder zu spüren und wir saßen mit Pudelmützen und allem, was das Gepäck so hergab, bibbernd beim Abendessen und einem anschließenden kleinen Lagerfeuer.

Bushcamp auf 4.200 Metern.

Bushcamp auf 4.200 Metern.

Tags darauf stand erneut eine Vergnügungsreise an. Diesmal ging es 60 Kilometer abwärts – von 4.200 auf 2.000 Metern! Auf einer frischasphaltierten und herrlich breiten Piste (die letzten The-Andes-Trail-Touren hatten an dieser Stelle noch mit schroffen off-road-Pisten zu kämpfen gehabt) segelten wir über gefühlt hunderte von Kurven ins Tal und genossen die phantastische Aussicht und den Geschwindigkeitsrausch. Und natürlich die Wärme – auf 4.200 bei herrlichem Sonnenschein mit Wollmütze, dicker Jacke, Beinlingen und Handschuhen gestartet flogen währen der Abfahrt immer mehr Kleidungsstücke von uns ab, ehe wir auf 2.000 Metern selbst im dünnen Radshirt mächtig zu schwitzen hatten. Etwas, was man sich immer mal wieder vor Augen führen muss – auf 2.000 Metern herrschen in den Anden klimatische Bedingungen wie in Europa auf 500 Metern, wachsen Bananen und andere Pflanzen, schaut es aus, als sei man fast am Meeresspiegel. Die Anden mit ihrer Geografie und ihrer Klimatologie sind schon eine ganz besondere Geschichte.
Und noch etwas war bemerkenswert: angekündigt waren 60 Kilometer bis zum Talboden, wo der Lunchtruck wartete. Tatsächlich aber waren es nur 52 Kilometer – durch die Straßenbaumaßnahmen war die Strecke um acht Kilometer verkürzt worden! Warum das so war konnte man deutlich erkennen, denn die alte Naturpiste verlief häufig neben der neuen Straße und musste an vielen Stellen aufwändige Umwege machen, um Felsen oder anderen Hindernissen zu umgehen. Für die neue Piste waren die Felsen hingegen einfach weggesprengt und so eine deutlich geradere Linie gezogen worden, die eben auch zu der Streckenverkürzung geführt hatte. An dieser Stelle dann auch gleich mal ein lobendes Wort an Perus Straßenbauer. Das war eine Meisterleistung, diese Piste zu erstellen! Es muss eine Mordsarbeit gewesen sein, angesichts der vielfältigen Herausforderungen, die zu meistern waren. Der Lohn war – zumindest für uns – eine traumhafte Abfahrt und für mich persönlich (wie vermutlich für die meisten von uns) die wohl schnellsten 52 Kilometer auf einem Fahrrad im gesamten Leben – ich habe eine knappe Stunde dafür gebraucht 🙂

52-Kilometer-Talfahert in der Anden-Achterbahn. Was ein Vergnügen!

52-Kilometer-Talfahert in der Anden-Achterbahn. Was ein Vergnügen!

Doch nach dem Spaß kam die Arbeit, denn nun mussten wir 900 Höhenmeter hinauf nach Chincheros klettern. Inzwischen schien die Sonne mit voller Kraft, und auch die lästigen Sandfliegen im Flußtal machten uns das Leben an dem mit grimmigen zehn Prozent startenden Anstieg zunächst schwer. Zäh wie Kleister zog sich der Anstieg, der erst nach der Hälfte etwas flacher wurde. Ein Coke-Stopp in einer sehr urigen Bodega half dann, die letzten Energiereserven freizukitzeln und uns den Schwung für die letzten zehn Kilometer zu geben.

Der "rettende" Coke-Stopp.

Der „rettende“ Coke-Stopp.

Abends in Chincheros passierte es dann. Irgendwas muss mit dem Abendessen im örtlichen „Chifa“ (das ist der peruanische Versuch, ein China-Restaurant zu kopieren) nicht gestimmt haben. Jedenfalls wachte ich morgens um vier mit unschönen Magenkrämpfen auf. Das Frühstück schmeckte nicht und wollte auch nicht so recht rein in den Magen. Als es dann nach zehn Minuten im hohen Bogen wieder rauskam war klar, dass der Tag für mich gestrichen war.

Es ist eben immer wieder dieser schmale Grat, auf dem wir alle wandeln. Ganze elf von 40 Fahrern sind noch auf EFI, haben also bislang jeden einzelnen Millimeter gefahren. Durchfall, Magenprobleme, Schnupfen (durch den Regen/die Temperaturen), die Höhenkrankheit – die Gründe sind vielfältig. Nahezu jeden Tag klettert irgendjemand mit mehr oder weniger leidendem Gesichtsausdruck auf den Truck und lässt sich ins Camp fahren. Die Tour zehrt an unseren Körpern, und sobald irgendetwas Unvorhersehbares geschieht, fällt man runter vom schmalen Grat. Wie ich mit meinem Chifa-Essen, das irgendetwas enthalten haben muss, was mein Magen nicht wollte. Oder vielleicht war es auch nur die Schokolade, die ich anschließend noch mit einem Bier runterspülte. Jedenfalls saß ich gestern auf dem Truck und ließ mich bei garstigem Regenwetter nach Andahuaylas kutschieren, wo ich nun am Pausentag hoffentlich die notwendige Regeneration finden werde.

Inzwischen hat sich mein Magen auch wieder beruhigt, nachdem ich gestern Abend noch ein kleines Spezialspektakel in einer hiesigen Seitenstraße abgeliefert hatte. Gemeinsam mit Alfred war ich auf dem Weg in eine Pizzeria, als der dortige Geruch direkt in meinen Magen traf und statt Hungergefühle eher Würgereize auslöste. Ich schaffte es gerade noch hinter eine Straßenlampe, dann kam erneut der Mageninhalt heraus… Immerhin: kurz darauf brachte mir eine peruanische Ladenbesitzerin ein Glas Wasser und schenkte mir einen mitleidig-aufbauenden Blick.

Ich will die Gelegenheit nutzen und noch mal auf das Rennen zu sprechen kommen. Das läuft hier schon deutlich anders ab als in Afrika. Dort hatten wir kleine Computerships, die die Zeit exakt maßen, und dort war nahezu jeder Tag ein Renntag. Hier wird die Zeit per Hand bemessen und in eine Liste eingetragen, ist bestenfalls jeder dritte Fahrtag auch ein Renntag. Wenn die Landschaft besonders schön ist, wird beispielsweise auf das Rennen verzichtet, und wenn wir durch eine größere Ortschaft fahren ebenfalls. Ich finde das sympathisch, denn an den Nicht-Renntagen ist die Atmosphäre im Fahrerfeld anders. Auch die Racer stoppen dann für Fotos und nehmen sich Zeit für eine Cola, was die ganze Sache insgesamt deutlich entspannt. An Renntagen hingegen fühlt man sich auch als Nicht-Racer oft ein wenig gestresst, denn da herrscht eine spürbar andere Atmosphäre. Und noch etwas hat die relativ seltene Zeitnahme zur Folge: es hat viel mit Glück – oder Unglück – zu tun, wann man „krank“ ist und auf dem Truck mitfahren muss. Von meinen drei Tagen auf dem Truck waren zwei Renntage – das hat mir insgesamt 24 Stunden Strafzeit eingebracht. Ein Kollege aus den USA, der am letzten Pausentag in Ayacucho entschied, sich dort richtig auszukurieren und dadurch drei Fahrtage verpasste (er kam heute morgen mit einem Bus in Andahuaylas an) verpasste hingegen nur einen Renntag und erhielt dementsprechend „nur“ zwölf Strafstunden. Es ist also alles irgendwie auch eine Frage von Glück und Zufall, wie das mit dem Rennen aus persönlicher Sicht läuft.

Nun sind es noch vier Tage bis nach Cusco, eine der „Wendemarken“ auf  The Andes Trail. Dort werden wir dann rund 3.350 Kilometer und 45.000 Höhenmeter gefahren haben – in meinen Augen durchaus bemerkenswerte Zahlen. Neben dem Besuch von Macchu Piccu freue ich mich in Cusco vor allem darauf, endlich meinen Namensvetter Hardy Bögel kennenzulernen, der bereits seit Mai mit seinem Rad unterwegs ist. Er ist während der WM in Brasilien unterwegs gewesen und seitdem auf dem Weg nach Cusco, von wo aus er eine Zeitlang auf The Andes Trail mitfährt (hier sein Blog: http://hardy-radelt.tumblr.com/). Hardy hat 2010 an der Tour d’Afrique teilgenommen und mir anschließend viele wertvolle Tipps über die Tour gegeben, die mir sehr geholfen haben. Wir stehen seitdem in Kontakt, ohne uns jedoch bislang begegnet zu sein – und, lieber Hardy, Cusco ist doch wohl der perfekte Ort für die erste Begegnung, oder? 🙂 Und danach heißt es dann endlich „zwei Hardys on tour“!

Ach, und das noch: mein zweiter Artikel für die ZEIT ist nunmehr online. Klickt ordentlich drauf, dann freut sich mein Redakteur 😉 http://www.zeit.de/reisen/2014-09/peru-suedamerika-radrennen-anden-trail

Und nochmal diese traumhafte Abfahrt über 52 Kilometer.

Und nochmal diese traumhafte Abfahrt über 52 Kilometer.

 

Start in Ayachucho

Start in Ayachucho

Die Racer auf dem Weg von Ayachucho ins 4.200-Meter-Bushcamp

Die Racer auf dem Weg von Ayachucho ins 4.200-Meter-Bushcamp

Meisterleistung peruanischer Straßenbau!

Meisterleistung peruanischer Straßenbau!

Vor dem Gegenanstieg (im Hintergrund zu sehen) nach der 52-Kilometer-Tlfahrt.

Vor dem Gegenanstieg (im Hintergrund zu sehen) nach der 52-Kilometer-Talfahrt.

Wahlzeit in Peru - da werden auch wir eingespannt. In Ayachucho fing uns vor dem Start ein "General" ab, überreichte uns T-Shirts und ließ uns zum Gruppenfoto aufstellen. Ich habe mich auf das Fotografieren beschränkt, denn für welche Politik seine Partei steht wurde uns nicht wirklich klar.

Wahlzeit in Peru – da werden auch wir eingespannt. In Ayachucho fing uns vor dem Start ein „General“ ab, überreichte uns T-Shirts und ließ uns zum Gruppenfoto aufstellen. Ich habe mich auf das Fotografieren beschränkt, denn für welche Politik seine Partei steht wurde uns nicht wirklich klar.

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2 Kommentare

  1. Ja Hardy; unglaublich….noch 3 Tage bis wir uns in Cusco treffen….bin euuch einen Tag voraus und heute in Abancay angekommen….also, noch 2 Tage bis Cusco- so alles klappt….so genau weiss man das ja nie….hoffe du bist wieder fit….ich hab mir inzwischen eine kleine Flasche peruanischen Schnaps besorgt und nehm jeden Tag ein Schlueckchen als Provylaxe fuer etwaige Dinge die ich esse und evt. nicht vertrage….soll helfen!! Danke fuers verlinken auf deinem Blog!! Super schoene Fotos von eurem Camp in der Hoehe…das sind die Momente die ewig bleiben….die Hotelzimmer eher weniger! Alles Gute und ich freu mich auf dich und euch und Cusco ……
    Gruesse
    Hardy

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