El Niño und der „leuchtende Pfad“

Mit den Ortschaften, in denen wir unsere Pausentage verbringen, ist es irgendwie wie mit den Steigungen, den Höhenunterschieden und dem Wetter – sie fallen alle komplett unterschiedlich aus. Huánuco war laut, hektisch und heiß. Huaraz kühl, warmherzig und geschäftig. Tarma bodenständig und ursprünglich. Nun sind wir in Ayacucho, und wieder ist alles irgendwie anders. Eine herrlich entspannte, fröhliche Stadt, in der es für peruanische Verhältnisse bemerkenswerte gelassen zugeht. Nicht einmal die sonst überall anzutreffenden Minitaxen (TukTuk) rasen hier in den gewohnten Massen durch die Gegend und verpesten die Luft mit ihrer ständigen Huperei! Stattdessen gibt es sogar eine … Fußgängerzone! Ganze Straßen, in denen der Autoverkehr nichts zu suchen hat! In denen die Menschen ungefährdet flanieren können! So etwas habe ich seit Quito nicht mehr gesehen!

Ein kleiner Spaziergang durch das Zentrum der von einer Universität und vielen Behörden geprägten Stadt am frühen gestrigen Nachmittag machte Lust auf mehr. Okay, es war Sonntagnachmittag und die meisten Geschäfte hatten zu, aber das hielt viele Einheimische nicht davon ab, gemütlich durch die mit uralten Kopfsteinen ausgestatteten schönen Gassen zu flanieren. Ich sah verliebte Pärchen, die sich auf Parkbänken oder in schummrigen Eckchen tummelten, ich sah Familien, die fröhlich Kinderwagen schiebend die angenehm warme Sonne genossen und ich sah reichlich fröhliche und zufriedene Gesichter. Allerdings scheint Ayacucho auch eine recht junge Stadt zu sein, denn ältere Menschen sah ich nicht allzu viele. Das wiederum verbindet Ayacucho mit Huánuco, Huaraz oder Tarma – auch dort waren überwiegend junge Menschen zu sehen.

Ich bin gegenwärtig nicht auf dem Laufenden was Bevölkerungswachstum und Alterspyramide Perus betrifft, aber es ist offensichtlich, dass zumindest in den Städten der Altersschnitt recht jung ausfällt. Auf dem Land sieht das ein wenig anders aus. Da findet man jene Männer und Frauen, die bei Südamerikareportagen so gerne gezeigt werden und deren verrunzelte Gesichter ganze Lebensgeschichten erzählen. Doch auch die Dörfer sind jung. Sehr jung sogar. Oft genug sah ich junge Mädels von vielleicht 17 oder 18 Jahren Babys tragen und zugleich harte Arbeit verrichten.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist hierzulande frappierend. Das zeigte einmal mehr die abgelaufene Woche, die uns zunächst von Tarma nach Huancayo transportierte, das als eines der Zentren in den peruanischen Anden fungiert und entsprechend lebendig daherkam. Von dort bogen wir dann ins Hinterland ab und trafen auf Dörfchen wie Izchuchaca, La Esmeralda oder Mayocc, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Ein oder zwei Bodegas, in denen es alles, was man so zum Leben braucht, zu kaufen gibt, der unvermeidliche Shop fürs Mobiltelefon, Kneipe, Kirche, Fußballplatz und ansonsten – nichts. Außer harter, landwirtschaftlicher Arbeit. Und dem regelmäßigen Busverkehr, mit dem die Einwohner zumindest für kurze Zeit mal eintauchen können in dieses andere Peru, das sich in den Städten findet. Dass das ländliche Peru allerdings Probleme hat, konnten wir ebenfalls erkennen, denn entlang der Piste fanden sich immer wieder aufgegebene Häuser und teilweise sogar ganze verwaiste Dörfer.

Dorf im Hinterland

Aufgegebenes Dorf im Hinterland

Und damit Hallo zum Update in Sachen The Andes Trail. Wir sind zwar erst seit etwas mehr als einem Monat unterwegs, doch es fühlt sich bereits an wie eine Ewigkeit. Quito und die beiden Reifenpannen auf dem Weg zum Mitad del Mundo scheinen zu einem anderen Leben zu gehören. Soviel ist passiert in der Zwischenzeit, soviel haben wir erlebt, gesehen, gefühlt und, ja, auch gelitten. In Sachen Leiden war die letzte Woche verhältnismäßig harmlos. Ich würde sogar von einer „entspannten Woche“ schreiben, wenn da nicht ein Problem gewesen wäre: El Niño. Dieses Wetterphänomen, das vor der Küste von Südamerika seinen Ursprung hat, hat uns letzte Woche verdammt aufs Korn genommen. Soweit ich es verstehe, ist der Pazifik ungewöhnlich warm, was zu ungewöhnlich feuchter Luft führt, die sich mit feuchten Luftmassen vom Amazonas verbindet.

Das Resultat sind regelmäßige Regenfälle, von denen wir letzte Woche reichlich abbekamen. Donnerstag erwischte es uns auf dem 4.200 Meter hohen Gipfel hinter Tarma, wurde die anschließende Abfahrt bei kaum sechs Grad und Dauerregen zur wortwörtlichen Zitterpartie. Freitag kam es dann ganz dick: Als ich morgens um 6.30 Uhr einen Blick aus dem Hotelfenster in Huancayo warf, sah ich nichts als düsterschwarze Wolken. Zum Start der Etappe gab es dann zwar Sonnenschein, doch kaum waren wir auf dem Anstieg zum 3.900 Meter hohen Gipfel empfing uns erneut Regen und ließ uns fast bis zum Ende der 102 Kilometer-Etappe nicht mehr los. Vorgestern dann starteten wir unter zwar bewölktem, aber immerhin mit ein paar blauen Sprengseln versehen Himmel, kurbelten über weite Strecken im Trockenen, ehe es uns auf der zweiten Hälfte doch noch erwischte.

El Niño bringt frisches Nass uns Tal. Links gut zu erkennen übrigens unsere Piste..

El Niño bringt frisches Nass ins Tal. Links gut zu erkennen übrigens unsere Piste..

Gestern dann endlich mal eine regenfreie Etappe hier nach Ayacucho, was auch dringend nötig war, denn kleidungstechnisch waren die Regentage eine echte Belastung. Weil es nachts ebenfalls ziemlich feucht war, trockneten die Klamotten einfach nicht ab und wir fuhren allesamt sozusagen „auf dem letzten Loch“. Ich jedenfalls hatte alles, was ich an Radelkleidung im Wochengepäck hatte, aufgebraucht. Dabei hatten wir noch Glück, denn eigentlich wären die Etappen am Freitag und Samstag auf einer off-road-Piste gelaufen, und da hätten wir uns bei dem Dauerregen wohl ziemlich eingesaut. Doch auch in Peru werden Naturpisten asphaltiert, was das Zeug hält, und so waren wir sowohl überrascht als auch ziemlich froh, auf jungem Asphalt durch den Regen segeln zu können. Lediglich gestern Morgen standen 30 Kilometer im „dirt“ an, wobei auf den gesamten 30 Kilometern Straßenbaumaßnahmen im Gange waren – die nächste Ausgabe von The Andes Trail wird also von Huacayo bis Ayacucho gemütlich auf Asphalt radeln können.

Dank des Asphalts war es eine vergleichsweise „leichte“ Woche, auch wenn wir auf rund 400 Kilometern immer noch etwa 5.000 Höhenmeter machten. Und wenn der Regen nicht gewesen wäre, würde ich sogar von regelrecht entspannenden Etappen sprechen… Neben dem Regen hielten uns ein paar andere Dinge auf Trab. Zum Beispiel ein ausbleibender Lunchtruck, was uns an seinem vorgesehenen Standort bei Kilometer 57 alle rätseln ließ, ob wir möglicherweise irgendwo falsch abgebogen waren. Stattdessen hatte Trickdriver Walter in Huancayo die falsche Straße erwischt, irrte er irgendwo in der Gegend umher. Oder ein Verkehrsunfall, bei dem (wieder!) unser Lunchtruck nur mit wenigen Minuten Verzögerung eintraf und unsere mitreisende Krankenschwester Annelotte Erste Hilfe leistete, was für uns abermals das Mittagessen ausfallen ließ. Die Bike-Dreams-Organisatoren reagierten aber großartig und organisierten in einem kleinen Örtchen auf der Hälfte der Strecke in Windeseile ein „Notlunch“ am Straßenrand.

Der Unfall war übrigens ein typisches Beispiel für das, was hier auf den Straßen so los ist. Ein wie wild drängelnder Kleinbusfahrer hatte auf einer sehr engen Straße ein entgegenkommendes Fahrzeug gerammt, weil er viel zu schnell unterwegs gewesen war. Das war umso gefährlicher, weil die Piste, auf der wir unterwegs waren, einerseits kaum Platz für zwei Fahrzeuge nebeneinander bot und andererseits regelrecht in den Fels gehauen war, sprich zur anderen Seite unangenehm steil talwärts ging. Eine falsche Bewegung kann da verdammt üble Folgen haben, und das macht die hiesigen Harakirifahrer so unangenehm. Auch für uns Radler, denn wir werden in der Regel mit einem aufdringlichen Hupen in den Straßengraben geschickt. Und wenn dieser Straßengraben nicht nur schmal ist sondern zudem übergangslos in die Tiefe übergeht geht einem ganz schön die Pumpe. Vor allem bergab war das häufig ein Nervenkitzel. Ich hatte eine Situation, wo ich recht zügig unterwegs war und, als ich um eine Felsenecke bog, plötzlich einen riesengroßen Bus vor mir sah, der die gesamte Fahrspur einnahm. Glücklicherweise war der Straßengraben breit genug, so dass ich halten und zugleich den hinter mir hinabrasenden Kollegen warnen konnte, der dennoch erst wenige Zentimeter vor dem Bus mit quietschenden Reifen zum Stehen kam.

Manchmal - aber eher selten - wird der Verkehr auf der schmalen Straße geregelt.

Manchmal – aber eher selten – wird der Verkehr auf der schmalen Straße geregelt.

Wir waren übrigens auf der sogenannten „Coca-Straße“ unterwegs, über die der Nachschub der in ganz Peru so beliebten Coca-Blätter läuft, die hier ins Tees getrunken, in Bonbons verarbeitet oder schlicht einfach gekaut werden. Es sind übrigens die Blätter der Coca-Pflanze – nicht die Blüten, aus denen der „weiße Stoffe“ gemacht wird. Die Blätter dienen nicht nur der Anpassung an die Höhe sondern machen einen zudem ausdauernder. Aber auch diesbezüglich scheint die Globalisierung nicht aufzuhalten, denn trotz des bewährten Coca-Allheilmittels wird auch in Peru an allen Ecken ein ekelhaft süßliches Gesöff verkauft, mit dem man in Leipzig demnächst Bundesligafußball erleben möchte. Reisen wie The Andes Trail oder die Tour d’Afrique, bei der ich 2011 im hintersten Hinterland von Tansania RedBull vorfand, belegen leider auch, wie sich die Welt bis in die letzten Winkel den Bedingungen der „Großen“ anzupassen scheint.

Das ist eigentlich ein schönes Stichwort, um noch einmal kurz nach Ayacacho zurückzukommen. Ayacacho ist nämlich die Geburtsstadt des berühmt-berüchtigten „Senderos Luminoso“ („Leuchtender Pfad“), dessen Gründer Abimael Guzmán in Ayacucho Philosophie lehrte. In den späten 1960er Jahren rief er die dem maoistischen Weg folgenden Gruppe ins Leben, die in Ayacucho ihre erste Hochburg hatte. Ab den 1980er Jahren militarisierte sich die Gruppe und kämpfte für eine „Neue Demokratie“ bzw. die Diktatur des Volkes. Eine blutige Strategie, der vor allem Kleinbauern zum Opfer fielen. Guzmán wurde 1992 gefasst, und heute ist Sendero Luminosos eine militante Splittergruppe, die vor allem im Drogenhandel aktiv ist. Der ursprüngliche Hintergrund – eine ungleiche Welt –hat, zumindest in Peru, sicher noch Bestand, wenngleich mein Eindruck ist, dass auch Peru auf einem durchaus hoffnungsvollen Weg ist.

Und damit zurück von der komplizierten Weltpolitik in die überschaubare Welt des Anden-Rad-Durchquerers. Der genießt nun seinen Ruhetag in Ayacucho und bereit sich zugleich auf die kommenden Aufgaben vor. Schon morgen steht nämlich erneut ein 4.200-Meter-Gipfel an, auf dem wir dann auch gleich ein Bushcamp aufschlagen werden. Das wiederum heißt, dass Pudelmütze und Handschuhe erneut zum Einsatz kommen werden – es ist eben ein ständiges Wechselspiel auf The Andes Trail.

Zum Schluss wie gewohnt noch ein paar optische Eindrücke von der letzten Woche.

Buscamp am Flußufer - sieht idyllisch aus, war es aber nicht. Grund: Billionen von blutrünstigen Sandfliegen, die uns alle ordentlich zerstachen.

Bushcamp am Flußufer – sieht idyllisch aus, war es aber nicht. Grund: Billionen von blutrünstigen Sandfliegen, die uns alle ordentlich zerstachen.

Hinauf, immer wieder hinauf.

Hinauf, immer wieder hinauf.

Immer wieder kommt es zu Erosionen und/oder Felsabstürzen, die die Straße dann plötzlich in eine raue off-road-Piste verwandeln.

Immer wieder kommt es zu Erosionen und/oder Felsabstürzen, die die Straße dann plötzlich in eine raue off-road-Piste verwandeln.

Eng schmiegt sich die Piste an den Felsen, während es rechts steil ins Tal stürzt.

Eng schmiegt sich die Piste an den Felsen, während es rechts steil ins Tal stürzt.

Herrliche Farbspiele im Mantaro-Tal.

Herrliche Farbspiele im Mantaro-Tal. Rechts bzw. im Hintergrund unsere Piste.

Scheint ein langer Weg von daheim bis zum Pub untem im Tal zu sein...

Scheint ein langer Weg von daheim bis zum Pub untem im Tal zu sein…

Am Tag, als unser Lunchtruck sich verfuhr, griffen wir zur Selbstversorgung im Örtchen Mariscal Sucre.

Am Tag, als unser Lunchtruck sich verfuhr, griffen wir zur Selbstversorgung im Örtchen Mariscal Sucre.

Bushcamp auf dem Sportplatz von Elektroperu.

Bushcamp auf dem Sportplatz von Elektroperu.

Sex sells - auch in Peru. Vielfach gibt es an Autowaschplätzen derart aufreizend gestaltete Plakate - die eigentliche Arbeit wird dann aber ganz ziemlich im Blaumann und von meistens männlichen Wäschern durchgeführt.

Sex sells – auch in Peru. Vielfach gibt es an Autowaschplätzen derart aufreizend gestaltete Plakate – die eigentliche Arbeit wird dann aber ganz sittsam im Blaumann und von meistens männlichen Wäschern durchgeführt.

Die Partei mit dem Fußball als Symbol.

Die Partei mit dem Fußball als Symbol.

 

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Ein Kommentar

  1. so schoen deine Berichte zu lesen mit all den Hintergrundinfos dazu….bin nun in Puquio…noch 5 Tage bis Cusco und jede Menge Auf und Ab – aber schoen und eindruecklich und auch als Vegetarier immer sehr lecker; bei mir ja auf Asphalt….hoffe es klappt alles bis dahin. Gutes Radeln Euch. Bis dann
    Hardy

    Gefällt 1 Person

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