Im Wechselbad der Gefühle

Ich habe ja schon einige verrückte Sachen auf dem Fahrrad angestellt, aber das hier, das toppt alles. Selbst die Tour d’Afrique kommt mir im nachherein betrachtet manchmal als, ich zitiere einen Mitfahrer von damals, „gemütliche Radtour entlang der Mosel“ vor.

Afrika gab uns immer mal wieder Atempausen, Passagen der Erholung, in denen sich der Körper ein wenig entspannen konnte. Hier? Nix mit Erholung! Dazu kommen die im Vergleich zu Afrika völlig anderen klimatischen Herausforderungen. Nehmen wir nur mal die letzten vier Tage. Start in Huaraz bei leicht bewölktem Himmel und ungefähr 20 Grad. Abends Bushcamp auf 4.200 Höhenmetern. Wir trugen alles am Leibe, was die Koffer hergaben und rüttelten in der Nacht ordentlich an den Wärmegrenzen unserer Schlafsäcke. Während die zumeist hielten, was sie versprachen (zumindest meiner tat es), schüttelten wir morgens Eisblöcke aus unseren Trinkflaschen und blätterten Tau von unseren Zeltwänden. Der Tag führte uns dann hinauf bis auf 4.883 Höhenmeter – das war zugleich der höchste Punkt, den wir während The Andes Trail erreichen werden. Dort oben lauerten düstere Wolken, denen ich gerade eben noch entgehen konnte, während sich langsamere Fahrer im Schneetreiben (…) wiederfanden. Nach dem Gipfelsturm ging es hinab bis auf 3.500 Meter, wo uns ein feiner und unnachgiebiger Nieselregen das Leben schwer machte – gefühlt war das fast noch kälter als auf 4.200 Metern.

Auf 4.883 Metern - ich weiß, es sieht ziemlich unspektakulär aus. War aber trotzdem ein großer Moment ;-)

Auf 4.883 Metern – ich weiß, es sieht ziemlich unspektakulär aus. War aber trotzdem ein großer Moment 😉

Gestern nun kletterten wir zunächst auf 3.900 Meter zurück, um abermals auf Regen zu treffen, was auf einer derartigen Höhe natürlich immer auch unangenehme Kälte bedeutet. Anschließend stand noch ein spektakuläre Talfahrt ins auf 1.900 Metern gelegene Huánuco an, die sich über 50 Kilometer zog und am Abend vorher noch für erfreute „Juchheißa“-Rufe im Camp gesorgt hatte. Davon war nun nichts mehr zu hören, denn bei sintflutartigen Regenfällen eine steile, unendlich kurvenreiche und zudem extrem schmale Straße hinunterzuradeln ist pure Arbeit. Über zweieinhalb Stunden brauchte ich für die Strecke und war fix und fertig, als ich endlich im Tal ankam. Dort herrschten dann übrigens um die 35 Grad – Huánuco ist die Schnittstelle zwischen den Anden und Amazonas. Binnen vier Tagen von Schneetreiben zu Saunatemperaturen – das soll erstmal jemand nachmachen!

In Huánuco steht nun ein Pausentag an, ehe es morgen zurück in die Höhen geht. Ziel ist Cerro de Pasco, eine grimmige Minenstadt, die zu den höchstgelegenen Städten der Welt gehört. In meinen Notizen vor der Tour habe ich geschrieben „dort herrschen Temperaturen wie im Kühlschrank“. Da wird wohl morgen die Badehose wieder durch die Wollmütze ersetzt werden.

Pausentag in Huánuco. Oder „Rest day“, wie es im englischen Camp-slang heißt. Mit „rest“ ist es hier aber nicht weit her. Denn Huánuco ist die Hauptstadt des Lärms. In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht in einer derart lauten, hektischen und chaotischen Stadt gewesen. In Dreierreihen fahren die zweitaktbetriebenen und entsprechend knatternden TukTuks durch die Straßen und verpesten die Luft. Als Fußgänger muss man stets einen Blick für die Lücke haben, um die Straßen überqueren zu können. Zum motorisierten Klangteppich gesellen sich Musik aus allen Richtungen, die handelsüblichen Alarmanlagen, Fernsehgeräte in Überschalllautstärke aus nahezu jedem Restaurant sowie Gehupe von allem, was fährt. Eine Kakophonie des Lärms, die ehrlich gesagt kaum erträglich ist. Zumal unser Hotel inmitten des Zentrums liegt und seinem Namen „Real Hotel“ in keinster Weise gerecht wird. Es ist nämlich eine Bruchbude mit pompösem Anstrich, in dem überall der Schimmel aus den Ecken lugt und in dem vor allem die Fenster nur einfachverglast sind – der ganze Lärm gelangt also quasi ungefiltert in die Zimmer.

Nachdem ich gestern nachmittag nach meiner Ankunft in Huánuco vergeblich versucht hatte, ein wenig Erholung in diesem Lärmbad zu finden, machte ich mich auf die Suche nach der Stille Huánucos – und fand nach längerem Suchen tatsächlich eine kleine Oase der Ruhe inmitten dieses wilden Molochs. Ein kleines Hostel in einer Seitenstraße, in dem ich mich für 30 Soles die Nacht – knapp acht Euro – in einem zwar fensterlosen, dafür aber auch krachisolierten Einzelzimmer einquartiert habe. Ein wenig Ruhe und Entspannung sind notwendig, denn die letzten Tage haben ziemlich am Körper gearbeitet. Der gestrige Ritt durch die Dauerregen verstopft gegenwärtig die Nase, die extremen Schwankungen in der Höhe haben ihre Spuren im Kreislauf hinterlassen und die langen Kletterpartien auf teilweise extremen Pisten den Muskeln einiges zugemutet.

Es geht hoch, es geht runter, und manchmal geht es mitten durch die Herden.

Es geht hoch, es geht runter, und manchmal geht es mitten durch die Herden.

Mit dem Hotelwechsel hatte ich immerhin die äußeren Bedingungen für einen erholsamen Erholungstag geschaffen, wobei auf der Liste der zu erledigenden Dinge immer noch eine Menge Punkte standen. Ganz oben fand sich eine neue Kassette. Für nicht-Radler: das ist nicht etwa eine Musikkassette aus vergangenen Tagen, sondern dieses Teil mit den vielen Zähnen, was sich am Hinterrad eines Fahrrades findet. Damit kann man quasi die „Leichtigkeit“ der Vorwärtsbewegung steuern. Je größer das zähnenbesetzte Blatt ist, desto einfacher lässt es sich kurbeln.

Ich war ja recht optimistisch mit meinem 28er Oma-Gang nach Südamerika gekommen (28 = 28 Zähne). Den habe ich auch am Rennrad, und damit bin ich bislang überall gut hochgekommen – auch Herausforderungen wie beispielsweise die Dreifachbefahrung des Mont Ventoux. Hier aber stieß ich damit ständig an meine Grenzen. Auf Schotter oder rauer Steinpiste einen 14 Prozent-Anstieg hinaufzukommen, der zudem auf über 4.500 Metern Höhe liegt (wo die Luft wirklich SEHR dünn ist) erwies sich in Einzelfällen sogar schlicht und einfach als nicht zu bewältigen. Ich musste also abstiegen und schieben. Vor ein paar Tagen habe dann mal geschaut, was die anderen Fahrer so montiert haben und habe immer mindestens 34, meistens sogar 36 oder gar 38 Zähne gezählt. Da musste ich mich also nicht wundern, wenn ich an derartigen Passagen nicht nur stehengelassen wurde, sondern sogar absteigen musste.

Gestern fragte ich unseren peruanischen Monteur Lucho, ob er glaube, ich könne hier eine entsprechende Kassette bekommen. Er grinste mich nur an und meinte „ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann Du kommst und mich das fragst. Mit Deiner Übersetzung ist das hier Selbstmord“. Okay, das war also geklärt. Nun ist es aber nicht so einfach, eine entsprechende Gerätschaft in einer peruanischen Kleinstadt wie Huánuco zu bekommen. Und da kommt James ins Spiel. US-Amerikaner, ein lustiger Junge und nebenbei Spitzenreiter von The Andes Trail. Als er von meinem Problem hörte, bot er mir seine im Gepäck befindliche Ersatzkassette an und bat lediglich darum, möglichst rasch für Ersatz zu sorgen. Ein phantastisches Angebot, das ich natürlich dankbar annahm, zumal Lucho sogleich einen Freund in Lima anrief und ein entsprechendes Ersatzteil auf den Weg schicken ließ, das ich James nun spätestens in Cusco zurückgeben kann.

James, mein edler Hedler mit den nötigen Ersatzteilen für den Kassettenwechsel.

James, mein edler Helfer mit den nötigen Ersatzteilen für den Kassettenwechsel.

Das war aber nur der erste Teil des Projektes. Der zweite war noch schwieriger. Denn es galt, eine Rennradschaltung mit einer Mountainbikeschaltung zu kombinieren. Wer sich damit auskennt, weiß Bescheid, wer nicht, dem sei gesagt, dass das echte Frickelarbeit ist. Satte vier Stunden brauchten wir, ehe die ganze Geschichte halbwegs funktionierte. Na ja, nicht ganz, denn ausgerechnet den kleinsten Gang kriege ich nämlich nicht rein. Für Experten: das liegt daran, dass ich den 105er Käfig nehmen musste, weil ich Rennrad-Schalthebel fahre. Damit konnten wir mit dem langen MTB-Käfig weder die zwei innersten noch die äußersten Ritzel ansteuern. Nun habe ich also eine echte Selfmadeschaltung am Rad, die mir immerhin Übersetzungen von 32-34 bzw. 34-36 liefert. Damit sollten auch die steileren Abschnitte deutlich leichter zu bewältigen sein – es gibt also keine Ausreden mehr.

Neben Lucho, der fast verzweifelt wäre an dieser Aufgabe und der dennoch nie aufgab, bin ich vor allem James dankbar, der mir bereitwillig sein Ersatzteil zur Verfügung stellte und nun mit einem gewissen Risiko weiterfährt. Bitte drückt alle die Daumen, dass er keine technischen Probleme bekommt!

Das Ganze hat allerdings große Teil des Tages gekostet, so dass die Erholung schlussendlich etwas unter den Tisch gefallen ist und mir etwas graut vor dem morgigen Tag. Das ist nämlich einer der heftigsten der gesamten Tour. 2.611 Höhenmeter auf 105 Kilometern hört sich satt an, zumal lediglich 60 Prozent auf Asphalt gefahren werden. Aus diesem Grunde muss die ausführliche Beschreibung der Geschehnisse der letzten Tage diesmal ein wenig unter den Tisch fallen. In drei Tagen haben wir aber erneut einen Pausentag, und wenn da nicht wieder ungewöhnliche Herausforderrungen anstehen, halte ich Euch nachträglich noch ein wenig auf dem Laufenden (und außerdem will ich ja im Buch, was im September 2015 erscheint, auch noch ein bisschen was zu erzählen haben 😉 )

Zumindest ein paar Bilder der letzten Tage sollen Euch aber ein wenig Eindruck von dem vermitteln, was wir so durchgemacht/durchfahren haben.

Hasta luego, Euer hardy cyclist

Was soll man dazu sagen? Es ist in der Tat so schön. Vielleicht sogar noch schöner!

Was soll man dazu sagen? Es ist in der Tat so schön. Vielleicht sogar noch schöner!

Wechselbad der Gefühle

Im Wechselbad der Gefühle

Die Jungs (und Mädels) werden allmählicher frecher :-D

Die Jungs (und Mädels) werden allmählicher frecher 😀

Pampa. Alles Pampa hier.

Pampa. Alles Pampa hier.

Fußball zu Ehren des Dorfheiligen - nebenan spielte eine Blaskapelle.

Fußball zu Ehren des Dorfheiligen – nebenan spielte eine Blaskapelle.

Habe mich mal kurz unter die Zuschauer des Spiels gemischt.

Habe mich mal kurz unter die Zuschauer des Spiels gemischt.

Mal wieder auf dem Weg ins Hinterland der Berge.

Mal wieder auf dem Weg ins Hinterland der Berge.

So sieht es auf 4.880 Metern aus.

So sieht es auf 4.880 Metern aus.

Ein Traum, nicht wahr? Zum Befahren allerdings ein Alptraum...

Ein Traum, nicht wahr? Zum Befahren allerdings ein Alptraum…

Auf dem Weg in den Nationalpark Huascaran

Auf dem Weg in den Nationalpark Huascaran

Ich bin Euch ja auch noch den Ausgang der Trikotsuche schuldig, nicht wahr? Da kommt dann José Raimundo und sein kleiner Shop im Markt von Huaraz ins Spiel.

Ich bin Euch ja auch noch den Ausgang der Trikotsuche schuldig, nicht wahr? Da kommt dann José Raimundo und sein kleiner Shop im Markt von Huaraz ins Spiel.

Es wurde dann doch nicht Allianza, sondern Universitario - die Farbgebung war schlicht unwiderstehlich.

Es wurde dann doch nicht Allianza, sondern Universitario – die Farbgebung war schlicht unwiderstehlich.

 

Advertisements

2 Kommentare

  1. Hallo Hardy,
    Einfach Klasse deine Berichte, weiter so! Ich leide mit dir, aber kämpfen ist angesagt! Vielleicht treffen wir uns ja mal bei deiner erfolgreiche Rückkehr bei Alfred Mähr!
    Gruß aus Ravensburg
    Roland Heine

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s