Von 0 auf 3.000 in vier Tagen

Tagesaufgaben am Freitag (links), Samstag (mitte) und Sonntag (rechts), Freitag und Samstag waren überwiegend off-road.

Tagesaufgaben am Freitag (links), Samstag (mitte) und Sonntag (rechts), Freitag und Samstag waren überwiegend off-road.

Ich hatte es ja gestern schon in meinem Kurzbeitrag geschrieben: the only way is up!

Vier Tage lang haben wir gegen die Schwerkraft angekurbelt und uns dabei von Meereshöhe bis auf 3.084 Meter hinaufgeschraubt, wo die Luft doch spürbar dünner ist. Das hatte Folgen, denn die letzten 30 Kilometer nach dem heutigen Lunch gingen doch ziemlich in die Beine, und als ich endlich im Hotel in Huaraz ankam, war ich kreuzkaputt. Das immerhin verschaffte mir die günstige Gelegenheit, endlich mal einen Coca-Tee auszuprobieren, der in der Tat akklimatisierungsunterstützende Wirkung hat. Danach konnte ich nämlich flugs zu einem kleinen Spaziergang durch das Zentrum von Huaraz aufbrechen und entdeckte ein ziemlich lebhaftes Städten, in dem auch am Sonntagnachmittag ordentlich was los ist.

Erste scheue Blicke in Richtung der einheimischen Kleidungsverkäufer nach einem Trikot von Alianza Lima – Team des „Volkes“ hier in Peru und Gegenspieler von Universitario Lima („La U“), das als Verein der Gebildeten und der Mittelschicht gilt – gingen allerdings bislang ins Leere. Im Vergleich zu Ecuador ist man hier in Peru in Sachen Fußball deutlich zurückhaltender. Wo es in Ecuador quasi an jeder Ecke Trikots (und Tassen…) zu kaufen gibt, habe ich in Peru bislang lediglich vereinzelt ein paar Jerseys hängen sehen – und wenn, dann auch nur von der Nationalmannschaft. Da wird der morgige freie Tag wohl zum Abenteuertag werden, wenn ich mich in das Getümmel des hiesigen Marktes stürzen und mein Glück (ver-)suchen werde. Ich halte Euch auf dem Laufenden!

Ansonsten spielt Fußball hier aber eine immense Rolle. In wirklich jedem noch so kleinen Dorf gibt es einen mehr oder weniger staubigen Fußballplatz, auf dem die Dorfjugend mit Gebrüll und Juchheißa fröhlich um die Wette pöhlt. In den größeren Örtchen findet sich derweil stets ein regerechtes Stadion, in dem zumeist ein Kunstrasen verlegt ist – das hilft natürlich enorm, die hiesigen Wetterkapriolen zu bewältigen. Deutschland steht in Sachen Fußball übrigens hoch im Kurs. Regelmäßig sehe einheimische Passanten im Jersey der DFB-Elf – gerade eben beispielsweise lief mir bei meiner Marktbekundung ein „Lukas Podolski“ über den Weg, der allerdings kaum 1,50 m maß und pechschwarzes Haar hatte…

Schluss mit Fußball, her mit dem Radelspaß! Und ein Spaß war es, fürwahr. Am Donnerstag brachen wir bei recht frischem und sehr diesigem Wetter in Huanchaco auf, um uns auf den Weg zurück in den Anden zu machen. Der erste Tag war zugleich der (endlich!) letzte auf der vermaledeiten PanAmericana, die wir alle zu „hassen“ gelernt hatten. Noch einmal flogen für knapp 100 Kilometer die Trucks, Busse und PKW regelrecht an uns vorbei, bekamen wir vor jedem Ort Polizeischutz, damit wir auch ja wohlbehalten passieren konnten. Es war Stress pur, den wir abermals im Peleton bewältigen, was allerdings auch wieder mit Stress verbunden ist, denn man muss halt, wie schon mal geschrieben, ständig auf seinen Vordermann achten und bekommt nicht allzuviel von seiner Umgebung mit. Alleinradeln war diesmal übrigens keine Option, denn die örtliche Polizei bat uns inständig, stets im geschlossenen Konvoi zu radeln, da sie sich um unsere Sicherheit sorgte. So ganz ungefährlich ist Peru für radelnde Touristen nämlich nicht. Das liest sich auch in den Reiseberichten von Südamerikaradlern, in denen im Zusammenhang mit Peru überproportional häufig von Problemen in Form von Überfällen, Diebstählen und Abzockerei die Rede ist.

Die Polizei stoppte uns immer wieder, um uns zum Gruppenfahren aufzufordern.

Die Polizei stoppte uns immer wieder, um uns zum Gruppenfahren aufzufordern.

Als wir nach rund 100 Kilometern die PanAm verließen und auf eine rumpelige Schotterpiste abbogen, waren diese Sorgen vergessen. Vor uns öffnete sich eine braun-graue Mondlandschaft, die uns in den berühmten Cañón del Pato – „Entenschlucht“ – bringen sollte. Ich brauchte keine fünf Minuten, da hatte ich den Off-Roader in mir wiedererweckt, mit dem ich schon in Afrika so viel Spaß gehabt hatte. Es ist aber auch ein Heidenvergnügen, in möglichst hohem Tempo über eine Piste zu peitschen, die alle Naselang eine neue technische Herausforderung liefert. Mal Wellblech, mal Sand, mal lockerer Schotter mal betonhart gebackener Lehmboden, mal steinig, mal abschüssig. Eine permanente Herausforderung für den Geist, der in Sekundenbruchteilen die richtige Fahrspur entdecken und anlenken muss. Viel zu schnell waren die 15 Kilometer bis zum Bushcamp in „the middle of nowhere“ vorbei, schleppte ich mein Zelt in die Einsamkeit und versank später am Abend in eine der Welt entrückte Stimmung, als ich, von leicht kühlem Wind begleitet, vor meinem Zelt saß und in den sternengefluteten Himmel blickte. Was braucht es mehr zum glücklich-sein?

Tags darauf standen zunächst weitere 20 Kilometer auf der leicht zu befahrenden Piste an, ehe es nach einer Flussüberquerung auf deutlich rigiderem Terrain weiterging. Viel Wellblech, dazu scharfe Anstiege und eine Sonne, die mit ganzer Kraft die Energie aus unseren Körpern saugte. Schweigend keuchten wir uns die Abhänge hinauf und versanken immer tiefer in einer geradezu surrealen Schlucht. Auf der einen Seite die Cordillera Negra, auf der anderen Seite die Cordillera Oriental, dazwischen ein lehrbuchartiger Cañón, in dessen Mitte das zahme Flüsslein Río Santa plätscherte und der an einigen Stellen so schmal war, das man mit ausgestrecken Armen beinahe beide Cordillera-Seiten berühren konnte. Ein Blick nach oben zeigte derweil schier unendliche Felsformationen, die bis zu 3.000 Meter gen Himmel ragten und uns klein und verletzlich vorkommen ließen. Mein alter Geographie-Professor Kuno Priessnitz, der einst an meinen etwas beengten geologischen Vorstellungskräften verzweifelte, wäre jedenfalls hin und weggewesen von der Vielzahl dieser Formationen, die zu finden sind!P1060569

Technisch war die Piste mehr als anspruchsvoll, zumal sie von zahlreichen mehr oder weniger langen Tunneln flankiert war, in denen es wirklich stockdunkel war. Ich hatte zwar meine Camping-Kopflampe dabei, doch deren Leuchtkraft glich einer Funzel, und so musste ich mich vorsichtig durch die Dunkelheit tasten und hoffen, dass nicht ausgerechnet einer der zahlreichen Busse angerast kommt, während ich den Tunnel befuhr. Während ich von dieser Erfahrung verschont blieb, erwischte es andere Mitreisende, die sich abends prompt ziemlich schockiert über das Erlebnis äußerten und empört erzählten, dass „die Busfahrer nicht einen Sekunden den Fuß vom Gas nahmen“ und sie „mit dem Rücken zur Felswand standen, als das Geschoss vorbeiraste“.

Einer von vielen Tunnels

Einer von vielen Tunnels

Der Verkehr ist aber insgesamt rüder geworden. Der Sicherheitsabstand aus Ecuador ist in Peru unbekannt, und ein Radfahrer lediglich ein lästiges Übel auf der Piste. Auf einer tückischen Schotterpiste ist das natürlich alles andere als ungefährlich, und so war im Grunde genommen stets die beste Entscheidung, einfach zu stoppen, sobald sich ein LKW/Bus röhrend ankündigte und ihn passieren zu lassen. Zumal die von ihm verursachte Staubwolke ohnehin derart dicht war, dass an Weiterfahren nicht zu denken war.

So sideht es aus, nachdem ein Bus vorbeigefahren ist - erst nach ner knappen Minute kann man weriterfahren.

So sieht es aus, nachdem ein Bus vorbeigefahren ist – erst nach ner knappen Minute kann man weriterfahren.

Staubwolke… Nie zuvor habe ich ein derart arides Flusstal gesehen! Selbst die Handvoll tapferer Kaktusse hatte große Mühe, genügend Flüssigkeit aus dem Boden zu ziehen, um ihre Stacheln zu entwickeln. Dementsprechend war die gesamte Gegend in einen grau-braunen Farbton getaucht, der nur durch unterschiedliche Gesteinsformationen – ich sah vulkanisches Gestein, Sandstein, Schiefer und natürlich Sedimente – unterbrochen wurde. Richtig spektakulär wurde es dann am zweiten Tag. Zunächst stand ein steiler Anstieg um 400 Meter an, der uns die beim Frühstück aufgenommene Energie im Handumdrehen verbraten ließ. Es war ein Mordsknüppelei, auf der wellblechgespickten Steinpiste Steigungsraten von über zehn Prozent zu überwinden, zumal man quasi gar nicht aus dem Sattel gehen kann, da dann sofort das Hinterrad durchdreht. Nach dem Anstieg öffnete sich die Schlucht schlagartig, und tatsächlich waren plötzlich auch ein paar Pflänzchen am felsigen Flussufer zu erkennen, aus denen wenig später sogar regelrechte landwirtschaftliche Felder wurden. Mitten drin dann ein gewaltiger Stromproduktionskomplex mitsamt wuseligem Örtchen, in dem alles, wirklich alles, dem Erzeugen von Strom gewidmet war. Leider versagte meine Kamera in dem Moment zum ersten Mal, sodass ich keine Bilder liefern kann.

immer noch Entenschlucht

Entenschlucht

Nach dem Lunch kam das spektakulärste Stück Cañón del Pato. Aber vielleicht sollte ich vorab mal ein paar Worte über den Namen „Entenschlucht“ verlieren. Der ist offenbar von der Tatsache abgeleitet, dass da früher viele Enten rumliefen. Dem ist heute nicht mehr so. Außer streunenden Hunden haben wir eigentlich keine Lebewesen gesehen. Nicht einmal Vögel konnte ich hören. Lediglich in einem dieser raren und staubigen Dörfchen entlang der Piste schlugen ein paar Gänse Alarm, als ich vorbeipedalierte, und im zweiten Bushcamp erhielten wir dann zudem Besuch von einem niedlichen kleinen Skorpion, den wir aber bereitwillig an anderer Stelle wieder der Natur übergaben.

Nach dem Lunch ging es zunächst in Serpetinien über mehrere Kilometer auf 1.800 Meter hinauf, ehe sich die Piste spektakulär an der Flanke der Cordillera Oriente entlangschlängelte und sich durch zahlreich Tunnel über rund 35 Kilometer in Richtung Caraz wand. Inzwischen waren wir mehrere hundert Meter oberhalb des Flusses, und es war plötzlich eine dieser PIsten, auf die ich mich bei der Vorbereitung zu The Andes Trail so gefreut hatte. Auf der einen Seite ging der Fels über hunderte von Meter senkrecht hinauf, auf der anderen Seite gähnte über hunderte von Metern der Abgrund. Leitplanken oder andere Sicherungen gab es nicht, und vor allem, wenn ein Bus oder LKW kam, wurde es ganz schön kribbelig. Zudem ging es beständig aufwärts, und weil die Sonne inzwischen schon wieder mit Kräften deutlich jenseits der 30 Grad-Marke wütete wurde die ganz Angelegenheit allmählich ein wenig zur Qual.

Entenschlucht

Immer noch Entenschlucht

Dann war sie vorbei, die Entenschlucht, und vor uns lagen noch 30 halbwegs gemütliche Kilometer auf Asphalt bis nach Caraz. Dort wartete die nächste Herausforderung auf mich. Meine Kamera hatte inzwischen komplett den Geist aufgegeben. Der Autofocus konnte nicht mehr scharfstellen, und soweit ich das verstand, hatte sich im Inneren durch Rüttelei auf der Off-Road-Piste wohl einiges gelöst und damit für die Probleme gesorgt. An eine Reparatur war jedenfalls schon aus Zeitgründen nicht zu denken – denn wir sind ja jeden Tag an einem anderen Ort – und so blieb nur der Erwerb eines Neugeräts. Ein echtes Erlebnis! Mit meinem Stotterspanisch tastete ich mich durch die Technikläden von Caraz, fand tatsächlich drei Tiendas, die Kameras verkaufen und stand alsdann vor der schwierigen Aufgabe der Auswahl des richtigen Gerätes. Meine Wahl fiel schließlich auf eine Canon Power Shot SX150IS, die immerhin 14,1 Mio. Megapixel bietet und vor allem über einen zwölffachen Zoom verfügt – das unterschied sie sie von allen anderen Modellen, die bestenfalls auf einen Sechsfachzoom kamen. Nachdem sie für 419 Soles – rund 110 Euro – den Besitzer gewechselt hatte, nutzte ich die Gelegenheit und probierte sie an der Verkäuferfamilie gleich mal aus. Vor allem der Sohnemann war nämlich äußerst hilfsbereit und pfiffig gewesen, auch wenn uns eine ziemlich fette Sprachbarriere getrennt hatte. Aber wir hatten viel Spaß und ich habe einige neue Wörter gelernt.

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Heute ging sie dann erstmals mit auf die Reise – von nun an allerdings in der Trikottasche, wo die Erschütterungen weniger sind und das sensible Gerät nicht so durchgeschüttelt wird. 70 Kilometer und 1.200 Höhenmeter auf Asphalt standen an. Das „Highlight“, wenn man es so nennen darf, war der Ort Yungay, der 1970 beim schwersten Erdbeben in der Geschichte Perus völlig begraben wurde. Lediglich 300 Kinder, die im höhergelegenen Stadion gewesen waren, überlebten. Yungay hatte über 20.000 Tote zu beklagen. Heute ist der Ort nebenan neu aufgebaut, erinnert ein Friedhof mit den Resten der alten Kapelle an die Katastrophe. Paradox: Direkt dahinter blitzt der Huascarán, der 6.768 Metern zu den höchsten Bergen der Erde zählt und dessen Gletscherkleid gut zu erkennen war. Von ihm waren damals die Geröllmassen gekommen, die Yungay unter sich begraben hatten.

Ohnehin sind wir umgeben von schneebedeckten Gipfeln, und nächste Woche geht es auch prompt auf den mit 4.800 Metern höchsten Punkt der gesamten Tour. Zuvor aber steht noch ein erholsamer Pausentag (na ja, mit aufwändiger Radpflege nach den drei Tagen im „dirt“…) in Huarez an, eine wuselige 110.000-Einwohnerstadt auf 3.000 Metern Höhe, die ich morgen wie angekündigt auf der Suche nach einem Alianza-Lima-Trikot durchstreifen werde.

Ihr hört von mir – und das ist keine Drohung. Hasta la vista!

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On the road – auf dem Anstieg am zweiten Tag der Entenschlucht.

Diesieger Abschied vom Meer, das wir erst in Ushuaia wiedersehen.

Diesieger Abschied vom Meer, das wir erst in Ushuaia wiedersehen.

So sieht es aus beim Lunch, immer ungefähr auf der Hälfte der Strecke und bestens versorgt von unserem österreichischen Begleiter Walter.

So sieht es aus beim Lunch, immer ungefähr auf der Hälfte der Strecke und bestens versorgt von unserem österreichischen Begleiter Walter (im hellen Shirt und blauer Kappe).

Bushcamp!

Bushcamp in einer Sandgrube – danach war alles von feinem Sandstaub bedeckt…

Das Mahnmal an die Opfer des Erdbebens von 1970 in Yungay - im Hintergrund sieht man den Huascarán glitzern.

Das Mahnmal an die Opfer des Erdbebens von 1970 in Yungay – im Hintergrund sieht man den Huascarán glitzern.

Im Hintergrund der Huascarán.

Auf dem Weg nach Huaraz – umgeben von schneebedeckten Gipfeln.

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Ein Kommentar

  1. Hallo Hardy, wirklich vielen vielen Dank dafür, dass du neben der gesamten Knüppelei auf dem Rad noch Zeit findest, von deinen Erlebnissen in gewohnt spannender Form zu berichten.
    Weiterhin viel Erfolg, gesundheit und alles Gute!
    Stephan

    Gefällt 1 Person

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