The Andes Trail – die erste Woche

¡Hola, aqui es Cuenca!

Nach 533 Kilometern, 9.516 Höhenmetern und ungefähr 26 Stunden im Sattel sind wir in Cuenca eingetroffen. Drittgrößte Stadt Ecuadors, und auf den ersten Blick eine wahre Perle. Auch hier überwiegt die ecuadorianische Entspanntheit und Unaufgeregtheit, die mir schon in Quito so gut gefallen hat und die ich am morgigen ersten Ruhetag gerne genießen werde. Am Ende des Tages steht dann allerdings noch ein aufregendes Highlight an, denn wie es der Zufall will trifft Ortsvertreter Deportivo Cuenca um 20 Uhr auf Ecuadors Rekordmeister El Nacional Quito! Wir werden mit einer kleinen Radelgruppe hinausmarschieren zum Estadio Alejandro Serrano Aguilar und zuschauen, ob Abstiegskandidat Cuenca gegen den Militärklub aus der Hauptstadt eine Chance hat.

Beim Start der dritten Etappe in Riobamba.

Beim Start der dritten Etappe in Riobamba.

Ansonsten – was ne Woche! Bin ich jemals in meinem Leben schon mal so viel am Stück bergauf gefahren? Selbst meine Alpenüberquerung 2011 waren Peanuts gegen das, was wir hier zu bewältigen haben. Heute, am siebten Tag von The Andes Trail, hatten wir zum ersten Mal rund 25 Kilometer halbwegs „flach“. Ansonsten kann man schon froh sein, wenn es mal für 500 Meter weder hoch noch runter geht. Das geht nicht nur in die Beine, das geht auch die Köpfe. Zumal das hier keine Anstiege sind, wie ich sie aus Deutschland oder Frankreich kenne. Unter sechs Prozent Steigungsgrat scheint hier gar nix zu gehen. Gestern erreichten wir Spitzenwerte von 17 Prozent – der Mont Ventoux kommt dagegen auf vergleichsweise harmlose 12 Prozent in seinen Spitzen.

Auch diese schönen Serpentinien durften wir erklettern - das Örtchen im Bildzentrum ist Alausi, wo wir am vierten Tag kampierten.

Auch diese schönen Serpentinien durften wir erklettern – das Örtchen im Bildzentrum ist Alausi, wo wir am vierten Tag kampierten.

Es ist eine wahnwitzige Schinderei, und selbst für einen durchaus bergerprobten und auch bergbereiten Radler wie mich sind das Dimensionen und Bedingen, die mich an Grenzen stoßen lassen. Gestern (Mittwoch) zum Beispiel stand die bislang härteste Etappe seit dem Tourstart an. Die Aufgabe: 2.004 Höhenmeter auf 69 Kilometer. Nur mal so zum Vergleich: wenn ich in Südniedersachsen radle – eine durchaus attraktive Rennradregion mit recht welliger Landschaft – komme ich bei 100 Kilometern im Schnitt auf rund 1.000 Höhenmeter – hier gibt es also mehr als das Doppelte zu bewältigen. Es war eine nicht enden wollende Schinderei, deren wortwörtlicher Gipfel auf den letzten zehn Kilometern in Richtung hinauf zur Inkastätte Ingapirca erreicht wurde, auf den es irgendwo zwischen acht und 17 Prozent bergan ging. Wilbert vom Veranstalter Bike Dreams fasste die hiesige Topgrafie kürzlich mit den launigen Worten „wenn du hier nicht bergauf oder bergab fährst, kannst du davon ausgehen, dass du dich verfahren hast“ zusammen.

Auch heute ging es wieder auf weit über 3.500 Meter. Da oben herrschten übrigens kühle acht Grad, während es in Cuenca 28 hat.

Auch heute ging es wieder auf weit über 3.500 Meter. Da oben herrschten übrigens kühle acht Grad, während es in Cuenca 28 hat.

Durch das ständige Auf und Ab fliegen die Gänge eigentlich nur zwischen dem kleinsten und dem größten hin und her, geht es einerseits mit wohlwollend 10 km/h bergauf und andererseits mit wahnwitzigen Geschwindigkeiten bergab. Schon am Dienstag konnte ich meinen erst vier Tage zuvor aufgestellten Geschwindigkeitsrekord von 75 km/h brechen und knackte erstmals die 85 km/h-Marke. Möglich ist das, weil die Teerdecke auf der Panamericana zumeist angenehm glatt ist und die breite sowie oft schnurgerade Straße gute Sicht bietet. Dennoch flattert einem das Herz ganz schön, wenn man mit diesem Affenzahn einen Öllaster oder Bus überholt, wofür es in der Regel übrigens ein fröhliches Hupkonzert des Fahrers gibt.

Fröhlich. Ich hatte mich ja schon in den vorherigen Einträgen wohlwollend über die fröhliche und zurückhaltende ecuadorianische Seele geäußert. Das kann ich nun fortsetzen, denn die erste Woche auf der Straße war – vor allem im Vergleich zu Afrika –angenehm und entspannt. Keine Spur von den Ängsten, die ich in Afrika häufig ausgestanden habe, wenn sich ein LKW nähert. Hier hält man Abstand, achtet auf Radfahrer uns und gewährt sogar Vorfahrt, wenn sie uns rechtmäßig zusteht. Das ist mir in Afrika nicht ein einziges Mal passiert! Andererseits sind die Menschen an der Straße allerdings auch deutlich zurückhaltender als die in Afrika. Kinder stehen meistens mit rotglühenden Wangen und diesen – sorry – „süßen“ Bowler-Hütchen am Straßenrand und schauen uns mit großen Augen hinterher. Erst wenn wir winken oder mit „hola!“ grüßen, erwachen sie und winken fröhlich zurück. Ich habe meine Lektion aus Afrika jedenfalls gelernt und nutze jede Gelegenheit, die kleinen chicos und chicas entlang der Straße auch zum fröhlichen Winken zu animieren.

Weniger fröhlich gestimmt sind die unglaublich zahlreichen Hunde, bei denen sofort das Jagdfieber erwacht, wenn sie uns erblicken. Ich hatte zig Situationen, in denen ich erst in allerletzter Sekunde einer dieser aggressiven Bestien entgehen konnte. Wie „gefährlich“ die Situation ist, hängt in erster Linie davon ab, ob man abwärts oder aufwärts unterwegs ist. Sich mit 10 km/h einen steilen Berg hinaufzuquälen und dabei von wütend kläffenden Hunden angegriffen zu werden ist zunächst extrem lästig. Man ist ohnehin am Limit, hat keine zusätzlichen Kräfte mehr, um sich zu wehren und empfindet den Angriff als schreiend ungerecht. Immerhin aber kann man darauf reagieren. Bislang hat sich ein möglichst hohes Aufrichten des Körpers auf dem Rad und eine eindeutige Armbewegung mit einem gebrüllten „du bleibst da!“ (wahlweise: „sitz, du Wurm“, „Halts Maul, Köter“, „Shut up“ etc.) als hilfreich erwiesen. Der Hund an sich braucht ja eine Respektperson, und wenn es sein muss, bin ich das gerne für jenen Augenblick, an dem ich an ihm vorbeipedaliere. Einige Mitfahrer haben einen Frequenzshocker dabei, der sich aber nur bedingt als hilfreich erweist, denn der Hund muss einem dafür zunächst ziemlich nahe kommen, um ihn erschrecken zu können – und genau das will man ja vermeiden.

Eine völlig andere Situation ist es bergab. Mit 50 km/h einen Abhang hinabzurasen und plötzlich aus den Augenwinkeln einen aus einem Hofeingang herausragenden Hund zu erblicken sorgt für echte Schockgefühle. Die Biester rennen einem quasi in das Rad hinein, und wenn sie einen erwischen, kann das verdammt böse enden. Die Reaktionszeit ist bei diesem Tempo (sowohl von Rad als auch von Hund) natürlich verdammt kurz, andererseits ist man aber auch wieder schnell genug unterwegs, um der Bestie davonfahren zu können. Hunde sind jedenfalls DAS Thema im Camp, und jeder von uns hat schon ein ganzes Bündel Geschichten zu erzählen, bei den denen wir alle immer nur ungläubig die Ohren schütteln.

Hoch oder runter - eins von beidem ist normal.

Hoch oder runter – eins von beidem ist normal.

Ebenfalls ein Thema ist der Verkehr, von dem ich ja schon geschrieben hatte. Am dritten Tag ließ er ein wenig nach, zumal sich die Panamericana nun auf zwei Spuren beschränkte und die in die Hafenstadt Guayaquil abzweigenden Route hinter uns lag. Erstmals gab es dadurch Momente der Ruhe und Entspannung auf dem Rad, konnte man etwas anderes hören als Motorengebrüll und etwas anderes riechen als LKW-Abgase. Heute aber kehrten wir auf dem Weg nach Cuenca zurück in den „Alptraum Panamericana“, der nun wirklich gar nichts von einem Mythos hatte. Schon 40 Kilometer vor Cuenca begann ein tristes Industrierevier mit unzähligen Steinbrüchen, Fabriken und Lagerhallen, lockten zwielichtige Etablissements wie „Bar Cherie“ die vermutlich vor allem aus Fernfahrern bestehende Kundschaft. Wir fühlten uns auf unseren schmalen Pneus ziemlich verletzlich und waren unisono froh, als Cuenca erreicht war und damit zugleich die erste Fahrwoche endete. Hier ein kleiner Video von der Anfahrt – geht leider nur über meine (auch ohne Anmeldung einzusehende) Facebook-Seite: https://www.facebook.com/photo.php?v=317031741798797&set=vb.141004922734814&type=2&theater&notif_t=like

Neben dem exzessiven Radfahren gab es auch reichlich Begegnungen. Zunächst natürlich innerhalb des Teams, das sich langsam „findet“ und in dem sich erste Freundschaften und Gruppen ergeben. Ich habe Glück gehabt, denn mit dem deutschen Mitfahrer Alfred habe ich nicht nur einen ehemaligen Oberligafußballer des SSV Ulm 1846 zum Zimmernachbarn bekommen sondern zudem eine höchst angenehme und in sich ruhende Persönlichkeit, mit der ich gerne meine Nachtruhe teile. Alleine ist man hier übrigens nur äußerst selten. Auf der ersten Hälfte der Tour wird ja überwiegend in kleinen Hotels oder Hostels übernachtet, wo Zimmerteilen angesagt ist. Am heutigen Ruhetag in Cuenca sind wir sogar zu dritt auf einem (übersichtlich großen) Zimmer – Jürg aus der Schweiz hat sich zu uns gesellt. Fühlt sich an wie eine Jugendherberge für in die Jahre gekommene Möchtegernabenteurer…

Mein Zimmergenosse Alfred vor unserer bescheidenen Hütte in Ingapirca.

Mein Zimmergenosse Alfred vor unserer bescheidenen Hütte in Ingapirca.

Auch auf den Straßen begegnen einem immer wieder Abenteurer. Gestern war es ein Motorradpärchen aus Offenburg, das ich bei einer Zigarrettenpause erwischte und mit dem ich einen kleinen Plausch hielt. Heute wiederum traf ich auf zwei Kolumbianer aus Cali, die sich mit megavollgepackten Fahrrädern die Berge hochquälen, weil auch sie die Anden bereisen wollen. Immerhin eine gute Gelegenheit, mal wieder mein Spanisch auszuprobieren. In Riobamba wiederum trafen wir auf Laura und Toto, die gleich ein Jahr lang mit den Fahrrädern in der Weltgeschichte umhergondeln. Zunächst in Asien, nun in Südamerika. Die beiden hatten ordentlich was zu erzählen, zumal Laura an meiner Aussprache sofort den Ruhrpottler erkannte – sie selbst stammt aus Kamen (während Toto BVB-Fan ist). Natürlich führen die beiden auch einen Blog – hier ist er: www.lolaundtotorollen.wordpress.com.

Sage man nix - die Panamericana verfügt teilweise sogar über einen Radweg!

Sage man nix – die Panamericana verfügt teilweise sogar über einen Radweg!

Das Rennen ist nun auch offiziell losgegangen, und mit einem fünften Platz am Starttag hatte ich einen echten Traumstart. Ich kam gut über die Berge, und bei den Abfahrten bin ich den (vielen) Mountainbikern mit meinem schnellen Crosser ein wenig überlegen. Doch irgendwelche Gedanken an irgendwelche Ambitionen in Richtung Rennen verschwende ich nicht. Der erste Grund ist, dass man sich dafür ausschließlich auf seine sportliche Leistung konzentrieren muss, und das ist ganz bestimmt nicht mein Ding. Der zweite Grund ist, dass es – wie 2011 in Afrika – auch diesmal eine Gruppe höchst ambitionierter Fahrer gibt, die die ganze Sache verdammt ernst nehmen. Und um da mitzuhalten, fehlt mir nicht nur schlicht und einfach die Motivation sondern auch die Fähigkeit. Zumal es auch eine Ausrüstungsfrage ist. Die Mountainbiker sind mit ihren Übersetzungen bergauf durchaus im Vorteil und ich hatte schon Momente, in denen ich mich fragte, warum ich eigentlich keine MTB-Kassette an meinen Crosser gebaut habe. Den einen oder anderen Extragang könnte ich hier gut gebrauchen. Na ja, beim nächsten Mal…

Ich schätze die Zahl der ambitionierten Racer auf ungefähr 12 oder 13. Einen Favoriten auf den Gesamtsieg haben wir übrigens auch schon. James aus den USA gewann nicht nur alle bisherigen Etappen, er ist auch beispiellos konzentriert. Niemand sonst geht derart professionell in den Tag. Während wir uns morgens erst langsam aus den Federn quälen, putzt, wienert und checkt James schon sein Bike. Während wir uns mittags beim Lunchtruck die Bäuche vollschlagen, fährt James grüßend vorbei und macht sich ohne Pause auf den Weg ins Tagesetappenziel. Folge ist, dass er meistens eine gute Stunde vor mir im Ziel ist.

James, dreifacher Tagessieger und erklärter Tourfavorit.

James, dreifacher Tagessieger und erklärter Tourfavorit.

In Afrika kam ich immer wieder mit mir selbst in Konflikt, weil ich nicht wusste, ob ich nun Racer oder Tourist bin. Das wird mir hier hoffentlich nicht wieder passieren. Ich bin natürlich auch als Racer dabei, denn es ist schön, gegen die Zeit und die Konkurrenz zu fahren. Aber ich will nicht wieder – wie teilweise in Afrika – morgens mit dem Gedanken auf das Rad steigen, wie ich meinem Konkurrenten um Platz 12 oder 13 wertvolle Minuten abknöpfen kann. Deshalb halte ich an, um Fotos zu machen, wenn mir danach ist. Deshalb halte ich an, um mich mit kolumbianischen Radlern zu unterhalten, wenn ich sie unterwegs zufällig treffe. Deshalb halte ich an einem zehn Kilometer langen Steilstück zweimal an, um durchzuschnaufen und mir quasi selbst in den Hintern zu kneifen um zu begreifen, was ich hier eigentlich tue.

Ziele habe ich natürlich trotzdem – neben Sightseeing, Erleben und Erfahren. Das erste ist, in Ushuaia anzukommen. Das zweite ist, ohne Durchfall bis Ushuaia durchzukommen. Das dritte ist, jeden einzelnen Kilometer bis Ushuaia zu fahren, ohne jemals auf den Truck zu müssen. Das alles heißt natürlich nicht, dass ich im Rennen nicht mitnehme, was ich mitnehmen kann. Gestern (Mittwoch) beispielsweise war ich mächtig stolz, dass ich am bislang härtesten Tourtag als Zehnter einlief. Und wer weiß – vielleicht kommt ja auf den noch verbliebenen knapp 10.500 Kilometern irgendwann auch „mein“ Tag 😉

Nun aber noch ein paar Bildchen ganz abseits vom Rennen:

 

Typischer Shop mit allerlei Hüten (vor allem Bowler-Hüten) in Alausi.

Typischer Shop mit allerlei Klamotten (und vor allem Bowler-Hüten!) in Alausi.

Bei der Ausfahrt aus Riobamba trafen wir auf eine "Pick-up-Bigband".

Bei der Ausfahrt aus Riobamba trafen wir auf eine „Pick-up-Bigband“.

Frühstück!

Frühstück!

sieht man relativ häufig am Straßenrand - begonnene und nie beendete Bauwerke.

sieht man relativ häufig am Straßenrand – begonnene und nie beendete Bauwerke.

Der Autor dieses Beitrages in Ingapirca.

Der Autor dieses Beitrages in Ingapirca.

Das Etappenörtchen Chunchi - auf einem urigen Plateau gelegen.

Wunderbare Anden.

Herrliche Landschaften zwischen Riobamba und Cuenca.

Herrliche Landschaften zwischen Riobamba und Cuenca.

 

Vor dem Start in Ingapirca.

Vor dem Start in Ingapirca.

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2 Kommentare

  1. Klasse Bericht – liest sich wieder informativ und unterhaltsam. Jetzt kenn ich Dich auch ein bisschen, was das Ganze noch informativer macht !!! Hals und Beinbruch, die Truppe sieht (unter sportlichen Gesichtspunkten) nicht so ambitioniert aus, aber wir hatten gar in Asien 2 Lenkerbeisser, obwohl es da kein Rennen gab. Schuster bleib bei Deinen Rappen, immer schön Links und rechts gucken, Föteli machen und Gesichten zu erzählen haben !!!

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    1. Cheers buddy, stets zu Diensten 😀 Langsam kristallisiert sich raus, wer mit welchen Ambitionen fährt – gestern und heute waren echt harte Tage. Bin als Siebster (gestern) bzw. Achter (heute) reingekommen, was mich bei den Profilen doch ziemlich stolz macht. Es ist noch was in den Beinen – aber Du kennst ja meine Neigung zur „Genügsamkeit“ 😉

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