Südwärts, immer südwärts. Bis zum Ende der Welt

Ich habe mich schon öfter gefragt, wie es sich wohl anfühlt, mit dem Fahrrad auf dem Standstreifen einer dicht befahrenen Autobahn zu fahren. Ausprobiert habe ich es natürlich nie, und die „Lust“ darauf war auch eher eine gruselige Neigung bzw. selbstkasteierische Neugierde.

Die ist nun befriedigt, denn nach 98 Kilometern auf dem legendären PanAmericanHighway von Quito nach Latacunga weiß ich, wie es sich anfühlt, auf dem Seitenstreifen einer bisweilen sechsspurigen Autobahn zu fahren: schrecklich! Alle rasen in einem Wahnsinnstempo an einem vorbei und verbreiten einen Heidenlärm sowie Abgase ohne Ende. Als wir in Latacunga ankamen, waren unsere Gesichter schwarz wie die von Grubenarbeitern, so sehr haben uns die Abgase zugesetzt.

P1060148Der wilde Verkehr auf der ersten Etappe in Richtung Süden war aber nicht die einzige Herausforderung des Tages. Schaut man sich das Streckenprofil an, zeigt sich noch ein weiteres. Es ging zunächst hoch auf etwas über 3.100 Meter, dann wieder runter auf Quito-Höhe um schließlich über einen weiteren Anstieg scharf an der 3.500-Höhenmeter-Marke zu kratzen. Die Luft da oben ist übrigens ganz schön frisch, zumal wir ziemlich bedeckten Himmel hatten und die Sonne sich eher sparsam zeigte. Dafür scheint sich meine lange Akklimatisierung in Quito ausgezahlt zu haben, denn während Mitfahrer, die erst seit einigen Tagen in Ecuador sind, ganz schön mit der Höhe zu kämpfen hatten, konnte ich halbwegs problemlos die Kurbel konstant in Bewegung halten – freilich in Gängen, die mir zu peinlich sind, um sie an dieser Stelle öffentlich zuzugeben.

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Wahnsinn PanAmerican Highway

Der zweite Anstieg hatte es so richtig in sich. Am besten erinnert Ihr Euch einfach mal an das Autobahnstück „Kasseler Berge“ aus Richtung Göttingen vor. Das ist, wie lang? Drei Kilometer? Fünf Kilometer? Irgendwas um den Dreh. Macht daraus 30 Kilometer bergauf am Stück und stellt Euch vor, ihr würdet die bei Steigungsgraden zwischen 4 und 10 Prozent auf dem Seitenstreifen hinaufradeln. Das trifft so ziemlich genau das, was ich heute getan habe. Si, estoy loco, muy bien!

Erschwerend hinzu kam ein richtig ekelhafter Gegenwind, der uns schon auf der Auffahrt zu schaffen machte, spätestens bei der Abfahrt aber so richtig zum Ärgernis wurde. Bergab trampeln müssen um vorwärts zu kommen macht nun wahrlich keinen Spaß, und so waren wir alle ziemlich froh, als wir endlich in Latacunga eintrafen und uns durch ein ziemlich wuseliges Zentrum den Weg zu unserer Pension suchten. Dort gab es Suppe und respektvolle Blicke von allen. Dieser erste „richtige“ Tag hat uns allen ziemlich deutlich gemacht, auf was für eine Plackerei wir uns hier eingelassen haben. Und wenn ich an die nächsten Tage denken, wird mir schon ganz anders: Heute waren es 98 Kilometer mit 1.313 Höhenmetern. Morgen sind es 97 Kilometer mit 1.744 Höhenmetern und Montag sogar 95 mit 2.161 Höhenmetern. Aber ich habe es ja nicht anders gewollt.

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Der schneebeckte Cotopaxi in seiner ganzen Pracht.

Und natürlich war es irgendwie auch ein phantastisches Erlebnis. Schließlich sind wir auf der berühmten Straße der Vulkane geradelt, waren dem fast 6.000 Metern hohen Cotopaxi (mein Reiseführer dazu: „Seine Bedeutung für die Anden entspricht der des Matterhorns für die Alpen) fast zum Greifen nah, sind auf dieser mythenbeladenen PanAmericana geradelt. Und haben vor allem endlich mit dem angefangen, warum wir alle hier sind: Südwärts, immer südwärts. Bis zum Ende der Welt

Nun ist erstmal ein wenig Erholung angesagt. Und leckere Pizza angekündigt. Melde mich, sobald es wieder etwas zu berichten gibt bzw. W-Lan/Wifi vorhanden ist. Hasta luego!

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Das war übrigens die erste Herausforderung des Tages: unser Gepäck in zwei umgebaute Feuerwehrwagen zu bekommen, die als Begleitfahrzeuge mitfahren.

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3 Kommentare

  1. Hola amigo! Mensch, ich komm gar nicht so schnell mit Lesen hinterher, wie du radelst…..Nein, das liegt daran, dass ich auch gerade auf w-lan freundliche Gebiete angewiesen bin…..Haben auch nen Vulcan zum Greifen nah – den Ätna! Für mich allerdings unvorstellbar mich hier auf Sizilien auch nur zum Supermarkt aufs Fahrrad zu schwingen….Pass bitte SEHR GUT auf dich auf! Die Bilder vom Äquator sind super! Nett, dass ihr für derartige Shootings Zeit (und Sinn) habt! Alles Gute weiterhin y muchas saludos de Sicilia de Heidrun

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    1. Hola amigos – Ätna also! 😀 Habt einen supertollen Urlaub mit reichlich Sonne und fetter Erholung. Und wenn es Dich juckt, setzt Dich einfach auf den Sattel und radel los. Bergauf ist gar nicht so schwer – die Aufgabe ist ja übersichtlich 😉 Buenas tardes de Alausi en el centro de Ecuador a todos los Wunderlichs

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