Von Jehovas, Cat Stevens und dünner Höhenluft

Hola, aqui esta Quito. Wohlbehalten angekommen mitten in der deutschen Nacht und dem ecuadorianischen Nachmittag, was das Zeitempfinden doch etwas empfindlicher als erwartet durcheinanderbrachte. Da war es umso erleichternder, dass die Anreise insgesamt recht entspannt verlief. Den letzten Abend verbrachte ich einem hochsommerlichen Backofenhotel in Langen bei Frankfurt mitten in einer Tagungsgruppe der Zeugen Jehovas, was irgendwie eine passende Erfahrung war, denn beim bevorstehenden Abenteuer geht es ja auch um „höhere Werte“.

Während dann am nächsten Morgen die Sonne über Frankfurt aufging, saß ich im Transferflieger nach Madrid, als Cat Stevens über die Bordlautsprecher einen dieser schier unverwüstlichen Songs trällerte, bei dem man einerseits unwillkürlich mitsummt und man sich andererseits fragt, was für ein wachsweicher Schmarrn das eigentlich ist. Aber mal ehrlich: kann es ein passenderes Lied als „Morning has broken“ geben, wenn man in aller Hergottsfrühe aufstehen muss, weil man in die Welt hinausziehen will? In Madrid machte ich dann erstmals Bekanntschaft mit der südamerikanischen Improvisationskunst, als beim Einchecken erst Gruppen gebildet wurden (ein Blick auf mein Ticket verriet, dass ich zu „Grupo 1“ gehörte) und diese dann fröhlich durch den halben Flughafen gescheucht wurden, ehe der richtige Schalter gefunden war.

Fünfzehneinhalb Stunden später ließ ich mich von einem freundlichen „Bienvenido en Ecuador“ begrüßen, überstand die bangen Warteminuten, bis sowohl Rucksack als auch Fahrrad wohlbehalten aus dem Flugzeugbauch auftauchten und ließ mich in eine Stadt fahren, die mich vom ersten Moment an faszinierte. Quito erinnerte einerseits an Afrika, mit all dem Leben auf der Straße, den Grillständen, den kleinen Shops, dem Verkehrschaos, der zerbrechlichen Infrastruktur. Andererseits fehlen die Hektik und die Aufregung, die in Afrika vor allem in größeren Städten allgegenwärtig und sehr kraftraubend ist. Hier geht es regelrecht entspannt und gemütlich zu. Selbst im Straßenverkehr, bei dem zwar – wie in Afrika – eindeutig das Recht des Stärkeren herrscht, in dem aber gemeinsam auf einen kontinuierlichen Verkehrsfluss geachtet wird.

Blick aus meinem Gastzimmer.

Blick aus meinem Gastzimmer.

Nach Ankunft bei meiner Gastfamilie wartete die nächste Herausforderung auf mich. Denn von nun an war ausnahmslos Spanisch angesagt. Nun muss man wissen, dass es für mich zu diesem Zeitpunkt gefühlt halb eins in der Nacht war, und ich um halb fünf aufgestanden war (jeweils deutsche Zeit). Hier war es halb sechs am Nachmittag, tobte das Leben in vollen Zügen. Müde ließ ich die spanischen Begrüßungswogen von Gastfrau Barbara, Gastherr Andres und Gastoberhaupt Alejandro über mich ergehen, versuchte, die notwendigen Informationen aus den übereinanderlappenden Redeschwällen zu filtern und fand mich schließlich in meinem Zimmer für die nächsten sieben Tage wieder. Dann stand auch schon das Essen auf dem Tisch und ich steckte mitten in einer amüsanten Diskussion mit dem 78-jährigen Alejandro, der sich mit leuchten Augen an seinen Hamburg-Besuch vor vielen Jahrzehnten erinnerte, wobei offenbar vor allem der Besuch bestimmter Gebiete in St. Pauli Nachhaltigkeit hatte. Mein Spanisch-Vokabular wurde bei dieser Gelegenheit dann gleich mal um ein paar Vokabeln erweitert, die ich an diese Stelle aber besser nicht weitergebe – könnten ja Jugendliche mitlesen.

Dann endlich: schlafen.

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Gut bewacht im katholischen Ecuador: mein vorübergehendes Domizil.

Gestern nun machte ich mich an eine kleine Exkursion durch Quito, in dessen Zentrum meine Gastfamilie lebt. Und Quito weiß, was sich gehört! Jeden Sonntag sind hier ein paar Hauptverkehrsadern gesperrt, damit man dort gemütlich Fahrrad fahren kann. Ich war zunächst zu Fuß unterwegs, doch als ich auf das Spektakel traf, lief ich rasch zurück und baute flugs meinen Flitzer zusammen, um auf schmalen Pneus selbst an dem Vergnügen teilnehmen zu können. Und was soll ich sagen: ich musste es wahrlich nicht bereuen! 35 Kilometer waren abgesperrt, so dass ich meine erste Radversuche in Südamerika in ziemlich entspannter Atmosphäre hinter mich bringen konnte. Und zugleich eine Stadt entdeckte, in die ich mich auf Anhieb ein bisschen verliebte. Quito verfügt über eine angenehm relaxte Aura mit fröhlichen, zurückhaltenden und sehr hilfsbereiten Menschen. Die Suche nach einer Stehluftpumpe beispielsweise führte mich in einen Radladen, wo mir jedoch die Vokabel für „Luftpumpe“ fehlte. Nun, das geht natürlich auch ohne, dafür aber mit viel Gelächter. Und als Dreingabe bekam ich sogar noch die fehlende Vokabel mit, die ich gerne mit Euch teile, denn ich finde sie wunderschön: „bomba de aire“. Hätte ich eigentlich auch selber drauf kommen können, nicht wahr?

quito-8Schon nach wenigen Minuten stand ich dann aber vor Problem Nummer drei. In den Anden sagt man, es ist nicht die Höhenluft, die dir den Atem raubt, sondern die Tatsache, dass du so nah am Himmel bist. Nun sind 2.800 Meter zwar in der Tat ziemlich hoch, bis zum Himmel ist es aber doch noch ein gutes Stückchen. Und doch japste ich hektisch nach Luft, während ich auf der flachen Straße in Gängen hantierte, die ich eigentlich erst im richtigen Bergland verwenden wollte. Immerhin: weil ich mein Tacho aus Furcht vor Diebstahl gar nicht erst mitgenommen hatte, konnten mich die kläglichen erreichten Stundenkilometerwerte zumindest nicht auch noch hämisch angrinsen und mir den Wahnsinn vor Augen führen, den ich hier unternehme.

Das mit der Höhenluft ist schon ne „Erfahrung“. Alles läuft wie in Zeitlupe ab, und sobald man etwas kräftiger in die Pedale drückt, hämmert es im Kopf, setzt Schnappatmung ein, werden die Glieder schlagartig müde. Drei Tage sind das Minimum zur Akklimatisierung in Quito. Ich bin froh, dass ich zehn habe und bin sehr gespannt, wie der Prozess sich fortsetzen wird.

Inzwischen ist (hier) Montagmittag und ich habe auch den ersten Tag im Sprachkurs hinter mir. Und was soll ich sagen? Vom Ankommen um 9 Uhr bis zum Kursende um 1 Uhr fielen ausschließlich spanische Wörter bzw. das, was ich dafür hielt und mein Professor gnädigerweise irgendwie verstand. Rasch mal eben zwei neue Zeitformen gelernt (Partizip Infinito und Futuro), in aller Breite und Ausführlichkeit sowohl meine Anreise als auch meine Strecke bis hinunter nach Ushuaia erklären dürfen und als krönenden Abschluss eine Diskussion über das Für und Wider von gleichgeschlechtlichen Ehen bzw. Adoptionen von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare unter der besonderen Berücksichtigung der Einflussnahme durch den Vatikan geführt. Und nebenbei gelernt, dass von den rund 90 Prozent Katholiken in Ecuador schätzungsweise nur noch 50 Prozent aktive Kirchgänger sind. Was wir dann natürlich auch gleich wieder diskutiert haben.

Und nun: estoy cansado pero feliz tambien. Hasta luego!

Ach ja: Fußball ist hier überall :-D

Ach ja: Fußball ist hier überall 😀

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Ein Kommentar

  1. Kann es mir selbstredend nicht verkneifen, das erste Posting auf südamerikanischen Boden zu lancieren. Hört sich ja alles recht entspannt an bei Dir – irgendwie kann ich mich den Eindrucks nicht erwehren, dass Dir südamerikanische Städte deutlich mehr zusagen werden als die afrikanische… hasta luego buddi !

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