Radeln zwischen Sorge und Elend

Man kann über die geografische Lage meines Wohnortes sagen was man will, einen Vorteil hat sie in jedem Fall: der Harz ist direkt vor der Haustür! Und der Harz ist nicht nur ein echtes Radelparadies, er bietet bei afrikaähnlichen Temperaturen wie in den letzten Wochen auch höchst willkommene „Sommerfrische“.

Also pedalierte ich tüchtig durch Örtchen mit so schönen Namen wie Sorge und Elend, nahm mir ab Schierke den Brocken unter die Slicks und schaffte endlich mal das Innerstetal zwischen Wildemann und Langelsheim, das wirklich ausgesprochen schön ist. Doch der Harz ist nicht nur was für die schnellen Flitzer, der Harz ist auch bestens geeignet für die fetten Stollen! Heute beispielsweise bezwang ich einen giftigen Riesen namens „Großer Knollen“, der zwischen Herzberg und Bad Lauterberg liegt und der seine 687 Höhenmeter tapfer mit ruppigen Pisten und rüden Anstiegen gegen angreifende Radler verteidigt. Nach rund zehn Kilometer schwerster Schufterei kam ich einigermaßen durchgeschwitzt oben an und traf sogleich auf drei junge Wandersleute aus Hamburg, die mit ihren schweren Rucksäcken deutlich mehr als ich schimpften. Wir waren uns zudem rasch einig, dass mir nun auf der Abfahrt einiges an Spass bevorstand, während sie mit ihren schweren Gepäckstücken wohl die Fußbremse würden treten müssen. Na, jedem sein Sport. Die Abfahrt war in der Tat grandios. Anfangs noch eine tückische weil sehr lockere Schotterpiste traf ich bald auf eine zwar ruppige aber trotzdem übersichtliche Naturpiste, auf der ich den Bremsen frei geben konnte und viel zu schnell das Siebertal erreichte. Dort zieht sich übrigens neben der Straße ein wirklicher grandioser Singletrail über zig Kilometer Richtung Herzberg, der mir einen Heidenspass bereitete!

Berge hoch und runter radeln werde ich in den Anden vermutlich mehr als mir lieb sein wird. Insofern kann ein bisschen Vorbereitung vielleicht nicht schaden. Eher weniger „Vorbereitung“ als vielmehr Spass mit einer gehörigen Portion Abenteuerthrill war ein Besuch im Bikepark Hahnenklee, den ich an einem der Wochenenden davor unternommen hatte. Ein Bikepark ist im Grunde genommen das sommerliche Äquivalent zu einem Skigebiet. Man fährt per Seilbahn mitsamt Rad auf den Berg, hat dort mehrere Pisten zur Auswahl und rast je nach Mut und Risikobereitschaft Pisten verschiedener Schwierigkeitsgrade hinunter. Die Pisten tragen so skurille Namen wie Northshore und Freeride, und weil man wie beim Skifahren häufig mit der Erdanziehung zu kämpfen hat, es aber keinen fallabbremsenden Schnee gibt, braucht es Schutzkleidung: Vollhelm, Schutzpanzer, Bein- und Knieschoner. Ich ähnelte ein wenig einem Jedi-Ritter, als ich das erste Mal oben stand (leider hatte ich meine Kamera nicht mitgenommen) und nach der Piste für „Anfänger“ Ausschau hielt. Erstmal einfach anfangen und gucken war der Gedanke. Doch von wegen „mal gucken“! Kaum hatte ich den als „einfach“ ausgewiesenen Singletrail gefunden, ging es auch schon im Sturzflug hinab und mir blieb keinerlei Zeit festzustellen, dass die ausgewiesene Strecke nicht die erwartete fröhliche Kinderpiste war. Statt dessen: harte und schwere Arbeit. Das schöne am Mountainbiken ist ja, das man ständig irgendwas anderes machen muss. Aber wenn man das bei Tempo 35 an einem steilen Abhang und auf einer von Wurzeln, Steinen und Bäumen übersäten Piste tut, reduziert sich die Reaktionszeit auf null, heißt es, ständig zu reagieren und sich neu zu justieren. Ein Heidenspass, aber eben auch echte Knochenarbeit. Auf YouTube sind diverse Filmchen von echten Abfahrkönnern, und wer mal einen Blick riskieren möchte, dem empfehle ich diesen Streifen: http://www.youtube.com/watch?v=QaDM5BMJSmA
andes-1Ansonsten ist die Ruhe vor dem Sturm noch recht ausgeprägt, ist die Beschäftigung mit The Andes Trail eher theoretischer Natur. Immerhin besitze ich inzwischen eine Landkarte und habe den Streckenverlauf auch schon rudimentär markiert. Auch die Sache mit dem Spanisch-Lernen ist bislang kaum über „theoretische Natur“ hinweggekommen. Aber das wird schon noch, da bin ich zuversichtlich.

Gelesen habe ich dafür die recht amüsante Erzählung „The Trail to Titicaca“ von Rupert Attlee, der 1994 mit zwei Freunden per Mountainbike von Ushuaia (Feuerland) bis zum Lake Titicaca geradelt ist und dabei einiges erlebt hat. Attlee schreibt mit wunderbar trockenem britischem Humor von all den Unbillen, die dem Trio unterwegs so aufgelauert haben. Die eine oder andere Herausforderung wird wohl auch uns bevorstehen. Auf die legendären Winde im Süden von Patagonien bin ich jedenfalls schon ziemlich gespannt und werde sicherlich einen der diesjährigen Herbststürme mal als „Testlauf“ benutzen.

andes2Attlee schreibt aber auch von einer betörenden Landschaft (und das nicht nur in Patagonien) und Menschen, die irgendwo zwischen reichlich skurril (das nun wieder in Patagonien) bis hin zu überwältigend nahbar (Bolivien) angesiedelt sind. Da weiß ich nicht nur, wofür ich demnächst die Spanisch-Lehrbücher wälzen werde, da weiß ich vor allem, dass ich mich unbändig drauf freue. Das nämlich ist ein großer Unterschied zur Tour d’Afrique. Afrika war ein Kontinent, von dem ich viel wusste und auf dem ich mich ein wenig auskannte. In Südamerika ist mir vieles fremd, reicht mein Wissen kaum für rudimentäre Bilder von Ländern und Menschen. Insofern wird The Andes Trail wohl auch eine „Überraschungsreise“ werden.

In diesem Sinne: bis demnächst.

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