Buchbesprechung: „Alles Rower! Ein Wessi auf Friedensfahrt“

Winterzeit – Traumzeit. Während draußen der Winter einfach nicht weichen will, planen Rennradfahrer schon mal ihre Saison durch. Hier ein Jedermann-Rennen, dort ein Challenge und als ganz besondere Herausforderung vielleicht die Alpenüberquerung oder einen Bergmarathon – die mutige (bis übermutige) Planung ist elementarer Bestandteil der Saison.
alles-rower Rainer Sprehe, Gründer und Chef des auf Radsportthemen spezialisieren Covadonga Verlag, kam im Frühjahr 2011 bei einer Wintertour durch das nasskalte Ostwestfalen auf eine ganz andere Idee: Die Strecke der berühmten Friedensfahrt Warschau-Berlin-Prag abzupedalen. Die Friedensfahrt war DAS Radsportereignis im einstigen Ostblock. Es ist ein typisches Sportevent aus einer Zeit, als die Bilder noch schwarz-weiß waren und der Sport noch nicht völlig von ökonomischen Bedingungen geprägt war. Stattdessen war es die Politik, die der Friedensfahrt ihren Stempel aufdrückte. Daher auch der Name, denn die Friedensfahrt war auch eine Antwort auf den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg. Sie sollte zur Völkerverständigung beitragen, geriet dabei aber in die Auseinandersetzungen zwischen Ost und West. Wenngleich Rennfahrer aus den sozialistischen Ländern Osteuropas dominierten, waren aber immer wieder auch Gastfahrer aus dem Westen dabei.

Fast 60 Jahre nach der ersten Friedensfahrt machte sich Sprehe im Mai 2011 auf den Weg in das Abenteuer und nahm sich die originale Friedensfahrt-Route von 1952 unter die Reifen. Ein klassisches Bild gab er dabei nicht ab – sämtliche Ausrüstungsgegenstände waren an seinem Rad, das entsprechend eher ein Packesel als ein schnittiges Rennrad war. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie und einer schönen Beobachtungsgabe für das eigene Empfinden und für Landschaft wie Menschen erzählt Sprehe eine bisweilen witzige, bisweilen atemberaubende und immer unterhaltsame Geschichte. Man leidet mit dem Autor, wenn er sich durch den wahnwitzigen Autoverkehr Polens kurbelt oder in Niederschlesien in einen üblen Spätwintereinbruch gerät, man zittert mit ihm, wenn er sich abends auf die Suche nach einer Pension immer neuen Abenteuer stellen muss.

Unterwegs trifft er viele Menschen, die unterschiedlich auf ihn reagieren. Die Reaktionen reichen von Verständnis, glühenden Erinnerungen an vergangene Friedensfahrten und Verklärungen bis hin zu Unverständnis. Denn auch – und vielleicht gerade – im Osten hat das Lebenstempo in den letzten 20 Jahren enorm zugenommen, ist ein Radreisender ein Anachronismus im alltäglichen Verkehrswahnsinn, der ständig um seine Fahrspur kämpfen muss und oft genug als störend empfunden wird. Amüsant seine Bemühungen, den diversen Sprachherausforderungen zu trotzen, die letztendlich jedoch auch immer wieder zu oft herzlichen Begegnungen mit Einheimischen führen. Daher stammt im Übrigen auch der Buchtitel „Alles Rower“ – Rower ist das polnische Wort für Fahrrad. Spannend ist dabei Sprehes Sichtweise als „Wessi“ im Osten, der auf beiden Seiten immer wieder für Erstaunen sorgt.

Sprehe erzählt aber nicht nur von den Mühen des Radelns, sondern lässt die Geschichte und die Höhepunkte der Friedensfahrt nebenbei abspulen. Wo immer er ist, hat er schöne Geschichten aus 60 Jahren Tourgeschichte zu erzählen. Geschichten, die Männer wie Täve Schur und Ryszard Szurkowski schrieben, Geschichten, die wie bei der Tour de France vor allem das Publikum entlang der Strecke schrieb. So entstand ein Geschichtsbuch im Reisebuch, was die Beschreibungen von Sprehes Tour noch anschaulicher und lesenswerter macht.

Sprehe ist ein Sprachkünstler, der mit schönen Bildern arbeitet und gerne zum Stilmittel der Ironie greift. Den Leser erwartet also keine nüchterne Beschreibung einer Radreise sondern ein peppiger und selbstironischer Bericht über ein Abenteuer, das wie aus der Vergangenheit wirkt, vom radelnden Autor aber mit einem gewissen Stoismus erfolgreich in die Gegenwart transportiert wird. Fazit: Ein überaus lesenswertes Buch, das Lust auf eigene Radreiseerfahrungen macht und hilft, den langen Winter träumend zu überstehen.

Rainer Sprehe
Alles Rower? Ein Wessi auf Friedensfahrt
Covadonga Verlag
ISBN 978-3-936973-70-9
384 Seiten, 16,80 Euro

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s