Klub der verrückten Radler

vor dem Start mit meinem noch jungfräulichen Stempelheftchen

Seit gestern, 17.40 Uhr, ist es offiziell: ich bin verrückt! Und das bin ich wahrlich! Was ein Ritt, was ein Abenteuer, was eine endlose Schinderei, was ein Spaß. Und, ja, auch: was ein Stolz.

 Dass ich nach meinem Afrikaritt noch mal ein paar neue Rekorde aufstellen würde, hatte ich eigentlich nicht für möglich gehalten. In Afrika haben wir doch irgendwie alles gemacht, und das im Extremen und bis zum Exzess. Doch gestern sind gleich drei Rekorde gepurzelt: 8:29:03 Stunden – so lange habe ich noch an einem einzigen Tag im Sattel gesessen. 4.272 Höhenmeter – mein alter Rekord lag bei 2.834; in Afrika sind wir nie mehr als 2.500 Höhenmeter gefahren. Und 66,45 (von 141) Kilometer bergauf hatte ich auch noch nie gemacht!

 Die epische Rekordtour begann am frühen Morgen mit dem Aufstieg von Bédoin. Die Sonne lugte grade über den Ventoux, als ich mich aufs Rad schwang, mir im lokalen Fahrradhandel per Stempel meine Abfahrt bestätigen ließ und mich auf die Reise machte. Noch war es angenehm kühl, noch versteckte sich die Sonne hinter den Bäumen. Als ich dann nach ein paar Kilometern auf Pierre und Terry traf, war meine erste Überquerung schon fast im Sacke. Gemeinsam mit den beiden pedalten wir schwatzend die Steigung hoch und wieder einmal merkte ich, dass ein Berg schon gleich viel weniger unheimlich ist, wenn man sich unterhaltend auf ihm bewegt. Pierre kam aus Lyon und hatte seinen Freund Terry, einem Australier, versprochen, dass sie gemeinsam den Ventoux bezwingen würden. Nicht besprochen war allerdings, dass sie am Abend zuvor etwas arg dem Weine zuneigten, was sich vor allem auf Terrys Leistung etwas hinderlich auswirkte. In gemütlichem Tempo (ich wollte ja kein Rennen gewinnen, ich wollte die Dreifachbesteigung schaffen!) kurbelten wir Kilometer für Kilometer nebeneinander, tauchten Nichtigkeiten und Wichtigkeiten aus unseren Leben aus und waren fast erschrocken, als wir plötzlich vor Chalet Reynard standen. Dort ließ ich die beiden stehen, weil sie einen Kaffee zur Katerbekämpfung einsetzen wollten, und pedalte fröhlich die letzten sechs Kilometer bis zum Col.

 Nummer 1 war im Sack!

 Eine halbe Stunde später war ich in Malaucene, wo vor dem örtlichen Supermarkt eine Gruppe sportlich gekleideter Herren wartete, auf deren Jerseys „London – Barcelona“ stand. Vier junge Londoner, der statt den Billigflieger zu nehmen mal eben nach Barcelona pedalten. Sie standen allerdings etwas ehrfürchtig vor meinem Renner, denn sie waren mit schwer bepackten Tourenräder unterwegs, die dann doch etwas schwergängiger sind. Sie fuhren los, und ich ging einkaufen, um ein schönes Päuschen zu machen. Wobei ich peinlicherweise mitten in einer plötzlich auftauchenden Hochzeitsgesellschaft landete, die etwas pikiert guckte, als sie mich durchgeschwitzten Radelhelden da vor der Haustür erblickte.

 Auf den zweiten Anstieg war ich sehr gespannt. Wie werden sich die Beine anfühlen, was sagt der Kopf zu diesem ganzen Wahnsinn? Ich war so an die Sache gegangen, wie ich das in den Alpen gemacht hatte: ein Col folgt dem nächsten. Ob sich mein Akademikerhirn allerdings so leicht veralbern lassen oder eher protestierten würde, weil wir den angesteuerten Col doch grade erst überquert hatten und das damit keinesfalls ein „nächster“ Col wäre, darüber war ich mir nicht sicher.

 Nun, ich kann mein sensibles Mütchen loben. Es hat prima mitgespielt. Es hat den Sinn der Aufgabe verstanden und alle Schleusen geöffnet, um Motivation und Energie fließen zu lassen. Und nachdem ich meinen Rhythmus gefunden hatte, war es nur noch ein Frage der Zeit, wann ich erneut auf dem Gipfel war. Nebenbei: schon am Mittwoch, als ich die Nordseite erstmals probeweise ansteuerte, waren auf der Piste ein paar völlig zugehängte Autos mit Groß-Gerauer Nummernschilder unterwegs gewesen. Offensichtlich Testfahrzeuge. Heute nun trugen die zugekleisterten Schleudern Freiburger Nummern und waren im Gegensatz zu den eher familienkutschigen Groß-Gerauer eindeutig sportlicher Natur. Wie so ein Leben als Testfahrer wohl in Gänze aussieht? Immer den Berg hoch und rund, mal schnell, mal quälend langsam und manchmal sogar rückwärts (ja! Die Groß-Gerauer!) klingt irgendwie nicht so ganz befriedigend.

 Nach etwa zwei Stunden war ich erneut auf dem Gipfel, sackte Col Nummer zwei ein und stürzte mich in die Abfahrt nach Sault. Und damit in die Hitze. Der Anstieg von Bédoin war noch vor der erst aufgehenden Sonne geschützt gewesen, und die Nordseite hatte unser Lebensgestirn noch gar nicht erreicht, als ich unterwegs war. Nun aber strahlte sie mit voller Kraft, und schon auf der Abfahrt wurde mir fiebrig heiß. Das Gemeine an der Abfahrt nach Sault ist übrigens, dass es auf den letzten zwei Kilometern mit etwa 6 Prozent bergauf geht. Ein echter Stimmungskiller, und zugleich der erste Moment, an dem ich merkte, dass meine Beine dann doch schon einiges geleistet hatten. Egal: Mein Scheckbüchlein abstempeln lassen (musste ich in den drei Orten und auf dem Gipfel machen, damit ich auch nachweisen kann, dass ich tatsächlich gefahren bin), ein schnuckeliges Crêpes zwecks Energiegewinnung verdrückt und auf zum dritten Anlauf.

 Der war schwer. Verdammt schwer. Weil er so viel leichter war. Wo es von Bédoin und Malaucene häufig mit 9-12 Prozent hochgeht, erreicht die Steigung Sault zunächst nicht mehr als 6 Prozent. Und dass ist psychologisch gar nicht so einfach, da die richtige Motivation zu finden! Ich brauchte bestimmt 10 Kilometer, um in einen vernünftigen Rhythmus zu kommen. Zudem quetschte mir den Sonne jede verfügbare Schweißträne ab, so dass ich mich bald wie ein nicht richtig ausgewrungener Putzlappen fühlte. Ach, und das Nervigste: die Fliegen! EKELHAFT. Und bei dem eher geringen Tempo, dass ich angesichts meiner Motivationsprobleme erreichte, zudem spielend in der Lage, mir gemütlich bei meinem Anstieg zu folgen. Und noch mal ins Ohr zu krabbeln. Oder in ein Nasenloch. Und fröhlich in meinem Schweiße zu baden, mich als Gastwirt so richtig lieb zu haben.

 Dann stand ich erneut vor Chalet Reynard. Sechs Kilometer trennten mich noch von der Dreifachbesteigung. Die ersten drei liefen gut. Der vierte war schon schwieriger. Und die letzten beiden waren der Horror. Nicht enden wollende Qual. Drei Pausen auf zwei Kilometer (nein, ist mir nicht peinlich!). Und dann, endlich, diese blöde Rampe oben am Col, auf der es für 100 Meter noch mal mit 13 Prozent hoch geht. Die letzten Energiereserven verheizt und es war vollbracht!

 

nach dem dritten Aufstieg mit dem vollgestempelten Heftchen

Es war hart, aber es war zu schaffen. Auch wenn ich drei Rekorde gebrochen habe, waren diverse Tage in Afrika deutlich schwerer. Die Steinwüste in Nordkenia zum Beispiel. Die Rüttelpisten im Sudan. Oder dieser Wahnsinnstag, als wir nach Mbeya raufkurbelten. Dreimal Ventoux ist halt geballter Wahnsinn, aber unter „normalen“ Umständen. Es war für mich daher eher eine Frage der Motivation, denn die äußeren Umstände stimmen. Frankreichs radfreundliche Infrastruktur, die vielen Menschen, die ich unterwegs traf, die schönen Begegnungen, wenn ich irgendeine hutzelige Oma in meinem Pidgin-Französisch bat, ein Foto von mir vor dem Ortsschild zu machen. Das alles hatte eine fröhliche Qualität, an deren Stelle in Afrika viel häufiger Traurigkeit gewesen war. In der Steinwüste Nordkenias traf ich damals den kleinen Jungen, der mich aufforderte „give me water“. Auf dem Weg nach Mbeya fuhren mich Baustellenlaster mehrfach beinahe um. Das war körperlich UND psychisch extrem anstrengend.

 So, und nun bin ich ein „Verrückter des Mount-Ventoux“. Ein Titel, mit dem ich wahrlich gut leben kann. Er ist und bleibt eben mein Liebling, dieser „Géant de Provence“

 Und damit endet meine Reportage über mein Alpenabenteuer auch schon wieder. Wenn ich daheim bin, gibt’s aber noch einen Stapel Bilder!

 À la prochaine und take care everybody. Euer nunmehr auch verrückter hardy cyclist

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