Am Ende der Welt

Irgendwie heißt es ja bei abseitigen Käffern oder nur über verwundene Wege zu erreichende Täler bzw. Gipfel gerne mal, man habe ‚das Ende der Welt‘ erreicht.

Doch das ist Blödsinn!

Ich habe auf meiner Alpentour einige dieser ‚weltendlichen Orte‘ angesteuert, das Ende der Welt jedoch nie erreicht. Statt dessen traf ich dort auf von menschlicher Kreativität und Liebe zum Leben geprägte heimelige Orte, die vor Lebendigkeit brodelten.

Heute jedoch erreichte ich wirklich das Ende der Welt. Es ist in St-Michel-de-Maurienne, einem Durchfahrkaff an der Autobahn Grenoble-Turin, der Bahnlinie aus Italien sowie der dicht befahrenen N 1009. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, hier, in einem der heruntergekommensten Hotels, in dem ich in meinem Leben war (trotzdem 35,40 € ohne Frühstück!) zu nächtigen, wenn sich nicht über dem Télégraphe und dem Galibier ein mächtiges Gewitter zusammenbrauen würde. ‚Wir erwarten heftige Niederschläge und Hagel‘, war mir an der Touri-Info mitgeteilt worden. Nein, da wollte ich nun wahrlich nicht reinkommen, und so blieb ich hier – am Ende der Welt.

Ein Ort des Grauens. Unablässig schiebt sich die Blechkarawe durch den Ortskern, verpestet die Luft, müllt die Ohren zu. In den Bars hocken rotwangige Männer vor Bieren. Als ich in einem ‚Restaurant rapide‘ etwas zu essen bestellen wollte, wurde ich ungläubig angeglotzt. Essen? Ne, wir ham nur Bier. Wer hier lebt, hat aufgegeben zu leben.

Eigentlich wollte ich ja die große Runde machen und nach dem Glandon und dem Croix de Fer auch noch den Telegraphe sowie den Galibier überqueren. Die Mammuttour fiel nun dem Wetter zum Opfer, und, ja, so ganz böse bin ich darüber nicht. Nach 10 Tagen auf dem Rad – ein Ruhetag – sind die Beine doch etwas schwer geworden und ich freue mich auf etwas flachere Regionen, in denen ich von Sonntag an unterwegs sein werde.

Inzwischen sind es 17 Cols, die ich mit meinem Besuch beehrt habe. Etwas über 16000 Höhenmeter auf 760 km – morgen kommen dann wohl noch mal rund 2000 HM hinzu, wenn ich das Ende der Welt wieder verlassen werde.

Aber was für eine wunderschöne Tour. Klar, ich hatte Glück mit dem Wetter (nur eine Miniregenwolle auf dem Comelet de Roseland), und das mit der Quartiersuche nach einem langen und harten Tag war manchmal nervig. Aber diese Landschaft! Dieses erhabene Vergnügen, eine Col nach dem anderen hochzupedaln! Diese tausenden von anderen Cyclisten hier unten!

Der schönste Pass war bislang der Col de Joux-Plane. Eine beinharte Auffahrt mit selten weniger als 8 %, aber oben auf dem Gipfel das Paradies! Ein traumhafter Bergsee, ein Gite mit extrems leckeren Crepes und eine Ruhe, die einfach aufsaugend war. Ganz im Gegensatz zum Alpe d’Huez, den ich mir gestern unter die Reifen nahm. Die Hölle los am Berg und vor allem oben. Soooo aufregend fand ich ihn allerdings nicht. Nach dem harten Einstieg mit locker 10 Prozent geht er recht gleichmäßig und ich war in etwa 1:20 oben. Ich weiß, Pantani war halb so schnell, doch erstens bin ich zwar Pirate, heiße aber nicht so, und zweitens bewegte sich in meinem Blut nur energiespendendes Bananengemisch…

Nach dem Galibier morgen geht’s weiter südlich und dabei ziemlich in die Pampa. Internettechnisch bin ich dort am ‚Ende der Welt‘ – werde mich wohl erst irgendwann Anfang September melden können (dann hoffentlich auch endlich mit Bildern).

Take care, in Euern Enden der Welt!

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Ein Kommentar

  1. Lieber Hardy,

    da nimmst Du Dir ja ganz gehörig Zeit und fährst fast die gesamte Grand Route des Alpes ab. Lese wie immer gerne Deine Sicht der Dinge und fühle mich ein wenig erinnert an Afrika. Du mit Rucksack und Stift und Kamera jederzeit griffbereit und ich als Präparation auf den Ötztaler Radmarathon ein wenig sportlicher. Dass wir dann trotz aller Unterschiede viele Dinge ähnlich sehen, zeigt mir der Joux-Plane, den ich damals so schön fand, dass ich ihm den ersten deutschen Wikipediabeitrag widmete :-). Geniesse die zeit dort unten und lass es Dir bei Käse und Rotwein auch mal gut gehen.

    Dennis

    PS: Solltest Du von Cuneo ans Mittelmeer vorstossen, fahr den Col de la Lombarde. Ein „unbekannter“ Traum

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