Kleiner Ausflug zu den Victoriafaellen

Hurra, nur noch 200 KM!

158 – 182 – 151. Nein, das sind nicht die modifizierten Maße meiner Oberschenkel, sondern die Tageskilometer, die wir in den letzten drei Tagen abgestrampelt haben! 491 Kilometer trennten uns am Dienstagmorgen bei Sonnenaufgang in Lusaka noch von Livingstone und den berühmten Victoriafällen – nun sitze ich bereits in der Bar des Zambezi Waterfront Camps, sehe die Sonne im Zambezi eintauchen und lausche dem Spektakel, das die Affen in den Bäumen über uns veranstaltet. Und mein Hintern kühlt sich an einem frischen Mosi-Bier…

Die langen Distanzen waren aber nicht das einzige Problem, denn abgesehen vom ersten Tag, der uns zumeist downhill aus dem Verkehrschaos von Lusaka führte, ging es zumeist gaaaanz, gaaaanz leicht bergauf. Ich würde sagen so um die 0,5 Prozent im Schnitt – eine Steigung, die im Grunde genommen nicht sichtbar, aber dennoch spürbar ist. Vor allem, wenn sie sich über hunderte von Kilometern zieht.

Dementsprechend waren wir natürlich alle stolz wie Oskar, als wir am zweiten Tag den neuen Rekord von 182 Tageskilometern aufstellten. Für die meisten von uns war es eine neue persönliche Bestmarke – so auch für mich. Sie wird freilich nicht lange Bestand haben, denn in Botswana steht sogar eine Tagesetappe mit 207 Kilometern an. Insgesamt werden wir auf dem Weg nach Windhoek in zehn Tagen schlappe 1.539 Kilometer zu überwinden haben.

Livingstone. Hinten brausen die VicFalls

Zunächst aber stehen nun zwei Pausentage hier in Livingstone an. Livingstone ist ein wuseliges Nest, das sich voll dem Tourismus hingegeben hat. Es lebt von den Viktoria-Wasserfällen, die an der sambisch-simbabwischen Grenze 14 Kilometer weiter südlich liegen und Touristen, Abenteurer sowie Romantiker aus allen Teilen der Welt anlocken. Auf dem Campingplatz wuselt es von so genanten „Overlandern“ – Leuten, die bequem auf einem Truck durch den Kontinent transportiert werden und sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie graugelbe Safarikleidung tragen und immer eine Kamera zur Hand haben. Der „Lonely Planet“ hat Livingstone zudem treffend als „Backpacker Dream“ bezeichnet, denn hier tummelt sich außerdem ein buntes Volk von Rucksacklern, die auf dem Abenteuertrip sind und die von den diversen coolen Angebote an den Fällen angelockt worden sind. Was es dort alles so zu erleben gibt, werde ich morgen mal vor Ort abchecken.

Über das Radfahren gibt es auch diesmal nicht so wahnsinnig viel zu berichten. Die Gegend zwischen Lusaka und Livingstone ist eine Mischung aus Steppe und Agrarlandschaft und bietet wenig aufregendes. Zudem wächst beiderseits der Straße hohes Gras, so dass man häufig nicht allzu weit blicken kann. Orte gibt es nur sporadisch, und wenn, dann sind sie meistens klein und bilden eine Melange aus Marktplatz und Überlandbushaltestelle. Einzige Ausnahme war das Örtchen Mazabuka, das wirkte, als stünde es Model für einen Katalog der Kolonialgeschichte: Klassische britische Kolonialbauten, kleiner Marktplatz und eine sehr angenehme, entspannte Atmosphäre.

ist das nicht afrika wie aus dem bilderbuch?

Heute fuhren wir dann für rund 100 Kilometern auf einer mit EU-Mitteln finanzierten und von China (!) gebauten Straße, die mit ihrem glatten Asphalt Sehnsüchte an heimische Pisten aufkommen ließ. Hier sind die Straßen nämlich normalerweise ziemlich rau, und unser Vorzeigeami Scott verdiente sich unlängst die „silberne Speiche“ für den zweitbesten Spruch der Woche, als er meinte, „wenn du dich darauf lang machst, siehst du aus wie ein Hamburger“.

Emotional befindet sich unser kleiner Reisetross an einem etwas kniffligen Punkt. Es ist noch genau ein Monat, bis wir in Cape Town das große Finale feiern. Das heißt, wir sind nun drei Monate „on the road“. Und bei jedem von uns macht sich eine gewisse Müdigkeit breit. Jeden Morgen um 4.30 Uhr aufstehen, das (meistens nasse) Zelt einpacken und im Schließfach verstauen, einen mehr oder weniger genießbaren Kaffee runterstürzen, stets die selben 62 Nasen sehen und dann für zig Stunden auf das Rad zu steigen – dieser Reiz wirkt gegenwärtig etwas abgeschliffen. Zudem drängen sich bei dem einen oder anderen die ersten Gedanken an das Nachhausekommen in den Vordergrund, werden erste Vorbereitungen für die Abreise aus Cape Town getroffen. Aber es ist wohl nicht zu vermeiden, dass nach so einer langen Zeit eine gewisse „Delle“ eintritt, und ich vermute, dass die Spannung wieder ansteigen wird, wenn wir erstmal in Windhoek sind und den allerletzten Abschnitt vor uns haben.

das zen der benzstrasse hilft auch gegen lagerkoller

Nicht unkritisch wird von vielen aber auch die Organisation bzw. das Personal der Tour d’Afrique betrachtet (auch von mir). Es gab schon seit Ägypten immer mal wieder Grund zur Kritik und Anlass zur Klage, die aber rasch wieder vergessen waren. Inzwischen geht vielen allerdings die bisweilen etwas harsche Lagerleitung auf den Keks („wie beim Militär“), die sich jegliche Kritik verbietet („wenn euch unsere Campingwiesen nicht gefallen, dann sucht euch ein Hotel“). Und die Betreuung ist eher rudimentär. Die ohnehin wenigen Angaben über die Tagesetappen (von Streckenprofilen können wir nur träumen…) stimmen häufig nicht, manchmal ist die Streckenführung nachlässig abgesteckt (heute bin ich 13 zusätzliche Kilometer gefahren, weil ich die Einfahrt zum Camping nicht gefunden habe) und im Großen und Ganzen hat man manchmal das Gefühl, wir sind Teilen des Personals ziemlich egal bzw. sogar lästig. Dadurch ergibt sich zunehmend das Gefühl, keinen entsprechenden Gegenwert für die doch durchaus üppige Summe von 9.000 Euro zu bekommen, denn weder unsere Verpflegung noch unsere Unterkunft können allzu viel Geld verschlungen haben.

Was ich persönlich sehr schade finde, ist, dass wir absolut nix über die Gegend erzählt bekommen, durch die wir radeln. Wenn wir ein neues Land betreten, liest immer irgendjemand vom Personal mit eher monotoner (= einschläfender) Stimme das Länderporträt aus dem „Lonely Planet“ vor. Das wars. Mehr Infos bekommen wir nicht. Es gibt zwar jeden Abend ein so genanntes „riders meeting“, doch da bekommen wir im Grunde nur vorgelesen, was ohnehin auf einer Tafel steht: „Verlasst das Camp nach links, bei 20 KM gibt es einen Coke-Stop, bei 75 KM ist Lunch, bei 112 müsst ihr am Roundabout die zweite Ausfahrt und bei 158 ist das Camp auf der linken Seite“. Kein Wort über die Strecke, über die Straße, über die Region, über die Orte, über die Menschen etc.

Dafür, dass die Tour nun bereits im neunten Jahr ist, finde ich das mehr als dünn.

Zudem verändert sich der Charakter der Tour gerade in einem dramatischen Tempo. Die schweren Tage sind vorbei, und Afrika wirkt hier unten ganz anders. Als ich heute durch Livingstone spazierte, hatte ich mal wieder das Gefühl, es gibt zwei: das der Einheimischen, und das für uns Weiße bzw. für die wohlhabenden Schwarzen. Eine Teilung, die es bis Nairobi quasi nicht gab, denn die Hotels/Geschäfte, die sich an den (zumeist) weißen Tourismus richteten, konnte man an einer Hand abzählen. Hier geht man in einen überall zu findenden „Shoprite“ (Supermarktkette) und fühlt sich angesichts des Angebots (und der Preise…) „wie zuhause“. Oder man residiert auf dem Zambezi Waterfront Camping, auf dem ausschließlich Weiße sind (die schon erwähnten „overlander“), auf dem die Cola statt wie überall sonst im Land zwischen 2.500 und 3.000 Kwachas stolze 5.000 kostet und aus deren Disco gerade in diesem Moment exakt dieselbe Scheiße wummert, bei der ich daheim immer die Sinnkrise kriege. Das ist irgendwie nicht das Afrika, das ich in den letzten Monaten gesehen und gespürt, und das ich sehr schätzen (und manchmal hassen…) gelernt habe. So langsam dämmert mir auch, was offenbar darunter zu verstehen ist, dass „weiter südlich Südafrikas Einfluss stärker zu spüren ist“.

Ich stehe mit dieser Ansicht allerdings etwas alleine, denn die meisten auch aus unserer Gruppe genießen den westlichen Luxus und stören sich auch nicht daran, völlig überhöhte Preise dafür zu bezahlen. 45.000 Kwechas drückt man im Zambezi Waterfront Camping für ein Frühstück ab – das sind 7,50 Euro, und ich habe keine Ahnung, wie lange eine durchschnittlich sambische Familie damit überleben könnte. Länger jedenfalls, als nur die paar Stunden, die uns bleiben, bis der Magen zum Lunch ruft. Aber ich werde schon wieder sentinmental…

erfolgreiche shoppingtour in lusaka

Zum Schluss jetzt aber noch eine schöne Geschichte vom Old Town Market aus Lusaka. Am Montag bin ich, wie angekündigt, losgezogen, um mir ein lokales Fußballtrikot zu besorgen. Wie zu erwarten war, habe ich damit ein heilloses und zugleich lustiges Chaos produziert. Irgendwann hatte ich einen kompetenten Verkäufer gefunden, der mich erstmal nach meinem Lieblingsverein befragte. Nun, Göttingen 05 wollte er nicht hören, und auch die großartigen Bristol Rovers oder Bretagnes Stolz En Avant Guingamp waren nicht gefragt. Er hätte sie ohnehin nicht gekannt, denn in seinem Shop hingen ausschließlich Produkte der fußballspielenden Konzerne Chelsea, Arsenal, Manchester United, Liverpool, Barcelona und Real Madrid. Nein, er wollte von mir wissen, ob ich denn nun ZAMCO oder ZANACO-Anhänger sei. Ich konnte beides verneinen, woraufhin er mir eröffnete, er unterstütze zwar ZANACO („best team in Zambia“), ein Shirt könne er aber trotzdem nicht auftreiben. Statt dessen bot er mir ein wunderbares Stückchen grünen Stoff an, das sich als Nationaltrikot Sambias entpuppte und alle üblichen Standards eines adidas-Jerseys aufwies. Für 40.000 Kwachas – umgerechnet etwas mehr als 7 Euro – könne es meins werden. Der Deal stand, und beim Weggehen versicherte mit der geschäftstüchtige Fan noch einmal mit kräftigem Händedruck, dass ich ein Originalstück erstanden habe. Warum allerdings auf dem im Trikot eingenähten Etikett „adidas – Diewel tmarke nitden 3 streifen“ steht, konnte er mir auch nicht erklären…

Später entdeckte ich dann in einem Buchladen sogar noch ein Werk über die Geschichte des Fußballs in Sambia, das ich für 85.000 Kwachas ersteigern konnte.

Soviel für den Moment. Vor meiner Abreise aus Livingstone (Sonntagmorgen) hört ihr noch mal von mir. Denn ich werde etwas ganz Besonderes zu erzählen haben. Was? Bleibt dran, an Euerm

hardy cyclist!

P.S.: Schöne Grüße an Union-Volker: Das Fallersleben-Debakel hatte ich persönlich via live-ticker auf scg05.de mitbekommen. Deshalb kein Hinweis von schwarz-gelb-grüner Seite! Wie geht’s Union? Treten Eure Söldner vernünftig gegen den Ball? Und wenn Du zum Derby kommst: ich leih Dir gerne meine Hassmaske! (upppss, so etwas sagt man doch öffentlich nicht! Also gut: meine 05-Brille…)

ENGLISH

Arrived at Livingstone, close to the famous Vic Falls and having two rest days to explore them. After cycling 491 KM in just three days – one day we had 182! – our butts needs a rest anyway. Nothing spectacular on the road south of Lusaka. Mosly steppe with much agricultar. Again, very few towns and villages. The stages were not only long but also very slowly going uphill – bad for the mind, as you don’t see the ascencion, but feel it.

Mood in the camp is a bit different. After three months getting up at 4.30 Uhr in the morning, drinking a more or less tastelasse caffee, seeing the same 62 people every single day and going on the bike at 6.30 Uhr we all have had enough. It’s still a month to go, which is on one hand a short time, but on the other hand, four weeks are still four weeks and we do have plenty of Kilometers to go. The next section, leading to Windhoek, covers more than 1.500 km in just 10 days!

Besides, most of us are a bit critical with the organisation. There have been comments about not sufficient organisation since Egypt, but it always died down quickly. Now, its much more persistent. People complain about the harsh regime at the camp (“I feel like being a soldier”), the lustlacre presentation of the daily stages (we are give only very few information about the stages), which are often wrong as well. Today, I cycled additional 13 kilometres because I couldn’t find the campsite we are on. I personally am dissatisfied with the way they present us the tour. When we enter a country, somebody from the stuff reads the country profile out of the “lonley planet” – and that’s it. Nothing about what we will see on our daily stages, about the people, the landscape etc  I find that a bit dissapointing.

Africa has changed as well. As further south we’ve come, as more “westernized” it has become. Well, that’s actually not true, as in reality there are two Africas now: one, which is westernized and for the “Whites” and the rich black, and one, that is still Africa. The TdA now mostly goes to the westernized areas. At a prize. Here at the Zambezi Waterfront Lodge we have to pay 45.000 kwechas for breakfast alone – that ist about 7.50 Euro or 7 Pounds. I wonder, how long an ordinary zambezian family could survive on 7,50 Euro – certainly much longer than we, as we will be hungry in a few hours again.

But I’m probably just a bit sentimental…

Now it’s two days off, and I’m about to discover whats on at the Vic Falls. Tell you more about it later. And I can promise you some amazing stories!

Your hardy cyclist

Côté Guingampais: Desolé sur les resultats d’En Avant et Strasbourg. Espérè, que l’equipe va commencer gagner encore et vous pourra celebre l’ascension en L2. 

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3 Kommentare

  1. Hardy,

    beste Grüße von hier an Deinen Ruhetagen am Zambezi!

    Also hätten unsere Jungs letzten Sonntag halbwegs vernünftig gegen den Ball getreten, hätten wir bei Armina Adersheim gewinnen müssen, aber so, mit etlichen Chancentods im Team, stand´s am Ende 2:2.

    Macht gerade Platz 9 in der Tabelle mit 29 Pktn. aus 22 Spielen und damit 11 Punkten Abstand zum drittletzten (Abstiegs-)Platz.
    Hoffe, das reicht uns am Ende.

    Wir haben „Länderspiel“ jetzt am Sonntag zuhause gegen KSV VAHDET Salzgitter.
    Unsere internationale Auswahl mit Deutschen, Kurden und Afghanen gegen 10 Türken und deren russischen Torwart! 😉

    Ansonsten gilt für mich unverändert:

    Nur UNION Salzgitter!

    (The Famous Glasgow Rangers)
    Musicvid mit Originaltext:

    Als ich einmal in Bad spazieren ging,
    traf ich Fremde, die war´n aus Gitter.
    Die sagten zu mir, wir ham uns verlaufen hier.
    Das ´s´ doch die Heimat von UNION Salzgitter!

    So nahm ich sie mit, die Friedrich-Ebert rauf,
    unser Stadion anzuschauen.
    Da sagten sie, so was sahen wir noch nie!
    Wir sind neidisch – ganz im Vertrauen!

    Manch einer, der ein Liedchen singt,
    von sei´m Lieblingsverein,
    hat´s echt schwer, kommta aus Lebenstedt,
    denn da gibt´s ja wirklich kein´n!
    Da, wo man sich nicht entscheiden kann,
    hängt man Borussia oder Fortuna an.
    Doch ich singe hier nur als UNION-Fan
    denn da kommt keiner ran!

    Als ich einmal in Bad spazieren ging,
    traf ich Fremde, (die) war´n aus Gitter.
    Die sagten zu mir, wir ham uns verlaufen hier.
    Das ´s´ doch die Heimat von UNION Salzgitter!

    Als ich einmal in Bad spazieren ging,
    traf ich Fremde, (die) war´n aus Gitter.
    Die sagten zu mir, wir ham uns verlaufen hier.
    Das ´s´ doch die Heimat von UNION Salzgitter!

    Ja, nur UNION Salzgitter!
    Ja, nur UNION Salzgitter!

    Copyright für den deutschen Text: Riot Volker

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  2. Hardy, du kühlst dir deinen Pöter an einem Bier . . . krass!
    Freue mich nach wie vor über jeden Bericht und staune, wie schnell die Zeit vergeht!
    Wünsche dir gute Beine und denk an dich, wenn wir hier die Luschenfahrten machen 🙂
    Liebe Grüße, Sanne

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