Die Sonne ist zurück!

Endlich wieder Sonnenschein! Der Autor auf dem Weg nach Lilongwe

3 Monate habe ich keine Bundesliga mehr geguckt. Und nun komme ich nach Kasungo (müsst Ihr nicht kennen…), und was läuft da über den Bildschirm? St. Pauli gegen Schalke! Also schnell Zelt aufgebaut, geduscht, ein Bierchen bestellt, beim Stande von 0:1 Platz genommen und mich dem unparteiischen Wahnsinn hingegeben. Wen es tröstet: die versammelten Malawier (die alle auf West Ham gegen Manchester United warteten, das danach gezeigt wurde) waren ziemlich beeindruckt vom „You’ll never walk alone“ in den letzten fünf Minuten, und die finale Schiedsrichterentscheidung führte zu einer erregten Diskussion mit niederländischer, deutscher, dänischer, südafrikanischer, englischer und natürlich malawischer Beteiligung über den Zustand des Fußballs auf der Welt.

Dass ich nun aber ausgerechnet dieses verrückte Spiel sehen konnte – noch dazu durch reinen Zufall, denn ich bin nur in die dem Campingplatz angeschlossene Bar gegangen, weil ich eine freie Steckdose für mein Handykabel gesucht habe – was will mir das bloß sagen?

the "soccer cyclists" auf der Tour d'Afrique - allesamt in "fremden" Kleidern. Neben mir Amand aus Eritrea im "Bafan Bafan"-Jeserys, vorne Pierre aus Kanada im Dress eines peruanischen Klubs

Doch nun Fußball beiseite, denn während neben mir ein eiskaltes Kuche Kuche auf sein letzte Stunde wartet (das ist das „Kutsche Kutsche“ ausgesprochene lokale Bier, das wie ein Dortmunder Lager schmeckt, also gut), lasst mich von Malawi erzählen. Ein Land, aus dem ich ehrlich gesagt nicht so richtig schlau werde. Hier ist irgendwie nichts so richtig greifbar, verlaufen die Parallelwelten, die wir anderswo auch schon erlebt haben, in einem wirren Zickzack eher mit- als nebeneinander (wie beispielsweise in Kenia). Hier kommt man durch Orte, die völlig heruntergekommen aussehen, deren Läden vielfach geschlossen sind und auf deren Märkten es so gut wie nichts zu kaufen gibt (heute sah ich ausschließlich Tomaten und Kürbisse. Nix anderes!). Und im selben Ort stehen dann gleich drei blitzeblanke Banken, geschützt von bewaffnetem Personal und jeweils mit einem 24-Stunden-Geldautomaten bestückt. Schon seit Äthiopien waren es stets die Banken, die am modernsten aussahen und am gepflegtesten wirkten. Ohne hier den Sozialromantiker spielen zu wollen, dass dürfte wohl kaum Zufall sein… In Malawi fragt man sich allerdings, wer diese 24-Stunden-Geldspuckmaschinen eigentlich benutzt – die lokale Bevölkerung scheint nämlich nach meinem Dafürhalten in der Regel nicht dazu in der Lage zu sein. Selbst in Äthiopien habe ich nicht so viele Menschen in zerrissener und zerschlissener Kleidung gesehen, so viele Kinder, die barfuss gehen (müssen?), so ärmliche Hütten, die oft noch nicht einmal Fenster und statt eines Blechdaches lediglich Strohmatten haben. Die Menschen hier sind wirklich arm.

auf dem weg zum broker meines vertrauens

Das zeigt auch der Verkehr, der so dünn wie lange nicht mehr ist. Selbst die sonst allgegenwärtigen Minibusse sind hier rar gesät, und auch Überlandbusse bzw. LKW kommen nur selten vorbei. Wenn es Privatwagen gibt, sind es fette 4×4 oder Land Cruiser (gefahren vermutlich von den Geldautomatenbenutzern). Mitunter haben wir die (sehr guten!) Straßen stundenlang für uns allein oder teilen sie mit einheimischen Radlern (so viele Fahrräder wie hier habe ich noch nirgendwo gesehen) bzw. Fußgängern. Und gearbeitet wird hier vornehmlich mit den Händen. Ich habe Holzfäller mit Äxten und gewaltigen Sägen gesehen, Männer, die mit Sensen das Gras neben der Straße schnitten und Bauern, die ihre Feldarbeit mit der Hand verrichteten. „Arbeitskraft ist billig in Afrika“, las ich die Tage in Paul Theroux’ Afrikareisebericht „Dark Star Safari“.

Gleichzeitig sind die Malawier bis auf wenige Ausnahmen unglaublich freundlich und geradezu enthusiastisch, wenn wir ihre Dörfer passieren. Und das gilt nicht nur für die Kinder, die schon immer in Rudeln am Straßenrand stehen, wenn ich vorbeikomme (ich liege meistens so eine Stunde hinter den „echten“ Racern, durch deren Durchfahrt die Kiddis ‚geweckt’ werden). Auch die Erwachsenen winken fröhlich und lachen uns an oder geben uns ein „thumbs up“. Zugleich hat sich damit der letzte Woche geschilderte erste schlechte Eindruck über Malawi erfreulicherweise verflüchtigt!

malawi kann trist sein

Ich bin ständig am „hello“ und „good morning“-Rufen bzw. am Winken, und ich kann sagen, dass das unglaublich Spaß macht, weil man sieht, dass die Leute selber Spaß daran haben. Vor den Schulen ist natürlich immer regelrecht die Hölle los, und wenn man da winkend vorbeiradelt, dann bricht ein Lärm aus, wie ich ihn sonst nur von der Benzstraße nach einem 05-Tor kenne (n bisschen Lokalpatriotismus muss mal sein…!, und überhaupt: „Spitzenreiter! Spitzenreiter!).

Wollt Ihr noch etwas aus dem wirren Malawi? Also gut! Heute stand in der Nationalzeitung „Nation on Sunday“ eine Geschichte über ein siebenjähriges Mädchen, das verhungert ist, nachdem es von seinen Eltern mehr als 4.000 Tage lang an einen Baum gebunden worden war. Das Kind hatte eine geistige Behinderung, weshalb die Eltern es nicht alleine zu Hause lassen konnten, weil sie beide arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Die Mutter wird mit „wir haben nie genügend zu essen“ und „irgendjemand muss immer hungern“ zitiert. Begleitet wird der Artikel übrigens von einem Foto, das das an den Baum gebundene Mädchen zeigt!

the mist of malawi

OK, genug, zurück zum Radfahren. Das wiederum hat prima geklappt, und ich kann stolz verkündigen, dass ich meine bislang wohl stärkste und konstanteste Leistung auf dem gesamten Trip abgeliefert habe. Es war allerdings auch exakt mein Terrain (sehr wellig, mit schönen langen, knackigen Anstiegen), und auch das Wetter spielte mit, da es selbst Nachmittags nicht unerträglich heiß sondern angenehm warm war. Der Preis, den wir dafür zahlten, war allerdings Regen an nahezu jedem Fahrtag. Dreimal bin ich so richtig „durch“ gewesen.

Es ist schon bemerkenswert, wie sich Körper und Einstellung seit Kairo verändert haben. Am Tag, an dem ich in Kasungo in das St.-Pauli-Match stolperte, stand eine 108-Kilometer-Etappe an, die wir alle als „kurz“ bezeichneten. Ich war bereits um 10.30 Uhr im Camp und empfand den Tag irgendwie wie einen Ruhetag mit einem morgendlichen Ausflug zum Bäcker, um kurz mal Brötchen zu holen. Und inzwischen schaufel ich mich auch nach 120 oder mehr gefahrenen Kilometern noch klaglos einen 10-Prozent-Anstieg über fünf Kilometer hoch, ohne dass mein Puls in den roten Bereich kommt. Das einzige, was seit Kairo unverändert klagt, ist der Hintern. Nach 100 Kilometern mag ich manchmal einfach nicht mehr auf meinem Sattel sitzen. Heute habe ich mir einfach noch ne zweite Radhose eingepackt und die nach dem Lunch über die erste drübergezogen – doppelte Polsterung also – was durchaus was gebracht hat. Dennoch graut es mir etwas vor den anstehenden Mörderetappen in Sambia und Botswana, bei denen wir bis zu 207 Tageskilometer abstrampeln müssen. Da brauch ich wohl noch ne dritte Hose!

Nachdem wir unser Paradies am Malawisee verlassen hatten, trieb es uns in die Berge Zentralmalawis, die von bemerkenswerter landschaftlicher Schönheit sind. Höhepunkt war die Überquerung des Mount Mphamphala, durch die unsere Höhenmeterleistung zum dritten Mal seit Kairo die 2.000-Meter-Marke überschritt. Der Mphamphala lag an jenem Morgen in dichtem Nebel, und oben auf dem Gipfel konnte man die Hand kaum vor den Augen sehen. Gottseidank war die Sicht auf der Abfahrt dann etwas besser, so dass wir ordentlich Gas geben konnten. Störend waren allenfalls die üblen malawischen „speed bumbs“, die aus acht aufeinanderfolgenden, kleinen Asphalthöckern bestehen. Während Autos da ungerührt in hohem Tempo rüberbrettern, wecken sie für uns böse Erinnerungen an die Wellblechpisten des Sudans und Nordkenias.

gottseidank blieb es bei der warnung - allerdings haben wir inzwischen drei malaria-erkrankungen im teilnehmerfeld.

Mit einer Ausnahme waren unser Camps stets in der „Zivilisation“, wodurch wir so schöne Orte wie Mzuzu und Kasungo kennenlernen konnten. Vor allem Mzuzu gefiel mir – nicht nur wegen seines ja nun wirklich „klassischen“ afrikanischen Namen, sondern vor allem durch seine fröhliche und lebendige Ausstrahlung. Mzuzu ist übrigens Uni-Stadt – wäre das nicht ein Projekt für eine Städtepartnerschaft mit Göttingen? In Mzuzu habe ich dann auch erstmals die landestypischen Beförderungstaxis gesehen: Fahrräder, die statt eines Gepäckträgers einen gepolsterten Sitz haben, auf dem der Fahrgast Platz nimmt.

Der letzte Tag führte uns dann nach Lilongwe, Malawis Hauptstadt. Beflügelt vom erneuten Auswärtssieg meiner Rovers bei einem direkten Abstiegskandidaten (das „Wunder von Bristol“ nimmt Form an!) brauchte ich etwa fünf Stunden für die 131 Kilometer und kam dementsprechend früh genug an, um mir für die beiden Ruhetage ein kleines Hotel zu suchen. Nun residiere ich im Golden Peacock Guesthouse, das pro Nacht stolze 2.000 Kwechas verlangt, was umgerechnet etwa 8.50 Euro sind. Da kann man sich schon mal etwas Luxus gönnen! Lilongwe ist eine positive Überraschung. Eine übersichtliche Stadt, die viel von Malawis Freundlichkeit und Fröhlichkeit hat. Irgendwie leicht und beschwingt. Und auch sonst zeigt sie beide Seiten Malawis: während im Zentrum ein gewaltiger Einkaufspark steht, den man auch irgendwo in England finden könnte, und in dem es alles zu kaufen gibt, sind die 500 Meter bis zu meinem Guesthouse vor allem abends ein wahres Abenteuer, da Straße sowie Gehweg voller Löcher ist, in denen man ohne Taschenlampe bequem verschwinden könnte.

Aber keine Angst, meine Leuchte habe ich immer dabei! Und damit schöne Grüße in die Heimat, in der ja offenbar der Frühling erwacht ist. Genießt die Sonne und die Wärme!

P.S.: Tausend Dank für Eure lieben Kommentare und Grüße. Super, wie ich hier mit Informationen versorgt werde (vor allem Volker & Sauer!). Das mit dem Maschpark ist natürlich ein Hammer. Das wäre für mich ja tatsächlich ein „football’s coming home“, denn die besten 05-Zeiten habe ich nun mal im Maschpark erlebt. Grüßt Burkhard und Jan von mir. „Hut ab, für Euern Mut“. Ich bin dabei!

ENGLISH Hi guys over there in the rest of the world. I’m in Lilongwe, capital of Malawi. A nice week full of climbing lies behind us and we enjoy two days of rest in lovely Lilongwe. The cycling was wunderful as the terrain was just made for me – long climbs, sometimes steep – and the weather was good. Not nice, as we got our share of rain, but not as hot and/or humid as at the Lake Malawi.

a special "hi" from Liam, the only Welsh guy on the Tour d'Afrique, goes to Blaenau Ffestinion. "It's grey and always raining there", he told me. Is that true???

Malawi is a strange country. It seems to be very poor, and even in Ethiopia I have not seen that many people wearing rugs and looking dirty. There are almost no cars on the (very good!) roads, but a lot of cyclists and pedestrians. Many kids run around barfoot, and the shops appear to be almost empty. Yesterday I saw only tomatos and melons on the market stalls – that’s it. At the same time in almost every village you’ll find at least three different banks with ATM and a guard with a weapon. I wonder who might use those ATM – cannot image, the poor locals will need them.

Most work is done by hands. We passed a huge forest, where the trees were cut with axes and splitted with huge saws. There seems to be no gadgets to help the worker. As Paul Theroux writes in “Dark Star Safari”: human working power is cheap in Africa.

As for the cycling everything is fine. I had the strongest week since our start in Cairo and rode exceptionelly well. On the third day, when we only had 108 km to go, I arrived at camp as early as 10.30 Uhr – which felt just like another rest day. I arrived just in time to watch the bundesliga match st. pauli vs. schalke which was shown in the bar of the camping. Felt strange, watching the bundesliga again after more than three months in which I barely got the results.

Next week we will enter Zambia where we have to cycle long distance stages sometimes more that 200 km long. Lets’s hope for tailwind, although my poor bum is crying already…

Hope everything is fine in Wales, in Bretagne (merci bien, Dam, et “Kenavo” a toutes les Guingampais! La prochaine fois j’ira à Guingamp on faire un « soir africaine » avec photos et videos de Tour d’Afrique. Mais je voudrais voir une match de L2 !!!), in China (hope everything is fine for you 2 and a half) and wherever you listen to me.

A special “hello” to all my fellow gasheads. Fantastic job done by Captain Stuart and his crew as well as your supporters. Yeovil must have been a dream come true. Carry on and make the “wonder of Bristol” possible!

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2 Kommentare

  1. Hallo Hardy,
    ein wenig verspätet mein Kommentar zu diesem Eintrag von dir.
    Ich war live dabei beim Spiel Pauli-Schalke, das Du in Afrika gesehen hast. Ich hatte aber erst am folgenden Tag die Gelegenheit mir die Szenen im TV anzusehen. Das heißt Du warst in Afrika früher informiert, als ich, der selbst im Stadion war. Cruel.
    Was soll das mit dem 7 Jahre alten Mädchen, das bereits 4.000 Tage (also mehr als doppelt so lang, wie es auf der Welt ist) am Baum gefesselt ist. Machen die in Malawi die Aprilscherze am 4.4. statt am 1.4. ? Oder ist das so eine Art Legende …
    Mich hat es übrigens beim Fußball zerrissen (Wade) und ich habe jetzt erstmal eine Auszeit. Und Zeit für deine nächsten Artikel. Bis dann und drück die Daumen, dass 05 am Sonntach in Kästorf gewinnt, damit das Wunder Maschpark wahr wird.
    Schönen Gruß und alles Gute
    Matthias

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