Malawi ruft

chitimba beach - hier lässt es sich aushalten...

damit bin ich über malawis straßen geheizt

auf in land nummer 6

Mei o mei! Keine 24 Stunden in Malawi, und schon wieder hölle erlebt! Während ich hier in der Bar des paradiesischen Chitima Beach Camps hocke und ein kühles Bier vertilge, fallen die Ereignisse der letzten Stunden allmählich von mir ab.

Gestern morgen starteten wir frohen Mutes in Mbeya, um die gut 110 Kilometer bis zur malawischen Grenze abzuradeln und bereits das sechste Land auf unserer kleinen Afrikatournee zu erreichen. Mbeya schickte uns zum Abschied Tränen hinterher – die gesamte Nacht über hatte es mal wieder gegossen, und alles (alles!) war pitschenass. Immerhin blieb es zum morgendlichen Start trocken, und so konnten wir uns trockenen Fußes auf den Weg durch den auch im beschaulichen Mbeya turbulenten Montagmorgenverkehr machen.

Nach 12 Kilometern ging es dann rechts ab und da wartete die erste Prüfung des Tages auf uns: ein fetter Anstieg über 20 Kilometern und mit gut und gerne 600 Höhenmetern. Doch die Tage auf der

off-road-Piste in Tansania hatten uns gestählt, denn wir sausten fröhlich den bis zu 6 Prozent steilen Anstieg hinauf und genossen die phantastische Aussicht. Auf dem Gipfel hatten wir fast wieder die 2.400 Meter von vor zwei Tage erreicht und blickten abermals in eine Landschaft, die mich schwer an „Herr der Ringe“ erinnerte: grün, hügelig bis wellig und verwunschen schön.

Verwunschen schön war auch die Abfahrt, auf die der örtliche Verkehr mit fetten Warnschildern hingewiesen wurde und die uns Radler in atemberaubende Geschwindigkeitsräusche stürzte. Für gut zehn Kilometer tauchte auf meinem Tacho keine Zahl unter 50 km/h mehr auf, und einmal kratzte ich sogar an der 70er Marke. Wären die bösen Tempo-Blocker auf den Straßen in den Ortschaften nicht gewesen (das sind hier vier dicht aufeinanderfolgende kleine Bodenwellen, die böse wehtun, wenn man da zu schnell rübersaust), wäre die ganze Sache noch schöner gewesen. Viel zu schnell waren wir im Tal angekommen, wo die

beliebt-berüchtigten „rolling hills“ auf uns warteten. Und eine Landschaft, die sich komplett veränderte aber mindestens genauso zauberhaft war. Plötzlich waren überall Bananenbäume zu sehen, liefen die Menschen mit dicken Bananenstauden auf den Köpfen herum, gab es überall … Bananen zu kaufen. Wenn es nicht so platt klingen würde, würde ich glatt sagen, ich fühlte mich wie im Dschungel. Und zum Dschungel gehört natürlich auch eine gewisse Menge an Feuchtigkeit. Die kam schon bald in Form von … Regen. Und was für einer! Feinster Sprühregen, auf den man selbst in England neidisch werden würden, breitete sich in jeder Ritze meiner Kleidung aus und durchnässte mich bis auf die Haut. Immerhin war es, im Gegensatz zu den 2.400 Höhenmetern des Morgens, im Tal angenehm warm.

Die Grenze zu Tansania war noch nicht in Sichtweite, als die nächste Herausforderung auftauchte: tansanische Geldwechsler. Eine ganz besondere Spezies von Geschäftsleuten! Fünf Kilometer vor der Grenze standen plötzlich drei Herren aufgeregt winkend auf der Straße und forderten mich auf, anzuhalten. Ich dachte, es sei entweder ein Unfall passiert oder irgendwelche Offiziellen wollten mir einen Tipp geben – aber Pustekuchen: es waren Geldwechsler, die mir eine „Traumquote“ für meine US-Dollar boten. Mit dem freundlichen Hinweis, dass ich a) nicht interessiert und b) eigentlich nur radeln wollte, pedalte ich weiter, wobei einer der Herren prompt auf sein Fahrrad sprang und in einem wilden Tempo hinter mir herfegte – immer wieder auf seine „Traumquoe“ hinweisend! Nun hat so eine 10er Shimao 105-Schaltung allerdings ein paar Gänge, gegen die auch ein durchtrainierter Tansanier auf einem Rad mit starrer Nabe keine Chance hat, und so konnte ich dem Angebot entkommen. Bis zur eigentlichen Grenze, wo ich förmlich eingekeilt wurde von Geldwechseln, die auf absolut kein noch so freundliches (und auch unfreundliches) „no“ reagierten. Irgendwann hatte ich mich zeternd von der Meute befreit, meinen Ausreisestempel Tansanias im Passt (kwa heri Tanzania!) und war auf dem Weg nach Malawi, als die nächste Schicht Geldwechsler anrollte. Und ich hatte noch Glück, denn im Gegensatz zu zwei Backpackern, die der Meute zu Fuß ausgesetzt war, saß ich dem Rad und konnte Gas geben!

Der Übergang nach Malawi war gigantisch. Nie zuvor hatte ich einen freundlicheren Grenzbeamten. Geduldig fragte er, was wir so machen und war wirklich interessiert an unserem Abenteuer. Malawi verlangt keine Visagebühren, und als ich an seinem Bürospind die Aufkleber von S. Pauli und Arminia Bielefeld sah, musste ich natürlich auch den besten deutschen Fußballklub erwähnen, den er erstaunlicherweise allerdings nicht kannte (Jungs von der Benzstraße: macht zu mit dem Aufstieg, damit auch Malawi von der Großartigkeit des RSV 05 erfährt). Er lud mich sogar ein, ihm einen Aufkleber zu geben, den er dann neben die beiden gepappt hätte (Mike, warum hast Du mir nicht einen Satz Spukis mitgegeben)! Grinsend spazierte ich mit meinem Eineisevisa hinaus und betrat zum ersten Mal in meinem Leben malawischen Boden.

Und da begann Abenteuer Nummer 3. Plötzlich fühlte ich mich wie in Äthiopien. Aus den Büschen sprangen aufgeregte Kinder, riefen lauthals „hello, hello“ (ich weiß, das mit den Büschen klingt verdammt rassistisch, es war aber so!) und hielten mir ihre ausgestreckten Hände entgegen. Willkommen in der vielfältigen Wahrheit Afrikas! Malawi ist bitterarm. Malawi hat viel zu viele Kinder und viel zu wenige Erwachsene (eine der höchsten AIDS-Raten weltweit, die durchschnittliche Lebenserwartung eines Malawiers beträgt 43 Jahre). Und Malawi hat kaum Hoffnung. Die zehn Kilometer bis zum Camp waren ein einziges „hello, hello, money, money“-Bad in der Menge, was durch den mal wieder einsetzenden Regen ergänzt wurde.

Ich war etwas geschockt, denn obwohl ich wusste, dass Malawi ärmer als (das schon sehr arme) Tansania ist, war der Unterschied frappierend. Tansania wirkte so organisiert, so sauber, so hoffnungsvoll. Die Häuser waren in gutem Zustand, die Schulkinder trugen saubere Uniformen und die Menschen lachten viel und gerne. In Malawi? Die Häuser sehen schrecklich aus und haben statt eines stabilen

Blechdaches lediglich Strohdächer. Die Kinder laufen in Lumpen herum, und viele haben deutlich sichtbar Ernährungsprobleme. Ihre Rufe wirken bisweilen ziemlich aggressiv, und viele Erwachsene betrachteten uns mit etwas feindseligem Blick.

Mit dem Vorsatz, nach 10 Kilometer noch kein Urteil über Malawi fällen zu wollen, kam ich im Camp an, das … mir meinen Vorsatz leider erschwerte. Am nächsten Morgen beklagten viele Radler den Verlust von Rucksäcken, Jacken etc., und als Höhepunkt hatte sogar eine unserer faltbaren Toiletten über Nacht den Besitzer gewechselt.

Zumindest waren die Diebe nicht wasserscheu gewesen, denn es hatte die ganze Nacht durchgegossen und unser Camp in eine einzige

Matschlandschaft verwandelt. Als wir am nächsten Morgen (also heute) auf unsere Räder kletterten, sahen wir schon vor dem Start aus wie die Schweine. Und es goss weiter. „Soaking wet“ nennt man das auf Englisch, und das finde ich einen Ausdruck, für den es im Deutschen keine wirklich pasende Entsprechung gibt.

Bei Kilometer 10 begann dann meine persönliche Herausforderung 4: Ich war gerade dabei, Eric aus Norwegen zu überholen, als mein Hinterrad schlagartig platt war. Also: Links ranfahren und bei strömendem Regen fluchend den Reifen wechseln. Erst als ich schon fertig war, sah ich die ganze Bescherung: ein fetter Riss, der sich über die Laufbreite des Reifens zog und die Manteldecke total durchschlagen hatte (und ich fahre einen Durano plus, also den mit der „unplattbaren“

Kevlar-Schicht!). Das muss ein Stahlträger oder so etwas gewesen sein, über den ich da drübergerauscht war.

Natürlich waren sämtliche Trucks und TdA-Begleitfahrzeuge kurz zuvor an mir vorbeigefahren, so dass ich nur zwei Möglichkeiten hatte: Warten, bis der Sweeper kommt und ein Fahrzeug anfordert, um mich aufzuladen (eine Sache von Stunden, und es regnete noch immer in Strömen), oder einfach versuchen, mit dem Reifen weiterzufahren. Das tat ich dann, wobei ich mit dem mir höchsten möglichen Tempo unterwegs war und wie ein Pfeil über die regengetränkte „M1“ entlangpeitschte – immer darauf vorbereitet, dass mir das Hinterrad gleich um die Ohren fliegt. Tat es aber nicht, und nach 30 Kilometern war ich endlich in Karonga, wo unsere Trucks warteten. Glück für mich, denn weitere 100 Kilometer mit dem angeschlagenen Hinterteil hätte ich dann doch eher ungerne unternommen. Das malade Rad und ich kletterten also auf den Truck und ließen uns in den nächsten freien Tag hier im Paradies Chitimba Beach direkt am Malawi-See fahren, wo ich morgen die große Reifenoperation unternehmen werde.

Übermorgen geht es dann weiter, ehe nach vier Tagen in Lilongwe sogar zwei Pausentage anstehen. Gerüchten zufolge sollen wir in den vier Tagen aber eine Menge Höhenmeter ansammeln können. Truckdriver Steve meinte sogar, es gebe einen Anstieg, bei dem die Abfahrt so steil wäre, dass er in seinem Truck regelmäßig von Radlern übergolt werden würde. Hört sich nach Fun an!

Ihr hört von mir. Euer hardy cyclist

ENGLISH in just 24 hours quite a lot of things can happen! A brillant journey through a beautiful landscape brought us from Mbeya to the malawian border which we crossed last night. So its already the sixth country we have entered – only four to go! Despite the rain and a long climb we enjoyed the beauty of southern Tanzania once again. Lots of banana trees, a green and hilly landscape – really worthwhile another visit. Malawi proved to be different. It’s one of the poorest countrys in the world, and we could see, feel and hear that. Kids are everywhere (caused by AIDS and just 42 years of average life expectation) and asking for money. Quite a few things got lost at our camp during the night, and in comparision to Tanzania everything is much poorer and seems to be much more hopeless as well. Today we had rain for most of the day while I entertained myself with a huge flat after just 10 km on the road. Something very big destroyed even my outer tyre which is a puncture proofed… I had to cycle on with the tyre nonetheless and made it to camp just in time.

Now we are at the Chitimba Beach Camp, a pleasant campsite directly at the Lake Malawi where we spend our day-off tomorrow. Then it’s four days riding (with a lot of climbing) unless we rest at Lilongwe even for two days.

Take care everybody!

Côte Guingampais: toutes ensembles pour L2!

Advertisements

4 Kommentare

  1. Tach Hardy, danke für den wieder einmal grandiosen Update. Hier am Rhein geht’s nicht ganz so abenteuerlich zu. Das Wetter der letzten Tage war super, am Wochenende soll’s bis 25 Grad geben. Heute früh schaute ich mir in der Garage bedächtig mein Fahrrad an. Ob ich es in diesem Jahr erstmals ans Licht lassen würde? Nur: die Reifen müssten aufgepumpt werden – welche Anstrengung!
    Dir weiter das Beste, fahr vorsichtig! 😉

    Gefällt mir

  2. Mensch Hardy, aber ich hoffe Du hast dem freundlichen Grenzbeamten mitgeteilt, daß Bielefeld und der andere von Dir genannte Verein nun wirklich NICHT gehen 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s