Radeln mit einem neuen staendigen Begleiter

Coke Stop beim Hairdresser irgendwie im tansanischen Hinterland

Wenn es noch eines Beweises bedürft hätte, auf was für ein wahnsinniges, verrücktes und unglaubliches Abenteuer ich mich da eingelassen habe, dann hat ihn diese Woche gebracht. Über fast 1.000 Kilometer bewegte sich unser Tross durch das tiefste südtansanische Hinterland und über nur sporadisch von Asphalt bedeckte Pisten von Arusha bis nach Mbeya. Bei feucht-warmen Temperaturen zogen wir von einem Dschungelcamp zum nächsten und sahen acht Tage lang weder eine Toilette noch eine Dusche. Und bevor das jetzt zu romantisch wird, sei vielleicht noch unser neuer ständiger Begleiter seit Arusha erwähnt – das ist nämlich der Regen!

wo immer wir hinkommen - wir sind die attraktion des tages

Nach einer letzten, durch eine campinginterne Disco etwas arg unruhigen (bzw. schlaflosen) Nacht auf dem Masai Camping standen wir frühmorgens um 7 im strömenden Regen und kletterten missmutig auf unsere Fahrräder. Immerhin ging es am ersten Tag noch über Asphalt, so dass die Nässe über die Kleidung einigermaßen beherrschbar war. Das änderte sich an Tag 2, an dem wir nach exakt 26 Asphaltkilometern auf eine so genannte „dirt road“ bogen und uns so richtig ins Vergnügen stürzen können. Natürlich hatte es auch auf dieser geregnet, so dass die Fahrspuren lustig matschig waren und ich mit meinen recht dünnen Reifen (ich habe die 37er Extreme drauf) ordentlich Probleme hatte. Hinzu kamen durchaus beachtliche Steigungen von bis zu 13 Prozent, an denen die Pumpe ganz schön arbeiten musste. Die Quälerei wurde zunächst durch eine nur als wunderschön zu beschreibende Landschaft entschädigt. Gritzegrün, hügelig bis bergig, hier und da ein paar versprenkelte Örtchen – das war schon eine echte Augenweide.

lustig, lustig...

Fahrtechnisch war die ganze Sache einigermaßen zu händeln, so dass ich in flottem Tempo vorankam und den Lunchtruck recht frühzeitig und frohen Mutes erreichte. Dort ging die Malaise los. Schuld ist Peter LeMond, ein durchgeknallter Australier, der in Südafrika lebt und eigentlich ein ziemlich liebenswerter Mensch ist. Am Lunchstop aber meinte er, äußern zu müssen, dass „zur richtigen Erfahrung nun noch Regen fehlt“. Fünf Kilometer nach dem Lunchstop wurde sein Wunsch erfüllt, und von nun an waren die Karten auf der Piste neu gemischt. Binnen weniger Kilometer war ich von oben bis unten eingematscht, verklebten Bremse und Schaltung, musste ich eilends in den Straßengraben hüpfen, wenn mir ein Bus oder ein LKW entgegenkam, weil die mit einem Höllentempo versuchten, ihre Spur auf der nassen Fahrbahn zu halten. Ihre Hinterteile eierten dabei bedrohlich von rechts nach links, so dass ich den Sprung in den Straßengraben bevorzugte. Die Quittung für diese Überlebenstaktik waren umfassend eingesaute Klickpedale, die ich immer wieder erst ausgiebig säubern musste, ehe ich wieder einklinken und weiterfahren konnte.

mein bike am ende des tages

Um einen seeeeehr langen Nachmittag in wenigen Worten zu umschreiben: als ich irgendwann gegen 5 Uhr im Camp ankam (normalerweise komm ich so gegen 1 bis 2 Uhr rein) war ich komplett durchgeweicht und von oben bis unten derart zugedreckt, wie ich es wohl das letzte Mal war, als ich noch Windeln trug. Derweil goss es weiter wie aus Eimern, was mich schließlich dazu bewog, eines der wenigen noch vorhandenen Zimmer im „Summit Hotel“, auf dessen Terrain wir campten, zu nehmen und dafür umgerechnet stolze 10 Euro zu bezahlen. Mein Lohn war eine warme Dusche, ein trockenes Bett und Platz für mein vom Regen der Vornacht noch nasses Zelt zum Trocken. Den Späterkommenden hingegen blieb keine andere Wahl, als ihre nassen Zelte im Hotelhof aufzuschlagen und sich in den tosenden Regen zu legen.

gut, vorher zu wissen, wo man sein zelt hinstellt

Es sollte immerhin das (bislang…) einzige Mal sein, dass uns der Regen während einer Etappe mit voller Wucht erwischte. In den Folgetagen schlug er meistens erst am späten Nachmittag zu und entlud sich dabei mit unglaublicher Wucht in donnernden Gewittern. Afrikanischer Regen ist so anders als unser gewohnter deutscher Nieselregen! Hier gießt es wirklich wie aus den buchstäblichen Eimern, und der Boden ist nie in der Lage, die plötzlichen Wassermassen aufzunehmen. Das hieß es Obacht walten lassen bei der Wahl der Zeltplatzes, und der eine oder andere TdALer lernte bitter, dass man den eher nicht in einer Bodensenke findet. Aber auch wir anderen durften jeden Morgen aufs Neue ein nasses Zelte einpacken, derweil der schlammige Untergrund zunehmend Spuren auf unserer Kleidung hinterließ. Mein Gott, war ich dreckig!

durch sand faehrt man am besten mit vollem tempo und der hoffnung, im falle des falles schnell aus den klickpedalen zu kommen. ansonsten faellt man wenigstens weich...

Fünf Tage lang spielte sich immer dasselbe Schicksal ab, rannte wir irgendwann am späten Nachmittag in unsere Zelte und kamen erst zum Abendessen wieder raus. Tagsüber radelten wir durch ein gewaltiges Waldgebiet, durch das sich eine rund 700 Kilometer lange Erdpiste zog, die mit ihrem knallroten Untergrund wie ein roter Faden durch das grüne Waldmeer aussah. Es war tiefstes tansanisches Hinterland, und wir liebten es alle! Der dichte Busch an beiden Seiten der schmalen Piste, die viele Vögel und Schmetterlinge, die wir sahen, die freundlichen und schüchternen Einheimischen, die in dieser Ecke des Landes wahrlich nur selten Weiße zu Gesicht bekommen – dass war ein Afrika, wie man es als „normaler“ Tourist nie zu sehen bekommen würde!

Am achten von acht Fahrtagen war dann für alle Racer ein „mando day“ angesetzt (der Tagessieger bekommt einen Zeitbonus von 30 Minuten), und wie wir aus leidlicher Erfahrung wissen, sind das besonders harte und anstrengende Fahrtage. Und tatsächlich sollte uns die Fahrt in den freien Tag hier in Mbeya ordentlich Schweiß kosten. Ich will nur mal die nackten Fakten nennen: 111 Kilometer, ausschließlich off-road. 2.134 Höhenmeter, verteilt auf 41 Kilometer, was einen Schnitt von soliden 5 Prozent macht. Das Ganze auf einer Piste, die gelinde gesagt ekelhaft war. Von Steinen übersät, mit tückischen sandigen Passagen und nach den Regenfällen der letzten Tage teilweise über die gesamte Breite einfach nur eine einzige Schlammfläche. Die Rampen erreichten derweil in Spitzenwerten bis 18 Prozent, was sich durch die vielen Steine auf dem Untergrund noch viel steiler anfühlte und zumindest mit meinem teerverliebten Bike eigentlich nicht mehr zu fahren ist. Nach 7 Stunden, 25 Minuten und 43 Sekunden erreichte ich schließlich hundskaputt das Ziel in Mbeya und hatte schon wieder einen Tag hinter mir, von dem ich vor knapp drei Monaten gesagt hätte, es war der bislang härteste in meinem Leben. Hier ist die Härte Alltag.

kann man was erkennen?

Grandios war die Landschaft, die möglicherweise die schönste war, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Mit Worten ist das eigentlich nicht zu beschreiben, und auch meine Bilder sind einfach nicht aussagekräftig genug, da sie ja schlicht und einfach „Ausschnitte“ sind. Im großen und ganzen kann ich sagen, dass die Landschaft ungefähr so aussieht, wie ich sie mir bei „Herr der Ringe“ immer vorgestellt habe. Grün in allen möglichen Schattierungen, mit weichen Hügeln, die wie unberührt aussehen. Das Ganze war von einer lustigen Wolkendecke überzogen und von allerlei bunten Gewächsen gesprenkelt. Wow!

vermutlich eher nicht

Nach all der Rumprotzerei über geleistete Heldentaten in den letzten acht Tagen will ich aber ehrlicherweise an dieser Stelle auch noch relativeren, dass ich die acht Tage gar nicht durchgefahren bin. Und das kam so: schon in Arusha kündigte sich ein Schnupfen an, der mir die Nase laufen und die Glieder schmerzen ließ. Als es dann am ersten Tag in Strömen goss, betrachtete ich das als Zeichen des Himmels, in den Truck zu steigen, um aus einer (kleinen) Erkältung keine (große) Sache zu machen. Am zweiten Tag war ich prompt wieder auf dem Bike, geriet jedoch in das geschilderte Weltuntergangsszenario, das meine Befürchtungen wahr werden ließ: Nach einem Nachmittag im strömenden Regen war die Erkältung da! Keine schöne Sache, zumal das Klima hier einerseits feucht-warm ist, es andererseits aber auch ganz schön abkühlt, wenn die Gewitter runterkommen. So schwankte ich irgendwie ständig zwischen schwitzen und frieren, zudem waren Zelt und Klamotten durch den Regen eigentlich ständig nass. Angesichts des schlechten Wetters blieb mir keine Wahl, als erneut für zwei Tage in den Truck zu steigen, ehe ich am vierten Tag auf die Straße zurückkehrte und für meinen Wagemut prompt mit einer durchniesten und durchschwitzten Nacht bezahlte. Am nächsten Tag saß ich prompt wieder auf dem Truck (das ist quälend langweilig darauf, und sehen tut man auch kaum etwas), ehe ich dann am siebten Tag endlich mit der „Sache“ durch war und die beiden letzten Etappen der Hammerwoche von Anfang bis Ende mitradeln konnte.

Elvis (Tansanier), Amand (Eritrer) und ich beim Spitzenspiel zwischen dem Mgugu FC und dem ???

Inzwischen ist mir klar, dass der EFI ein unglaublich hohes Ziel ist, denn die gesamte Tour durchzufahren, braucht neben einem eisernen Willen verdammt viel Glück. Ich schätze, dass von den 63 Fahrern kaum noch 15 auf EFI sind, während der Rest irgendwann einmal auf den Truck hat steigen müssen. Und diese Woche hat wieder einige EFIs gekostet – wie den vom Niederländer Maarten, dessen hintere Schaltung in dem Dreck und Matsch die Grätsche machte. Material im Eimer, Etappe vorzeitig zu Ende, EFI futsch.

Nun steht hier in Mbeya mal wieder Wasch- und Pflegetag an. Beides nicht so einfach, da der Regen uns weiterhin begeleitet. Letzte Nacht hat es erneut tüchtig geschüttet, und im Moment ist der Himmel verhangen. Wie ich da meine Wäsche trocken kriegen soll, ist mir ein Rätsel – gleichzeitig ist aber nach acht Tagen wirklich alles benutzt und dreckig bzw. stinkig. Die Tour d’Afrique ist eben ein Abenteuer mit immer neuen Herausforderungen!

benze rules - auch in Tansania!

Lasst es Euch gut gehen, haltet das Rennen in der LaLi Braunschweig spannend und genießt den hoffentlich schon spürbaren Frühling. Euer hardy cyclist

ENGLISH

Arrived in Mbeya after eight days of riding in the rain. Been a difficult time, as the rain made everything much more complicated and we rode dirt-roads most of the time. Talking of dirt – that’s what we were almost constantly during the week. As for me, I catched a cold as well and had to spend a couple of days on the truck. Only from day 7 on I could cycle with full power again and “enjoyed” the last day, when we cycled 111 km on a very rough road to come to Mbeya while ascending more than 2.000 meters in ascension. You may imagine that I just fell into my (wet….) tent after a single beer and slept like never before.

However, we cycled through one of the most beautiful landscapes I’ve ever seen (and that includes the North of Wales). It was like being right in the middle of “Lord of the ring”. Green hills everywhere, colourful flowers, some clouds above it – unbelievable. As well it was one of the most remote areas we’ve crossed so far. Tourists almost never come to this region, and people were quite excited when we turned up with our colourful entourage.

unsere taegliche getraenkemischung

Today it’s rest day in Mbeya, and tomorrow we’re heading for Malawi, the sixth country on our list.

Take care, enjoy the hopefully nice spring and lets keep fingers cross for the “wonder of Bristol”.

Yours hardy cyclist

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2 Kommentare

  1. Wow- was für ein starker Bericht;
    was für atemberaubende Radtage;
    was für atemberaubende Erlebnisse
    und die Fotos sind einfach auch nur atemberaubend-wow!!!!!
    echt famos-genial-phänomena und klitscheklatschetriefendnaß!!!
    ach wie beneide ich Euch!!
    liebe Grüße TDA
    Hardy

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  2. Moin Hardy!Ich drück dir weiter die Daumen, netter Bericht.
    Zum Trost für den Truck, hier etwas erbauliches vom schwarz-gelb-grünen Fußball:
    05 hat 2:1 gegen MTV Wolfenbüttel gewonnen! die vom anderen Ufer nur 0:0 zu Hause gegen Acosta BS. FT auch nur 2:2 gegen Ölper. Wir 2. zwei Punkte hinter FT bei zwei Spielen die wir noch hinterher sind! Jetzt wird es am ende langsam ernst mit der Oberliga….und mit der II. sind wir im Viertelfinale des Kreispokals.
    Grüße aus Göttingen, halt die Ohren steif und viel Glück!

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