Halbzeit!

Zwei Monate lang keinen einzigen Tropfen. Und jetzt, wo wir endlich mal drei Tage hintereinander „frei“ haben und nicht in die Sattel steigen müssen, regnet es! Und das nicht zu knapp! Letzte Nacht ging ein Wahnsinnsgewitter über Arusha nieder, das mich voller Bangen an mein Zelt denken ließ. Das steht, einsam und von mir verlassen, auf dem Masai Camping etwa zwei Kilometer vor den Toren Arusha und ist hoffentlich nicht untergegangen. Ich selber residiere nämlich gerade unter für mich recht noblen Bedingungen in einem Hotel in Arusha, in das ich mich für zwei Tage eingemietet habe. Es ist Halbzeit auf der Tour d’Afrique, und da gibt es einige Berichte für Zeitungen und Magazine zu verfassen, für die ich sowohl Zeit als auch Ruhe haben wollte. Und so lag ich im „The Outpost“ gemütlich in meinem mückenvorhanggeschützten Zelt, als der Himmel über Arusha zusammenbrach und die Schleusen sich öffneten.

Wir sind in der Regenzeit, und da müssen wir mit Regen rechnen. Und die Gegend braucht den Regen. Ganz bitter. Auch hier in Arusha hängen überall Schilder an den Duschen und Toiletten, sparsam mit Wasser umzugehen, weil es aufgrund der langen Trockenheit knapp ist. Viele Experten erwarten ja für die Zukunft eine globale Wasserknappheit, und da ist dies hier irgendwie wie ein Testlauf für mich.

Wie ich heute morgen beim Frühstück auf BBC World erfahren konnte, ist aber nicht nur in Arusha ordentlich was los. Ich habe zwar bislang nur Bruchstücke von Japan und dem AKW mitbekommen, aber das, was ich gehört habe, lässt mich schwer an den April 1986 denken. Hoffentlich bricht nun wenigstens die ja gerade wieder auflebende „pro-Atomkraft“-Bewegung zusammen.

auf dem weg zum mount meru

Meine philosophischen Ergüsse über japanische Atomkraftwerke mal beiseite gelassen haben wir zwei relativ gelassene Radeltage hinter uns, die uns von Nairobi nach Arusha führten. Tag 1 hatte 158 Kilometer auf dem Zettel und startete mit einer Stuntmanshow durch Nairobis Pendlerverkehr. Die nach Nairobi führende Straße war komplett zugestaut, und insgesamt war die Straße so eng, dass jegliche Überholprozesse eigentlich unmöglich waren. Nicht so für die Kenianer, die trotzdem versuchten, mit ihren Autos und LKWs an uns vorbeizukommen. Um da einigermaßen glimpflich durchzukommen, hängte ich mich schließlich hinter ein Matatu (das ist so ein Kleinbus, die hier als ÖPNV dienen) und raste ihm mit bis zu 40 km/h hinterher, wobei ich jedes Mal stoppen musste, wenn der Fahrer Passagiere aus- bzw. einsteigen ließ. Egal: ich ließ keinen Raum zwischen dem Auto und mir entstehen, konnte daher nicht mehr überholt werden und wurde, da ich im höchstmöglichen Tempo mitfuhr, schließlich auch akzeptiert. Nach etwa 6 Kilometern dünnte die in die Stadt führende Schlange dann endlich aus, und ich konnte die ganze Sache etwas relaxter angehen, da das Überholen nun wieder möglich war. Was ein Wahnsinn!

Nairobi kommt mir im nachhinein vor wie ein UFO mit Marsmenschen. Auf dem Weg nach Nairobi hatten wir ein ländliches und verschlafenes Kenia durchquert, das wir nun südlich von Nairobi wiedertrafen. Mitten drin lag dieser brodelnde Moloch mit zigtausenden von Autos, modernen Shoppingmalls und völlig westlichen Strukturen. Mit allen Konsequenzen. Ich sah beispielsweise einheimische Familien deren Leibesfülle an die guter alter US-amerikanischer Wohlstandskinder erinnerte, und die sich mit beiden Händen Pommes, Kuchen und Burger reinstopften. Ein krasser Gegensatz zu den Zuständen in Nordkenia, die mir irgendwie zu denken gaben.

Der zweite Tag brachte mich nach über 20 Jahren zurück nach Tansania. Schon ein eigenartiges Gefühl in ein Land zurückzukommen, das mich durchaus geprägt hat. Voller Hirngespinste vom afrikanischen Sozialismus und mit Gorbatschows „Perestroika“-Buch war ich damals in Nyereres Vorzeigestaat gereist und hatte rasch entdeckt, dass das „Uhuru“ etc. auch nicht der Weisheit letzter Schluss war. Gedanklich und emotional hat mich Tansania aber seitdem nie losgelassen, und so war es ein etwas bewegendes Gefühl, als in Namanga das tansanische Visa in meinen Pass gestempelt wurde und ich die Grenze überschritt.

nach ueber 20 Jahren zurueck in Tansania. Klassisch im roten Trikot, natuerlich...

Als Tagesleistung standen 118 Kilometer an, wobei wir entlang des Mount Meru radelten und dadurch einen Haufen Höhenmeter abzupedalen hatten. Und man konnte fühlen, dass die zwei Monate auf dem Rad dann doch eine gewisse Müdigkeit hinterlassen haben. Ich war jedenfalls froh, als ich nach gut vier Stunden unten im Tal endlich Arusha auftauchen sah und damit drei Tage fahrradfrei!

Übermorgen geht es weiter, begeben wir uns in Richtung Mbeya bzw. Malawi. Es ist eine neue Streckenführung, die noch niemand richtig kennt und von der wir nur wissen, dass sie weitestgehend oder sogar vollständig off-road ist. Waschbrett, Sand, Dreck – wir werden sehen bzw. fühlen, was auf uns zukommt. Sollte der Regen weitergehen, dürfte das ein doppelter Spaß werden, denn mit dem Rad durch aufgeweichte Schlammpisten zu radeln…

Wie es uns ergangen ist, hört ihr dann spätestens in zehn Tagen aus Mbeya. Aber vielleicht gibt es ja irgendwo unterwegs noch ein Internetcafe, in dem ich Euch über unsere neuen Leidensgeschichten aufklären kann. Also, stay tuned and rebel

Kwa Heri und bis bald, Euer hardy cyclist

P.S.: Hier nun endlich mal der schon lange überfällige Gruß an alle Verrückten des RSV 05. Da habe ich wohl echt was verpasst, in der „Festung Benzstraße“. Super Choreo, Super Leistung! Zum Derby muss ich mich irgendwie an den Sandweg beamen! „Göttingen meine Stadt, 05 mein Verein, so soll es immer sein!“

auf jungfraelucher piste in tansania

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2 Kommentare

  1. Hardy, 05 gewinnt heute mit 9:1 bei Dostluk Spor OHA! Wie treffend, oha! 😉
    Nachdem die Unaussprechlichen gestern bei FT BS mit 2:0 gewonnen hatten.
    So langsam wird´s also interessant an der Spitze der Lali BS.

    The Gas not dead yet: 1:0 win at Notts Co. yesterday.

    Guingamp-Gueugnon 5-0 am Freitag, nach einem 0:0 bei Gap in der Vorwoche.

    Bitte um Verständnis, dass mir zwischendrin nicht nach Ergebnis-Update war, bei den ganzen (anhaltenden) Katastrophen in Japan und dem untätigen Zusehen des Westens, während Gaddafi seine Schergen die Rebellion blutig niederschlagen lässt.

    Zu den von Dir angesprochenen Befürwortern der „Pro-Atomkraft“-Bewegung ist nur noch zu sagen, dass diese Leute ja niemand hindert, jetzt einen (völlig ausreichenden)
    Hinflug nach Japan zu buchen und sich nun als freiwillige Helfer tatkräftig im Einsatz für die von ihnen so vehement und offensiv angepriesene Technologie zur Energiegewinnung in der Atomanlage Fukushima zu bewähren.

    Allein, man hört und liest nichts davon, dass sich diese ohnehin bereits geistig voll Verstrahlten dorthin als Katastrohenhelfer aufmachen würden. Warum wohl nicht?!

    Weiterhin gute Fahrt!

    EISERN!

    Volker

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