Äquator überwunden

ein meilenstein...

Hallo, ich schon wieder. Ja, wir kommen offenkundig in deutlich urbanes Gebiet. Das kann man nicht nur an der zunehmenden Dichte von Internetcafes sehen (wovon ihr hoffentlich auch weiterhin mit etwas regelmäßigeren Updates profitiert), sondern auch an der schlagartig ansteigenden Zahl von Möglichkeiten der leiblichen (und seelischen) Versorgung. Ich hatte heute schon einen Veggie-Burger, Pommes rot/weiß sowie eine ganze Tafel Schokolade! Bis vor einer Woche wäre ich noch bei nur einem dieser Dinge vor Freude wohl zersprungen, doch inzwischen nehme ich es bereits wieder mit einer völlig gelassenen Routine hin, dass mir derlei zivilisatorischer (???) Luxus zur Verfügung steht. Man gewöhnt sich eben schnell…

Seitdem wir Nanyuki erreicht haben, sind wir in einem anderen Kenia. Nix mehr von lebensfeindlicher und menschenleerer Wüste, von Wasser- und Versorgungsproblemen. Hier unten brennt der Baum, und das nicht zu knapp. Auf den Straßen liefern sich Autor, LKW und Busse Privatrennen, unter denen auch wir Radler tüchtig zu leiden haben. In den Orten gibt es nicht mehr nur klitzekleine Buden, in denen man alles mögliche von Waschpulver über Coco-Cola und Keksen kaufen kann, sondern Supermärkte, die man mit einem Einkaufswagen durchqueren muss und die alles (alles!!!) bieten. Die Menschen auf den Straßen sind westlich gekleidet, hören westliche Musik und lassen sich von westlichen Werbeplakaten die Hirne verdrehen.

durch die grünen Hügel von Kenia

Wir lieben es. Nach zwei Monaten in der Wüste, in den Höhen Äthiopiens und in dem stetigen Wissen, dass man sich ein Päckchen Kekse gut einteilen muss, weil man nie weiß, wann man das nächste bekommen kann, erscheint uns das alles wie ein kleines Paradies. Ich weiß, ich klinge wie ein verzogener Wohlstandsbengel, und offensichtlich bin ich genau das auch. Als ich nämlich in Nanyuki vor der Süßigkeitenabteilung des „Makuma“-Supermarktes stand, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf: Haribo-Weingummi, Cadbury-Schokolade, Bounty, Mars, Snickers – es war einfach Wahnsinn! Zu dritt packten wir uns die Einkaufskörbe mit zahnarztfreundlichen Produkten voll (Gruß an alle Nix’en), ehe wir entdeckten, dass der Laden neben „Soul-Food“ auch „Health-Food“ vertrieb: Joghurt, Äpfel, Orangen, Säfte, Müsli – you name it! Mein erster Joghurt seit dem 9. Januar 2011 schmeckte einfach gigantisch, und dass es an der Kasse sogar noch Eiscreme gab, nun, was soll ich sagen…

Nun aber Schluss mit meinen kulinarischen Exzessen, die ja im Grunde genommen ziemlich bedenklich sind und mir durchaus auch ein schlechtes Gewissen bereiten, zumal ja, wie berichtet in Nordkenia, grade erhebliche Wasser- und Ernährungsprobleme herrschen, während wir uns ausgiebig an Pommes und Schokolade laben.

in kenia erinnern nicht nur die straßenhinweisschilder an Großbritannien

Was gibt es über die Tour zu berichten, seitdem ich zuletzt vor vier Tagen in Nanyuki online war? Nicht viel. Schlappe 208 Kilometer haben wir seitdem hinter uns gebracht, wobei wir lediglich 122 davon im Sattel verbracht haben. Die für gestern geplante Einfahrt nach Nairobi musste nämlich gekürzt werden, da sich das nach Nairobi führende Überlandstraßennetz gerade mehr oder weniger im Komplettumbau befindet und das sonst schon gewaltige Chaos auf Nairobis Straßen noch einmal exorbitant zugenommen hat. So exorbitant, dass die TdA-Leitung entschieden hat, es sei zu gefährlich, uns mit den Rädern da durchzuschicken (selbst als Konvoi) und uns statt dessen 86 Kilometern mitsamt unseren Rädern auf LKW in die kenianische Hauptstadt transportierte.

So radelten wir lediglich 51 Kilometer, die uns einen guten Einblick in den Wahnsinn Nairobi gaben und uns froh und dankbar für die Entscheidung der TdA-Führung werden ließ. Es wäre Selbstmord gewesen, das auf den Rädern durchzufahren! Auf den Straßen herrscht pure Anarchie, und wir als Radfahrer haben da nicht viel zu melden. Entgegenkommende Fahrzeuge überholen unabhängig von unserer Existenz, obwohl die Straße recht schmal ist und der Seitenabstand im Laufe des Prozesses auf wohlwollend 20 Zentimeter schrumpft. Besonders angenehm, wenn das Auto mit einem Affenzahn angebraust kommt und man das Gefühl hat, es nimmt einen gleich aufs Horn. Damit nicht genug, denn überholende LKW drängeln uns einfach von der Straße, wenn ihnen ein anderer LKW entgegenkommt.

und wir haben harte rauchergesetze? sechs monate knast!

Vorgestern raste ich gerade mit 60 km/h bergab, als mich ein LKW mit nicht viel höherer Geschwindigkeit überholte und ich bequem die Ladung studieren konnte, während er sich an mir vorbeiquälte. Dass der Abstand zu meiner linken (= Straßenrand) quasi nicht existent war (und dummerweise hatte die Straße einen gut 20 Zentimeter tiefen Absatz), und es rechts ebenfalls höchstens 20 Zentimeter bis zu dem Truck war, ließ meinen Pulsschlag bedenklich nach oben gehen. Ich kann Euch sagen, ich war ziemlich froh, als er endlich vorbei war. Gestern nun wiederholte sich das Ganze, und diesmal ging es nicht gut. Zu Beginn des Überholprozesses wahrte der LKW noch die 20 Zentimeter-Lücke, doch im Verlauf rückte er mir immer näher und zwang mich schließlich zum Sprung in den Straßenrand. Da stand ich dann, fluchend und zeternd, aber immerhin heile und nach ein paar Minuten des Durchatmens auch bereit zum Weiterfahren.

In Nairobi erwartete uns noch etwas anderes: der erste Regen seit Kairo bzw. seit zwei Monaten. Noch fiel er gemäßigt aus, doch wir pedalen nun direkt in die große Regenzeit hinein, und so wird es uns demnächst wohl auch mal so richtig und nicht nur bequem am freien Tag erwischen. Beunruhigenderweise stehen nach Arusha erneut zehn Tage off-road an, und sollten uns die Niederschläge dort erwischen, dann gute Nacht…

das makumat-einkaufszentrum hier in nairobi. hier gibt es alles. alles!

Eine schöne Überraschung bereitete mir Werner Bitzer, der nach Nairobi geflogen kam, um die Tour nun bis Cape Town mitzufahren. Werner war vor zwei Jahren dabei und hatte einen bösen LKW-Unfall, bei dem er sich einen Arm brach und die Tour abbrechen musste. Nun will er sie vollenden. Werner brachte mir nicht nur meine sehnsüchtig erwarteten Ersatzteile für die Schaltung mit, sondern auch ein paar deutsche Zeitungen! Hurra, endlich mal was neues! So bin ich nun ein bisschen upgedatet über die Situation in Libyen (die hier übrigens bereits zu einer Verknappung der Dieselversorgung führt), von-Guttenberg und seine Doktorarbeit sowie die Geschehnisse in der Bundesliga.

Unter den Zeitungen waren sogar ein kicker und eine Sport-Bild, so dass ich erstmals seit Wochen wieder eine Bundesligatabelle sehen konnte. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich ziemlich gestaunt habe… (und damit gleich mal schöne Grüße ins rote Hannover: Respekt!). Auch in Sachen Schalke bin ich jetzt vollständig informiert – vor allem dank der „Sport Bild“, die mir in einfachen Worten erklären wollte, welche ungeheure Macht die Fans in der Bundesliga bekommen haben. „Sie wollen Magath ablösen, und sie sind dabei, es zu schaffen“. Auch diesbezüglich war eine „Erfahrung“, nach zwei Monaten Abstinenz mal wieder ein deutsches „Fußballfachblatt“ zu lesen und die unglaubliche Trivialität des Blattes zu erkennen.

Nun stehen für uns lediglich zwei Fahrtage an, ehe wir in Arusha (zeitliche) Halbzeit und drei freie Tage genießen können. Viele von uns gehen auf Safari in die Seregenti und/oder den Ngorongoro-Krater – Dinge, die ich bereits gemacht habe, als ich zuletzt in Tansania war und die ich nicht erneut machen muss. Ich werde also einfach drei Tage lang in Arusha die Seele baumeln lassen und meine Kräfte auffrischen für die zweite Hälfte des Trips. Die Hälfte in Kilometern erreichen wir übrigens erst im Süden von Tansania – derzeit liegen ungefähr 5.300 Kilometer hinter uns. Zugleich geht der dritte Abschnitt zu Ende, der mit „meltdown madness“ wahrlich einen passenden Namen getragen hatte. „meltdown“ hatten wir überall in Nordkenia, „madness“ ist der Verkehr hier im Großraum Nairobi und „madness“ war überhaupt alles – die Lavapiste, die Überfälle, die Supermärkte…

ich gestern, vor dem huddersfield-spiel, extre im pirates-dress on the road. versuchen wollte ich es zumindest...

Zum Schluss mal wieder tausend Dank für Eure lieben und aufbauenden Grüße hier im Block. Volker mit seinem phantastischen Ergebnisservice ein ganz besonderer Gruß. Für the Gas heißt es nach der blöden Niederlage gegen Huddersfield wohl back to the basement. Es war zu befürchten… An der Benze läuft es ja offensichtlich deutlich besser, auch wenn ich immer noch sauer bin, dass meine Oker-Tour ausfallen wird, weil das Spiel dort ja wohl verlegt worden ist.

Ach, und noch etwas, weil die Frage hier auftauchte: wenn man unterwegs mal nicht weiter kann (sei es aus technischen oder gesundheitlichen Gründen), gibt es mehrere Möglichkeiten: man wartet einfach am Straßenrand, bis einer der beiden großen Trucks kommt (die fahren meistens erst eine Stunde nach dem allgemeinen Start im Lager los und hält den an, um sich und sein Rad von ihm mitnehmen zu lassen). Sind die Trucks schon durch, muss man warten, bis der „sweeper“ kommt (das ist einer von den Organisatoren, der als letzter die Strecke abradelt) und der dann einen Wagen ruft, der einen dann mitnimmt. Hinter dem Lunch (meistens auf der Hälfte der Tagesstrecke) ist das dann etwas einfacher, da der Lunchtruck dann im Prinzip den „sweeper“ macht und man ihn einfach anhalten und einteigen kann. Dazu muss nur der Daumen nach unten gesenkt werden, wenn er vorbei fährt. Außerdem haben wir Telefonnummern, mit denen wir die Tourleitung anrufen können, um irgendwo abgeholt zu werden. Es kann dauern, aber man wird immer abgeholt!

Ganz zum Schluss, aber eigentlich ganz am Anfang (und überhaupt…) geht ein ganz besonderer Gruß an meine entfernte Prinzessin. Erhol Dich gut, lass Dich ordentlich betütteln und genieß den anbrechenden Frühling! Vermiss Dich. So viele Sandkörner…

Advertisements

4 Kommentare

  1. Hallo Hardy,
    Glückwunsch zur Äquator-Überquerung! Bei uns ist seit gestern der Frühling ausgebrochen. Und pünktlich zum schönen Wetter der wichtige 1:0-Sieg des RSV 05 gegen FT Braunschweig. Das hebt die Stimmung beträchtlich. Andererseits ist es echt ein Hammer was in der Welt passiert ist, seit dem du unterwegs bist. Erst die Umstürze in Afrika, vor denen du offenbar auf der Fliucht bist und jetzt das Beben in Japan und das drohende zweite Tschernobyl.
    Hoffe auf der Südhalbkugel belibt es in den nächsten Wochen angenehm. Bis dann, liebe Grüße von
    Matthias

    Gefällt mir

  2. Es werden tatsächlich schon vermehrt hier Fragen gestellt, ob es diamentrale Zusammenhänge zwischen den Weltbewegenden Ereignissen und deinem verschwinden nach Afrika und dessen Durchquerung gibt? Habe meine Angebote für Wettmöglichkeiten schon um politische Umstürze, Naturkatastrophen und die erfolglosesten Lügen um Reaktor drei erweitert.

    Bist hier immer wieder Thema rund um den großer RSV 05 und drücken dir die Daumen! Viel Glück und keine Überfälle!
    Freue mich weiterhin auf deinen Blog,
    Gruß, Sauer

    Gefällt mir

  3. Hardy,

    einen dicken Tip für die Off-Road Passage nach Arusha: Zieh die dicksten Reifen drauf die du nur finden kannst! Es wird zwar nicht so rumpelig wie in Kenya, dafür aber EXTREM sandig. Auf manchen Passagen ist es wie die Fahrt durch den Sandkasten!

    Viele Grüße und gutes Gelingen!

    Ruben

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s