Auf dem Highway to Hell

so sieht man nach 82 kilometern auf dem "highway to hell" aus.

Seit Kairo kursierten Gerüchte über das, was uns in Nordkenia erwarten würde. Immer wieder drehten sich die abendlichen Diskussionen im Camp um diese mythenumrankte Lavapiste, die zwischen der äthiopisch-kenianischen Grenze und dem Mount Meru zu durchqueren ist. „Wenn ihr Glück habt, kommt ihr auf 10 km/h“, warnte uns Steve, einer unserer Truckdriver, regelmäßig grinsend.

Und nun sind wir mittendrin! Endlich! Mitten auf dem „Highway to Hell“ – oder dem „East-African-Highway“, der auf meiner Kenia-Karte als „A2“ bezeichnet wird und Addis Ababa mit Nairobi verbindet. Theoretisch, denn in der Realität dürfte es der ungewöhnlichste Highway der Welt sein, da er über keinen einzigen Millimeter Asphalt verfügt. Statt dessen sieht das Ganze manchmal aus wie ein rumpeliger Feldweg im Obereichsfeld, dann wieder wie die Abraumhalde einer Sand- oder Kiesgrube oder aber schlicht und einfach wie ein Acker, auf den eine Menge bis zu schweinskopfgroßer Stein gekippt worden ist. Fahrrad fahren kann man darauf jedenfalls nicht sonderlich gut…

Und doch müssen wir die knapp 500 Kilometer bis Isiola, wo es wieder Asphalt geben soll, überwinden…

Bis zur äthiopisch-kenianischen Grenze konnten wir noch gemütlich auf Asphalt radeln und die üblichen äthiopischen „rolling hills“ genießen. Mit der Grenze war dann schlagartig Schluss sowohl mit „rolling hills“ als auch Asphalt. Schon die zwei Kilometer vom Grenzübergang bis zum Camp in Moyale auf der kenianischen Seite waren ein Abenteuer und führten über eine sandige, von Löchern und dicken Steinen durchsetzte Piste, auf dem der Verkehr nach Lust und Laune kreuz und quer zu fahren schien (zwischen Kenia und Südafrika wird – auf dem Papier zumindest – übrigens links gefahren). Am nächsten Morgen ging es dann los, begaben wir uns auf den durch die Dida Galgalu-Wüste führenden gefürchteten Highway. Der erste Tag war noch ok. 79 Kilometer auf einer sandigen Waschbrettpiste – das war zu bewältigen. Allein die schon morgens mächtig brennende und in Spitzenzeiten bis zu 50 Grad erreichende Sonne machte uns das Leben schwer. Tag zwei führte uns dann vollends in die Hölle und ließ sogar die Erinnerungen an den Sudan verblassen. Bis zum Lunchstopp auf 42 Kilometern kam ich noch einigermaßen voran und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von vielleicht 16-17 km/h. Kurz nach dem Lunchstopp begann dann die so genannte Lavapiste, über die wir so viel gehört hatten und für die zumindest mir immer jegliche Vorstellungskraft gefehlt hatte. Nun kann ich verstehen, warum es so schwierig ist, die Erlebnisse auf dieser Piste in Worte zu kleiden. Es geht einfach nicht! Zu den Waschbrettabschnitten, die enorm in die Arme gehen, und den plötzlich auftauchenden tiefen sandigen Abschnitten, bei denen man aufpassen muss, nicht mitsamt Fahrrad umzufallen, kam nun auch noch eine wahnwitzige Steinwüste, in der man keinerlei Navigationsmöglichkeiten zu einer einigermaßen gradeausführenden Fahrt finden konnte. Überall lagen fette Brocken herum, um die man herumkurbeln musste, wobei der Untergrund aus größeren Kieselsteinen bestand! Mein Fahrtempo sackte prompt herunter auf 10-12 km/h, ehe ich auf den letzten zwei Kilometern vor dem abendlichen Camp auf kaum mehr als 5-8 km/h kam – ich mich also gerade noch in einem Tempo bewegte, in dem man nicht umfällt – weil die Strecke quasi nur noch aus Steinen bestand.

der autor dieser zeilen durchquert mit einem stundenmittel von 5 km/h die lavapiste

Es war eine mörderische Anstrengung, wobei wir von Glück reden konnten, dass es einen einigermaßen kühlen Wind gab, der die Hitze etwas erträglicher machte. In meinem Fall kommt dazu, dass ich für so eine Piste schlicht und einfach falsch ausgerüstet bin. Mit meinem Crossrad ohne jegliche Federung muss ich jede Unebenheit mit dem Körper ausgleichen, und obwohl ich meine dicksten Reifen draufgezogen hatte (37er Schwalbe Extreme), sind die viel zu dünn für die sandigen Abschnitte und rutschen immer wieder weg. Die Mountainbiker unter uns waren klar im Vorteil, wenngleich auch sie tüchtig litten und abends im Camp ähnlich geschafft aussahen, wie ich.

Immerhin: wir waren gewarnt worden! Nach dem Grenzübertritt hatte man uns gesagt, dass die schwersten Tage der gesamten Tour auf uns warten würden, und am Wahrheitsgehalt dieser Aussage gab es wahrlich keinen Zweifel. Aber nicht nur für uns Fahrer war es hart – auch für unser Material. Noch in Äthiopien hatte es mir am Montag auf einem off-road-Abschnitt das komplette Schaltwerk zerhauen. Ein Stein muss gegen die Kette geflogen sein, die riss, als sie gerade in der Schaltung war und alles blockierte. Folge: nicht nur das Schaltauge war hinüber, sondern das gesamte Schaltwerk. Das hatte ich als Ersatzteil natürlich nicht dabei (Stephan: falls noch mal jemand zu Dir kommt: gib ihm eine komplette Schaltung mit!), so dass ich im Camp herumfragte, ob vielleicht jemand eine Ersatzschaltung dabei hatte. Und ich hatte Glück, denn Megan aus den USA hatte exakt das Teil, das ich brauchte und war auch bereit es mir zu leihen. Thank you very much, Megan, I owe you!

Nun hoffe ich nur noch, dass Werner Bitzer, der ab Nairobi mit uns mitfahren wird, mir eine neue Schaltung aus Deutschland mitbringt, damit ich Megan ihre zurückgeben kann. Neben Schaltungsproblemen hatte auch ich diesmal übrigens meinen Spaß mit Reifenpannen. Gleich dreimal erwischte es mich in den letzten beiden Tagen auf dieser üblen Piste – davon einmal gestern morgen unmittelbar vor dem Start. In meiner Aufregung brach ich dann auch gleich noch einen Reifenheber ab…

Äthiopien verlassen zu haben war für die meisten von uns eine Erleichterung. Zwar ist der Süden deutlich geringer besiedelt als der Norden, und auch die Menschen sind völlig anders drauf, die „you, you“ und „money, money“-Rufe hörten aber bis zur Grenze nicht auf. Selbst als ich meine letzten äthiopischen Birr an der Grenze in Mango-Saft, Kekse und Wasser umsetzte, kam ich noch einmal in den Genuss einer Bettelattacke (hey you, my friend, I’m a student, please help me! How can i help you? Give me money!).

und noch mal ... lavapiste

Mit kenia ist vieles anders geworden. Wir fahren jetzt auf der linken Seite (und tun dies bis Cape Town)m Englisch ist weitaus verbreiteter und die Menschen sind ungleich relaxter. Manchmal muss man die Schulkinder hier sogar richtig auffordern, zurückzuwinken, so schüchtern und wohlanständig wirken sie. Für mich ist es ein erster Schritt zu einer „Heimkehr“, denn in Kenia wird Kiswahili gesprochen, was ich vor über 20 Jahren in Tansania lernte, danach aber leider nie fortführte. Entsprechend verschütt waren sämtliche Kenntnisse, die ich nun gerade wieder ausgrabe. Es ist einfach etwas anderes, wenn man in einen Laden geht und die Landessprache benutzt, als wenn man alles auf Englisch macht. Die Leute freuen sich, und selbst wenn ich die Antworten häufig nicht verstehe, ist die Sache ziemlich lustig.

Inzwischen sind wir in dem Wüstenkaff Marsabit angekommen, in dem wir in einem katholischen Zentrum unseren freien Tag genießen. Die Schwestern sind echt süß. Sie haben sogar einen großen Biervorrat für uns durstige Radler angeschafft. Ihr dürft Euch also vorstellen, wie ich gerade neben einem kühlen und herzerfrischenden Tusker Bier sitze und Euch schreibe. Prost! Ansonsten hat Marsabit nicht so wahnsinnig viel zu bieten – aber dafür sind wir auch mitten in der schier unendlichen Steinwüste, die mir unglaublich lebensfeindlich vorkommt, und in der doch Menschen mit ihren Tieren leben. Es muss ein verdammt hartes und karges Leben sein.

Dienstag geht es weiter, und nach anderthalb weiteren Tagen auf der Lavapiste werden wir ab Isiolo dann (endlich!) wieder auf Asphalt stoßen. Der nächste Ruhetag ist in Nairobi, und dann ist da ja auch noch die Äquatorüberquerung, die demnächst ansteht.

Bis denne, Euer hardy cyclist

ENGLISH

Arrived in Marsabit (Northern Kenia) after three days on the most horrible road I’ve ever cycled. I’m a proud man, as you can see on the pictures!

While the rider is fit and still hungry for more, the horse got a few problems. Still in Ethiopia I broke my derailer but got lucky as one of my fellow cycler had a spare one I could use. And I got three flat tyres in the last two days, which was rather annoying.

It’s been a tough and demanding week since we left Arba Minch with lots of rolling hills in Ethiopia and an horrible off-road “lane” here in Kenya. We are actually on the Trans-East-African-Highway, which in reality is nothing but a very basic track you almost cannot cycle. It is either washboard, deep sand oder lots of small and big rocks on the road, and it took up to 10 hours to cycle 80 km. Sun is out again as well – today we hit the 50-degree-mark so lots of drinking is on the agenda.

As for the general feeling everything is fine and I’m quite enjoying my life and all the cycling. No stomack problems, no diorreah (knock on wood!), no crashes. And by now I’m quite used to go into the wood to do my daily business (there are no toilets in camp….) and come home from a hard day ride without having the change to take a shower. It’s pretty amazing, how fast you get used to those things. Life can actually be pretty simple!

As we are now in Kenya I’m trying to awake my long forgotten Kiswahili-knowledge. 20 years ago I spend a few weeks in Tanznia and learned quite a bit of the language. I haven’t used it since, but I‘m trying to use it now as often as possible. It’s polepole, but of course its also hakuna matata!

Sorry for this (again) rather short update, but time is a problem. I cannot use the computer on riding days (it’s just too dusty at most places, it would kill my machine), and on my day off I’m very much busy with launry, bike maintanance and writing articled for

newspapers.

Anyway: have fun, take care and enjoy live!

Your hardy cyclist

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5 Kommentare

  1. moin hardy!
    haben ac/dc auch so ausgesehen, als sie selbiges lied erschaffen hatten? oder durchquerten sie austrsalien per einrad und kamen auf selbigen titel?
    ich werde heute via radio vermitteln, dass ich in dunklen spelunken anzutreffen bin um über deinen rennverlauf zu reden(WETTEINSÄTZE!)
    05 ist am wochenende in bs bei afrikaähnlicher sonne ausgefallen! warum auch immer? wir sind mit 05 II. wenigstens dritter bei der hallenkreismeisterschaft geworden.(nach kl. zwischentief noch froh drüber!)

    totaler respekt vor deiner leistung! hut ab, das du uns dann auch noch immer darüber aktuell berichtest! sehr geil, freue mich immer wieder über deine zeilen.

    viel glück, alles gute und pass auf dich auf!
    grüße aus göttingen, sauer

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  2. Moin , moin ,
    schön mal wieder von dir zu hören , die Bilder der Piste machen nicht gerade neidisch aber bestimmt ein geiles Gefühl sie geschafft zu haben . Hier kann man zur Zeit auch wieder aufs Rad was sehr erfreut . Ich wünsche dir weiterhin viel Glück und wenig Pannen .
    Gruß Heiggo

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  3. Neid. Das ist das erste, was mir durch den Kopf ging, als ich auf deine Berichte stieß. Vor Kurzem habe ich erst deinen Blog entdeckt, und ich musste mich jetzt erstmal tagelang auf den aktuellen Stand bringen. Und immer mehr reift in mir der (vorerst naive) Gedanke: „Will ich auch“. Familie ist schon vorgewarnt, dass mich vlt. (in ein paar Jahren) auch die Abenteuerkrankheit ruft, und mich gen Afrika führt. Und DU bist Schuld, der du uns quasi tausende Kilometer überbrückend an deinen Erlebnissen auf so fesselnde Weise teilhaben lässt.
    Toi toi toi für den Rest der „Reise“ und eine unendliche Anzahl an nievergessenbaren Eindrücken,

    Rick

    P.S. auf derartige „Highway to Hell“ Streckenbedingungen (nicht Temperaturbedingungen ;)) hätteste dich übrigends prima in Island vorbereiten können (zugegebenermaßen in kleinerem Maßstab): http://www.rick-schumann.de/bilder/Island/island046.jpg

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