Gruesse vom Dach der Tour

Meine Güte, was war das für eine Achterbahnwoche!
8.500 Höhenmeter haben wir in den sieben Tagen überwunden, seit wir Gonder verlassen haben. Den Nichtradlern unter Euch mag das nicht viel sagen, doch die Konsequenzen können wir alle an unseren müden Beinen ablesen. In Äthiopien geht es nur in zwei Richtungen: entweder bergauf oder bergab. Und das nicht zu knapp. Gestern zum Beispiel war unsere 105-Kilometer-Strecke nach Addis Ababa (Lektoren, lasst die Rotstifte stecken, die Stadt heißt tatsächlich Ababa, und nicht Abeba!) eine einzige Achterbahnfahrt. Über fast die gesamte Zeit ging es über ungefähr zwei- bis drei Kilometer mit 6 bis 8 Prozent zunächst bergab und dann über eine ähnliche Distanz wieder bergauf. In der Praxis hieß das, dass ich mich regelmäßig für etwas zwei Minuten mit bis zu 65 Stundenkilometern die Abfahrten heruntergestürzt habe, um in der Sohle kurz noch mal alles zu geben, ehe ich dann am Anstieg das Gefühl hatte, an einem gigantischen Gummiband zu hängen und mit wohlwollend 12 km/h den Anstieg hochächzte. Die Kette wechselte eigentlich nur von ganz rechts nach ganz links und dann wieder nach ganz rechts – und das über mehr als 100 Kilometer! Einfach eine irre Strecke, die ich in meinem Leben noch nicht gefahren bin.
Aber ich so manches von dem, was ich hier tue, in meinem Leben noch nicht getan. Zum Beispiel zweimal binnen eines Monats mit der großen Scheiß- und Kotzerei flach zu liegen und keinerlei Möglichkeit zu haben, die Sache auszukurieren. Ich hatte ja schon von meiner etwas turbulenten Nacht vor dem Aufstieg nach Gonder berichtet. Von Gonder bin ich dann nach Bahir Dar geradelt, ehe ich in Bahir Dar erneut meinen Mageninhalt zur Beschauung frei gab – übrigens recht
spektakulär über die Balustrade der Hotelterrasse in dritten Stockwerk und zum Erstaunen eines größeren Publikums (will sagen: ich habe Tour-Geschichte geschrieben..). Spätestens da war klar: auch ich habe mir die im Camp grassierende Magen- und Darminfektion eingefangen. Zwei Tage kämpfe ich vergeblich dagegen an, ehe der erneute Griff zum Antibiotika unausweichlich wurde. Insgesamt verlor ich durch die ganze Sache zwei Fahrtage, an denen ich mit leichenbitterer Mine auf dem Truck saß und hinter jedem Baum ein vermeintlich Klo sah. Schöne Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes.
Am dritten Tag war ich dann endlich wieder fit und konnte an jenem Spektakel teilnehmen, auf das ich mich sehr gefreut habe und das ich nur höchst ungern verpasst hätte: der Durchquerung der Blue Nile Gorge, der Schlucht des Blauen Nils. Das ist ein traditionelles Highlight auf der TdA und zudem ein Ereignis, an dem stets ein Bergzeitfahren angesetzt ist. Auch darauf hatte ich mich gefreut – aber dazu später mehr.
Nach drei Tagen wieder auf dem Bike zu sitzen, war phantastisch aber auch anstrengend. Das Dumme an den Magen-/Darmsachen ist ja, dass man einfach seine Kräfte einbüßt. Man verliert viel Energie durch die übermäßigen Ausscheidungsvorgänge, und die Nahrungsaufnahme ist, nun, sagen wir mal, „schwierig“. Entsprechend vorsichtig bin ich
losgefahren, denn am Ende der Etappe wartete ein 20 Kilometer langer und berüchtigt schwerer Anstieg, den ich um alles in der Welt fahren (und nicht schieben!) wollte. Und ich kann stolz verkünden, dass ich es geschafft habe! Zwar bin ich im Zeitfahren Schlusslicht geworden, doch das lag zum einen an den erwähnten Schwächen und zum anderen an meinem Beschluss, dass mir die Zeit egal ist. Folge: Insgesamt kann man von meiner Fahrzeit sicherlich ne Stunde abziehen, während der ich einen ausgedehnten Coke-Stopp gemacht habe (es gab eiskalte Cola, da musste ich gleich zwei von vertilgen) und zudem zigfach anhielt, um die grandiose Aussicht zu genießen und Fotos zu schießen. Bei einem Zeitfahren natürlich nicht die wirklich effektive Vorgehensweise, um ein gutes Resultat zu erzielen.
Insgesamt war die Etappe der Wahnsinn. Ich will mal versuchen, das mit Worten zu beschreiben. Vom Camp ging es über 48 Kilometer welliges Terrain bis zum Lunch-Stopp, der auf etwa 2.400 Metern über
Meeresspiegel direkt an der Kante der Schlucht lag (wer grade eine Äthiopien-Karte zur Hand hat: das war in Dejen). Dann ging es hinab, und ich stürzte mich in die wildeste Abfahrt meines Lebens. Über eine mit Schlaglöchern, Rollsplitt, Hitzebeulen etc, gespickte Straße ging es in schönen Serpentinen über 20 Kilometer hinab ins Tal, das auf 1.100 Meter Höhe liegt. Wie im Rausch jagte ich an zig den steilen Berg nur herunterkriechenden LKW vorbei und versuchte, urplötzlich auftauchenden Dingen wie Esel, Kühen oder Mopedfahrern auszuweichen. In der Spitze schlug mein Tacho bis auf 69 km/h aus, und vom ständigen Bremsen glühten mir förmlich die Armgelenke. Zudem musste ich ständig anhalten, um diese wahnwitzige Aussicht auf das gesamte Flusstal zu fotografieren. Viel zu schnell war ich dann unten, wo Gabriel schon auf mich wartete, um mir das Freizeichen für das Bergzeitfahren zu geben. Mit dem schlauen Spruch „you want to play, you have to pay“ erinnerte er mich noch mal daran, dass ich nun für die schöne Abfahrt mit einer umso härteten Auffahrt bezahlen müsse und schickte mich auf die Reise. Schon nach der ersten Kurve zeigte mir der Berg seine hässlich Fratze: eine schnurgerade 10-Prozent-Rampe wollte erklommen werden – und das bei ungefähr 35 Grad, denn unten im Tal war es deutlich wärmer als oben auf der Hochebene.
So ging das dann über 20 Kilometer. Wie der Mont Ventoux hat auch die Blue Nile Gorges nur wenige Stellen, an denen der gebeutelte Radler mal ein wenig durchatmen kann. Ich kann mich überhaupt nur an zwei Momente erinnern, in denen das Gefälle mal unter 6 Prozent fiel, und die beiden waren vernachlassenswert kurz. Hinzu kam folgendes Problem: Bei den Vorbereitungen auf die TdA habe ich lange überlegt, welche Schaltung ich montieren will. Nach langem hin- und her habe ich mich eine Kompaktschaltung mit 50/34 entschieden, die ohnehin auf meinem Cross-Rad drauf war und grundsätzlich sowohl auf flachen als auch auf bergigem Terrain gut geeignet ist. Hier aber habe ich meiner Dreifach-Schaltung (die ich am Rennrad habe) bitterlich
hinterhergeweint und mir einen „Rettungsring“ gewünscht. Ich glaube, ich habe auf dem gesamten Berg höchstens zehnmal geschaltet. Nahezu ständig lag die Kette komplett links, quälten sich meine Beine wie in Zeitlupe hoch und runter, um Rad und Fahrer irgendwie in Schwung zu halten.
Und doch hat es unendlich Spaß gemacht! Berge fahren ist einfach die Krönung im Radsport, und so fuhr ich zwar langsam aber stetig an den Flanken meines Gegners der Sonne entgegen. Irgendwann war die Hälfte erreicht, und der erwähnte Coke-Stopp mit der wirklich EISKALTEN Cola bremste mich für mehr als eine Viertelstunde aus, dann kam ein etwas längerer „gemäßigter“ Anstieg (zwei Kilometer 4-6 Prozent), ehe es im letzten Drittel noch mal mit bis zu 13 Prozent so richtig zur Sache ging. Dann war ich oben, und ich war einfach nur noch … stolz. Scheiß auf meine miserable Zeit, scheiß aufs Rennen, ich hatte die Blue Nile Gorges erklommen. Ich war unschlagbar!
Am nächsten Tag ging die Kletterei weiter, und die Höhenmeter purzelten weiterhin fleißig aus meinem Tacho heraus. Irgendwann erreichten wir mit 3.122 Metern den höchsten Punkt, den wir während der gesamten TdA überqueren. Das „Dach der Tour“ war erreicht, und stilgerecht gab es dort oben einen Lunchstopp sowie eine Fotosession für jeden willigen Fahrer. Die Hoffnung, dass es danach nur noch bergab gehen würde, wurde aber rasch getäuscht, denn dies hier ist Äthiopien. Erst 20 Kilometer vor dem nächtlichen Camp hörten die Achterbahnwellen auf, ging es nahezu kontinuierlich talwärts, flog ich förmlich ins Lager.
Auf dem Weg dorthin passierte ich ein Schild mit der Aufschrift „Etiho-Germany Park Hotel“, das natürlich mein Interesse weckte. Unser Camp war nur einen guten Kilometer entfernt, und so bin ich
Nachmittags mal losgegangen, um zu gucken, was denn so ein
„Etiho-Germany Park Hotel“ ist. Was ich entdecke, ist ein Paradies, das ich Euch leider nicht zeigen kann, da ich dummerweise meine Kamera nicht mitgenommen hatte. Geführt von einem Äthiopier, der 38 Jahre lang in Deutschland gelebt und ein Restaurant geführt hatte, besteht es aus kleinen Rundhütten und einem sehr gepflegten Restaurant, das wahrlich alle Möglichkeiten zur gepflegten Entspannung bietet. Die Übernachtung kostet 200 Birr pro Hütte (1 Euro sind 14 Birr), wobei der gigantische Ausblick auf ein Tal eines Nebenflusses des Blauen Nils schon das Geld wert ist. Der Chef des Hauses, der ein absolut perfektes und fehlerfreies Deutsch spricht, hat zudem jede Menge Geschichten aus der Region auf Lager. Wer mal was Besonderes machen will… ich habe die Telefonnummer mitgebracht…
Äthiopien ist ganz bestimmt einen Besuch wert. Für mich ist es das bislang spannendste und interessante unserer drei bereits
durchquerten. Es ist landschaftlich wunderschön (die Hochebene erinnert häufig an die Alpenhochebene, nur das hier alles gelblich trocken und eben nicht saftig grün ist, obwohl wir hier grade mitten im Winter sind und die Einheimischen alle in dicken Klamotten rumlaufen), die Städte/größeren Orte bieten eine üppige Infrastruktur und die Einheimischen sind aufgeschlossen und häufig auch des Englischen mächtig. Im Gegensatz zum Sudan ist vieles westlich geprägt. Viele Menschen tragen westliche Kleidung und verhalten sich „westlich“ (lasst mich das jetzt hier bitte nicht definieren…). Dazu gehören auch Sonnenbrille, Handy und Macho-Gehabe bzw. bei den Frauen bisweilen sehr sexy Kleidung. Gleichzeitig sieht man viele
traditionell gekleidete Landbewohner, die ihr Vieh über die Straßen treiben. Das ganze gibt dann ein Gemisch, dem man stundenlang zuschauen kann (wenn man nicht immer mal wieder Rad fahren müsste) und immer wieder etwas neues entdeckt.
Und noch etwas fällt auf: die Äthiopier sind fast ausnahmslos sehr hübsche Menschen. Das gilt für Männer wie Frauen gleichermaßen. Sie haben einen würdevollen und zugleich lässigen Gang, gehen fast kerzengerade aufrecht und haben weiche, feine Gesichtszüge. Außerdem lachen sie gerne und viel.
Aber Äthiopien hat auch ein zweites Gesicht. Wie quasi überall in Schwarzafrika sind es auch in Äthiopien die Frauen, die fast alle schwere Arbeit leisten und ohne die sämtliche Strukturen vermutlich zusammenbrechen würden. Jeden Tag begegnen uns in den Dörfern und Orten zig Frauen (bzw. häufig noch Mädchen), die turmhoch mit Brennholz oder Marktware bepackt sind und damit häufig kilometerweit laufen müssen, während die Männer gemütlich in den Kneipen sitzen und dieses Gânja-Kraut kauen, das einen mehr als nur leicht bekifft macht. In Afrika führen viele Lösungen zweifelsohne über die Frauen, und da darf ich dann gleich mal wieder die Arbeit von Plan International ins Blickfeld rücken, die genau das berücksichtigt,
Ein weiteres Gesicht, das vor allem wir ständig zu sehen bekommen, sind die Kinder. Die sind manchmal einfach unfassbar unglaublich. An das ständige „you, you“ kann man sich ja vielleicht noch gewöhnen. Aber an das permanente „money, money“…. Vorgestern hielt ich in einem Ort, weil ich ein Foto machen wollte. Von weiten sah ich einen kleinen Jungen von vielleicht fünf Jahren auf mich zulaufen, der immer wieder nur „money, money“ rief. Irgendwann stand er mit ausgestreckter Hand vor mir und guckte mich mit großen Augen an, wobei er weiterhin sein „money, money“ rezitierte. Man ist manchmal einfach sprachlos. „You“ und „money“ sind häufig die einzigen englischen Worte, die die Kids können, wodurch keinerlei Konversation möglich ist. Während die jüngeren Kindern zumindest auf Lächeln oder Gesten noch ansprechen und häufig zurücklachen, werden die älteren böse, wenn man nichts gibt. Daraus resultieren dann im Endeffekt auch die Steinwürfe, die sich in der Woche fortgesetzt und auch mich betroffen haben. Ich würde gerne mal den Effekt von humanitärer Hilfe und das Verhalten der
äthiopischen Kinder (und die hohe AIDS-Rate bzw. dadurch bedinget Waisenrate) in Zusammenhang bringen. Ich vermute, da würden sich ein paar interessante Aspekte ergeben.
Wow, das war nun ein echter Monolog. Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu sehr gelangweilt und ihr schaltet wieder ein, wenn ich in vier Tagen aus Arba Minch das nächste Mal funken werde. Bestimmt gibt es bis dahin wieder ein paar Berge- und Täler zu über- bzw. durchqueren, und bestimmt erleben wir auch wieder ein paar neue Sachen. Und ich hoffe, ich muss Euch (und mich) bis zum Ende der Reise nicht mehr mit Magen- und Darmgeschichten belästigen. Denn die bin ich wirklich ziemlich leid. In diesem Zusammenhang auch gleich noch eine Verlautbarung an all diejenigen unter Euch, die mich hier nicht nur als Afrikareisenden sondern auch als Radrennsportler sehen. Weil ich die Befürchtung habe, dass ich mich, ohne es zu wollen, wegen des Rennens manchmal einfach etwas zu sehr pusche, habe ich folgendes beschlossen:
ich werde weiterhin als Rennfahrer angemeldet sein und auch am Rennen teilnehmen, mich aber nicht mehr für meine Zeiten interessieren, solange ich hier unten bin. Erst, wenn ich zurückkehre, schaue ich sie mir an. Dieses Rennen führt beispielsweise zu der absurden Situation, das man sich „Rennen im Rennen“ liefert. Will heißen, ich sehe, ich bin auf Platz 15 und habe 14 Minuten Rückstand auf Fahrer X, der 14er ist. Am nächsten Tag sehe ich Fahrer X zufällig auf der Straße und denke „oh, die 14 Minuten knöpf ich ihm jetzt ab“. Also gebe ich Vollgas und rase durch irgendwelche äthiopischen Dörfer, durch die ich in meinem ganzen Leben nie wieder kommen werde, um am Ende des Abend statt auf Position 15 auf Position 14 zu stehen. Leuchtet der dahinterstehende Wahnsinn ein? Daher werde ich mich ab sofort nicht mehr um meine Platzierung/Zeiten kümmern, sondern einfach fahren und gucken, wo ich am Ende lande (hinzu kommt übrigens noch eigene Blödheit. Gestern zum Beispiel ging das Rennen nur bis zum Lunchstopp. Ich war schon eine halbe Stunde da und hatte bereits ein leckeres Baguette verzehrt, als mir das einfiel und ich mich ausloggte – wir haben so einen kleinen Pin, mit dem wir uns beim Start einloggen und am Ziel ausloggen müssen – ich habe also eine halbe Stunde Fahrzeit hinzubekommen, weil ich zu blöd war, rechtzeitig auszuloggen…) Schöne Grüße in die Heimat von Euerm „hardy cyclist“

Sorry, keine Bilder. Bin zwar in der drittgroessten Stadt Afrikas, aber die Internetverbindung war nie schlechter…

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3 Kommentare

  1. Herrlich! Also, äh, nicht unbedingt die Verdauungsbefindlichkeiten, aber doch alles andere, und die Erzählung auch komplett. Die Aussicht auf Aufnahmen der Aussichten lässt mich hoffen, dass es da irgendwo im Tross eine Sicherungsstation für digitale Fotos gibt. Das wär ja nun wirklich zu grausig, wenn die Speicher aus irgendeinem Grund auch mal Durchfall bekämen!

    Dir weiterhin das Beste – bleib gesund und erlebe!

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  2. Die Blaue-Nil-Schlucht und das Hotel hören sich sehr verlockend an. Aber ich glaube mein Körper würde das wohl nicht mehr packen. Bin schon sehr gespannt auf die nächsten Storys. Alles Gute Hardy !

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  3. “ Also gebe ich Vollgas und rase durch irgendwelche äthiopischen Dörfer, durch die ich in meinem ganzen Leben nie wieder kommen werde…“
    Alle Achtung vor Deinen körperlichen Leistungen und den hier zitierten Gedanken, die Dir die Augen für all das Unglaubliche offenhalten…. Alles Gute, halte durch .. Güße aus Berlin von C&H

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