Rest Day in Bahir Dar

Schon mal was von Bahir Dar gehört? Ich nicht. Schade eigentlich, denn es ist ein höchst angenehmer Ort am Lake Taha, der eine gemütliche Atmosphäre ausstrahlt und in dem selbst die äthiopischen Kinder ihr unablässiges „you, you“ vergessen zu scheinen haben. Man kann gemütlich über die Straßen flanieren, ohne ständig angesprochen zu werden, was ein höchst angenehmer Unterschied zum Radeln durch das äthiopische Hochlandplateau ist. Und wie in Gonder verfügt auch Bahir Dar über jede Menge Restaurants, Cafes und Saftshops, denen ich mich nach Fertigstellung dieses Blogeintrages mal wieder hingeben werde. Vor allem die frischgepressten Säfte haben es mir angetan, und ich überleg schon die ganze Zeit, ob es eher Mango oder eher Papaya sein soll. Es ist im Übrigen erstaunlich, welche Mengen an Nahrungsmittel man auf solch einer Tour so in sich reinstopfen kann… (und trotzdem kontinuierlich abnimmt).
Und das in einem Land, auch das sollte mal gesagt werden, in dem noch immer rund die Hälfte der Einwohner unterernährt ist und nicht einmal jeder zweite Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Unter diesen Gesichtspunkten relativieren sich meine Probleme wahrlich zu Luxussorgen. Vor allem in den Städten kann man den krassen Unterschied zwischen arm und reich sehen. Da sitzen dann westlich gekleidete Äthiopier mit Handy und Sonnenbrille, während völlig verlumpte Kinder (Äthiopien hat dank AIDS rund eine halbe Mio. elternloser
Straßenkinder) wortlos um ein paar Birr betteln und in der Regel mit einem achselzuckenden Blick abgewiesen werden. Meine
Partnerorganisation „Plan International“ ist übrigens auch in Äthiopien aktiv. Schaut mal oben in der Leiste unter
„unterstützung/support“.
Nach den beiden Rest days in Gonder ging es am Montagmorgen weiter südlich durch das Hochland in Richtung Bahir Dar. Gonder zu verlassen war ein Abenteuer in sich. Zum einen ging es über 20 Kilometer bisweilen sehr steil bergab, zum anderen liegt am Fuße der Stadt eine Art Industriequartier, in dem ein Gewühl herrschte, das alles, was wir bislang erlebt hatten, in den Schatten stellte. Liebend gerne hätte ich einfach die Kamera draufgehalten und die Ortsdurchfahrt gefilmt, doch das wäre lebensgefährlich gewesen, denn ich brauchte wirklich beide Hände am Lenker, um mich durch dieses Chaos aus Ochsen- und Eselkarren, Bussen, LKW, Tuk-Tuks, Motorrädern etc. zu navigieren, Die Tiere marschieren einfach kreuz- und quer über die Straße, der entgegenkommende Verkehr überholt ohne Rücksicht auf Verlust und jeder (jeder!) äthiopische LKW-Fahrer betätigt seine bisweilen martialische Hupe, sobald er uns zu Gesicht bekommt. Es war also eine wahre Kakophonie der Eindrücke, Gerüche und Geräusche, bei der wir alle etwas erleichtert waren, als wir sie hinter uns gelassen hatten. Dann kam der erste Berg und ich merkte, wir sind auf 2.000 Metern. Meine Güte, ging das an die Substanz. Ein Gefühl, als halte mir jemand einen Filter vor die Nase, so schwer war es, die Luft durchzupressen. Nach den vier Wochen fast auf Meeresspiegel fiel uns die Höhenlage natürlich doppelt schwer, und so hatten auch die Spitzenfahrer tüchtig zu kämpfen mit der dünnen Luft. Da macht man was mit!
Die Etappe ging über 117 KM und hatte zwei wunderschöne Anstiege zu bieten, die wirklich nett zu fahren waren. In Serpentinen schraubten wir uns die Berge hoch, und hinter dem Gipfel kam jeweils die Belohnung mit rasanten Abfahrten. Die eine führt direkt zum
Lunchstopp, die andere auf eine 20-km-Gerade, die uns dann ins abendliche Camp führte. Die Gegend ist unglaublich dicht besiedelt. Überall laufen Menschen auf den Straßen rum, selbst in scheinbar einsamen Gebieten im Hochland. Fast alle tragen Stöcker über ihren Schultern, und nach den Ereignissen der letzten Tage sieht man so etwas immer mit etwas Skepsis. Sobald man anhält, ist man binnen Sekunden von Kindern umringt, die „you, you“-Rufen oder gleich nach „money“ fragen. Ein manchmal sehr trauriges Bild, das ebenfalls den Kontrast zwischen arm und reich im Land verdeutlicht. Für die Äthiopier sind wir eine seltene Chance, mal einen Weißen aus der Nähe zu beobachten. Die anderen Weißen, die kommen, sitzen ja in ihren klimatisierten Geländewagen und steigen nur an den touristischen Hotspots aus. Wir hingegen durchradeln ihre Dörfer, und weil es dabei manchmal tüchtig bergauf geht, sind wir noch nicht einmal wirklich schnell. Man kann also bequem neben uns herlaufen und gucken, was der komische Weiße da so macht.
Keine Privatsphäre zu haben, ist für unsereins gewöhnungsbedürftig. Dreimal musste ich anhalten, ehe ich endlich einen Platz zum Pinkeln fand, an dem ich nicht sofort von neugierigen Kindern umringt war. Und auch das Gefühl, am Straßenrand zu sitzen, einen Energieriegel zu essen und dabei von ungefähr 25 Kinderaugen angeblickt zu werden, ist etwas eigenartig.
Nach einer ordentlichen Fahrt war ich recht früh im Camp, in dem die Stimmung etwas gedrückt war. Zig Leute sind krank, und das Kotz- und Würgkonzert in der Nacht zum nächsten Tag war vielstimmig. Das Problem mit einem Virus bei einer derartigen Gruppe: er geht natürlich immer wieder aufs neue herum. Und so spürte ich am nächsten Morgen auch schon wieder dieses vertraute Gefühl im Magen, das mir ankündigte, dass da was am rumoren war. Nach etwas mehr als 20 Kilometern war dann tatsächlich Schluss für mich, und gegenwärtig bin ich ernsthaft am Überlegen, einfach mal für zwei/drei Tage auf den Truck zu steigen, um mich wirklich auszukurieren. Denn vielen geht es ähnlich: kaum etwas erholt, klettern wir wieder auf die Räder, doch eigentlich ist der Körper noch gar nicht so weit. Ich würde es zwar sehr bedauern, denn gerade auf die Bergetappen hier in Äthiopien habe ich mich doch sehr gefreut, aber dann muss ich auch gleichzeitig sehen, dass ich gerade mal den ersten von vier Monaten hinter mir habe, mein alter Körper also noch ordentlich was zu leisten hat.
Wie einfach geht das doch vergleichsweise im technischen Bereich der Tour: da habe ich nämlich heute erstmals die Kette gewechselt. 3.000 Kilometer sind absolviert, und nun darf mein Focus mit neuem Antrieb durch die Gegend pesen.
Nun geht es fünf Tage durch das Hochland zur Hauptstadt Addis Ababa, aus der ich mich dann wieder melden werde. Haltet die Ohren steif!

ENGLISH Just a short update from Bahir Dar, Ethiopia. After just two days riding we arrived at this very attractive sea resort at Lake Tana. Riding has been tough due to the mountains as well as lasting stomach problems. Some kids here in Ethiopia have been a hassle, but most of the Ethiopian are very friendly and just curious. And they do brew some fantastic coffe, offer great cake (Mary and Mel: next gtime Ethiopia?) and produce thick juices made of Mango or Papaya. Lots of love to all of you

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4 Kommentare

  1. Hat einer von euch im Lager Cipro ? Kurz fuer Ciprofloxacin. Ein ziemlich starkes antibiotikum dass mir oft in solchen faellen wie bei eurem gruppen virus gut geholfen hat.

    Bis Bald

    Cassra

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  2. Endlich mal bessere Nachrichten von den Gasheads, Hardy!

    Zuhause 1:0 gegen Odlham Athletic gewonnen und damit nicht mehr Letzter, sondern 23.!

    Aber um EA Guingamp muss man sich so langsam Sorgen machen:
    Nach zwei knappen Auswärtsniederlagen in Straßburg und Niort gestern Abend eine 2:5 Heimniederlage gegen Bastia!

    YNWA wird übrigens bis Mai geändert in YNBA! 😉

    Bike on, through the wind,
    Bike on, through the rain,
    Though your dreams be tossed and blown.

    Bike on, bike on, with hope in your heart.
    and you´ll never bike alone,
    You´ll never bike alone!

    Bike on, bike on, with hope in your heart.
    and you´ll never bike alone,
    You´ll never bike alone!

    Zum Abschluß EISERNE Grüße mit `n EISERNET Lied:

    Riot Volker

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  3. Übrigens, falls Du es noch nicht weißt, Hardy,

    gewinnt der 1. FC UNION Berlin das Derby bei der Hertha am 05.02.11, als ich England war, im ausverkauften Olympiastadion vor 74244 Zuschauern mit 2:1 und wird damit (vllt. inoffizieller, aber mir doch egal!) Berliner Stadtmeister! 😉

    Am letzten Mittwoch macht der FC SANKT PAULI den UNIONERN diese Kunststück nach und gewinnt beim HSV wiederum vor ausverkauftem Haus durch ein Tor von Gerald Asamoah in der 59. Min. mit 1:0 und wird damit Hamburger Stadtmeister!
    Der erste Sieg der Paulianer gegen den HSV seit dem 2:0 dort 1977! 🙂

    So, und nu kommst Du, wir alle warten sehnsüchtig auf Deinen nächsten Bericht.

    Ob Sauer sein offenkundig verfrüht geschlossenens Wettbüro inzwischen wieder eröffnet hat? 😉

    EISERN!

    Volker

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