Urlaub im Paradies

Frühmorgendlicher Blick vom Camping auf Gonder

Zwei Tage Pause kommen einem nach ziemlich genau einem Monat auf dem Fahrrad wie ein langer Urlaub vor.

Vor allem aber verschafften sie mir endlich mal die Gelegenheit, ein bisschen in Afrika einzutauchen. Und ich muss sagen, Gonder war die perfekte Stadt dafür!

Gestern Abend marschierte eine kleine Gruppe TdAler ins Zentrum, und ich war wirklich positiv erstaunt über die Ausstrahlung und Atmosphäre dieser Stadt, von der ich vorher ehrlich gesagt nicht allzu viel gehört hatte.
Überall gibt es gemütliche Kaffeehäuser, kleine Kneipen, niedliche Shops und Restaurants. Dazu sind jede Menge Leute auf der Straße, und es herrscht eine weitestgehend fröhliche Stimmung.

Kein Vergleich zu Sudan, wo die Sharia die Stimmung doch ein wenig drückt, und auch kein Vergleich zu Accra, wo ich 2008 bei der Afrikameisterschaft nicht einmal so eine Atmosphäre gefunden habe.

war am Abend leider nicht mehr besetzt

Die Leute tragen bunte, fast westliche Klamotten. Jeans, T-Shirts, Turnschuhe. Es gab endlich wieder händchenhaltende Pärchen auf den Straßen und in den Restaurants (im Sudan streng verboten), und überall spielt fröhliche Musik.

Dazu wird viel gelacht – vor allem von den Tuk-Tuk-Fahrern, die auch hier für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs sorgen.

Diese schon mal erwähnten Dreiräder mit Mofamotor sind einfach der Wahnsinn, und ich finde, die sollten unbedingt im Raum Südniedersachsen eingesetzt werden!

Scheiß auf große Busse, die eh nur alle achteinhalb Stunden fahren, sauteuer und zudem meistens leer sind – TukTuks sind die Antwort auf unsere Verkehrsprobleme! Matze, bitte übernehmen!

TukTuks

Solltet ihr jemals nach Äthiopien kommen, müsst ihr unbedingt den Kaffe probieren. Sagenhaft! Ein derart intensiver Geschmack, da können sich die Italiener mit ihrem Gebräu wirklich verstecken.

 Dazu kommt allerlei Gebäckstücke, die mindestens ebenso lecker sind, sowie fette Fruchtsäfte, in denen der Strohhalm senkrecht stehen bleibt, weil sie so voller Fruchtfleisch sind.

Ein Paradies also für ausgehungerte Radfahrer. Ich habe denn auch ordentlich Birr (lokale Währung) auf den Kopf geknallt, um mir Magen und Seele etwas zu füllen.

Heute bin ich dann gleich noch mal runtergefahren, um mir das ganze noch mal bei Tageslicht anzuschauen. Und siehe da: es war immer noch grandios. Ich konnte sogar einen Ersatz für meine vor drei Tagen in einem Camp gestohlene Kappe bekommen (das war meine geliebte Bristol-Rovers-Kappe, aber wenn ich mir die Tabelle der Div 1 anguckte, war das wohl abzusehen, dass die hier verschwinden wird… Snief… Und doch: Rovers till I die!).

Nun schützt mich eine chinesische Armeemütze vor allzu intensiver Sonneneinstrahlung.

Ansonsten ein paar Nachrichten aus dem Camp: Nahezu alle sind inzwischen irgendwie krank. Magen und Darm sind die größten Probleme. Dazu Schürf- und Hautwunden, sowie ein paar Erkältungen.

 Dass es hauptsächlich die Därme sind, lässt sich gut an Geräuschen und Gerüchen erkennen. Vor allem die in der Luft liegenden „Düfte“ sind bisweilen nicht allzu leicht zu ertragen.

Campidylle 1

Im Grunde genommen ist die TdA ein ständiger Anpassungsprozess des Körpers an die Umstände.

 Zunächst hatten wir es mit den langen Fahrradstrecken zu tun.

Dann kamen das ungewohnte Essen und die Bedingungen in den Wüstencamps ohne für uns selbstverständliche sanitäre Dinge wie eine Toilette oder eine Dusche.

 Seit Khartoum ist nun die Hitze dazu gekommen. Viele von uns haben unter einer regelrechten Austrocknung gelitten, und ein paar mussten sogar an den Tropf, nachdem sie ins Camp kamen. Wie gesagt, man kann gar nicht so viel trinken, wie man hier verdunstet.

Campidylle 2

Ohnehin frage ich mich ständig, ob mein Körper gerade das bekommt, was er alles braucht und ärgere mich ein bisschen darüber, dass ich mich vorher nicht intensiver mit der Ernährungsfrage beschäftigt habe (leider sind meine Biochemie-Kenntnisse aus dem Abi doch ziemlich verschütt gegangen).

Wie sieht es mit Eiweißen und Proteinen aus, mit Mineralstoffen, mit Vitaminen? Was fehlt dem Körper, wenn es hier zwackt, was, wenn es dort zischt?

Dass die Anstrengungen gekostet haben, kann ich an meinem Hosengürtel erkennen, der gestern ein neues, handgeschlagenes Loch bekam, da mir die Hose im letzten vorhandenen Loch trotzdem vom Arsch gerutscht war. Wenn das so weiter geht, muss ich mich nach meiner Rückkehr wohl neu einkleiden und kann dann auch mal in der Kinderabteilung gucken gehen 😉

dieser Supper Markt" hatte superleckere schokoriegel!

Nun sind wir in Äthiopien, und es sind die Berge sowie die bisweilen doch mehr als unangenehmen Kinder, mit denen wir uns zu arrangieren haben (einige Fahrer sind sogar mit Peitschen verprügelt worden, als sie die Berge hochkrochen).

Und das nächste Thema dürfte schon jetzt klar sein: Regen. Irgendwann so um den Äquator wird er uns erwischen, und wie das dann sein wird, mag ich mir kaum ausmalen. Na, ihr werdet früh genug davon erfahren.
Jetzt ist es egal. Jetzt sind die Batterien wieder aufgeladen, die Klamotten (so gut es ging) gewaschen, das Bike geputzt und die Kette geölt. Alles ready also für die nächsten beiden Tage, die uns bis Bahir Dar führen werden.

Das soll ein sehr attraktives Seebad auf 1.700 Meter Höhe sein, an dem uns eine schicke Seepromenade den nächsten freien Tag versüßen soll. Dass wir nur zwei Tage fahren, deutet übrigens darauf hin, dass jene Tage ziemlich heftig werden – sonst würden wir wohl kaum so schnell schon wieder eine Pause brauchen…

Blick von der Rückbank (= Fahrgastraum) eines TukTuks

Wie sagte doch Steve, einer unserer Truckfahrer, vorgestern zu mir: „you guys will do a lot of climbing here in Ethiopia“. Seine Worte in Bikers Ohren.

Bis die Tage, Euer hardy cyclist

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Ein Kommentar

  1. Hallo Hardy,

    einen Gruss aus dem kalten Sauerland. Im letzten Jahr habe ich nahezu die identische Strecke mit dem Motorrad auf dem Weg zur Fußball-WM nach Südafrika zurückgelegt. Die über 5 Monate waren die spannenste Zeit meines Lebens. Wünsche dir gleichfalle eine super Tour.
    Wir haben uns einst vor einem Kick der 05er mal in Göttingen getroffen.. Bin von vielen deiner Fußballbücher total begeistert.

    Gruss
    Sauerland-Jens

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