El sueño Ecuatoriano

In Ecuador gibt es derzeit zwei Themen. „The Andes Trail“ gehört allerdings nicht dazu, so groß ist diese Veranstaltung dann doch wieder nicht. Stattdessen leidet das Land unter einer ungewöhnlichen Hitzewelle und einem alles lähmenden Fußballstreik. Auf letzteren werde ich ganz am Ende dieses Eintrages ausführlich eingehen, damit sich diejenigen unter Euch, die mit Fußball nix am Hut haben, nicht langweilen müssen. Und was die Hitzewelle betrifft (Deutschland soll ja auch gerade unter einer leiden) so habe zumindest ich noch Glück, denn die fällt im hochgelegenen Quito halbwegs erträglich aus. Während aus der Küstenregion und vom Amazonas Temperaturen von bis zu 40 Grad vermeldet werden, müssen wir in Quito mit 28 bis 30 Grad vorlieb nehmen. Für mich angenehme Temperaturen, für die Einheimischen eine aufregende Sache. Mucho caliente hört man überall, wobei gerne mal ein leidendes Gesicht gemacht wird. So heiß wird das hier nicht allzu häufig. Wer durch die Straßen von Quitos wirklich bemerkenswert schöner Altstadt marschiert, der drängelt sich dementsprechend gerne in den Schattenbereichen oder schützt sich mit Aktentaschen und allerlei anderen Hilfsmitteln vor der direkten Sonneneinstahlung. Die, das sei mal nebenbei erwähnt, auf 2.800 Metern ganz schön knallt!

P1050946Regen habe ich seit meiner Ankunft noch gar nicht gesehen, und selbst Wolken sind rar am Himmel. Dafür geht die Sonne jeden Tag pünktlich um kurz nach sechs Uhr auf und um kurz nach sechs Uhr unter – es sind halt nur 27 Kilometer bis zum Äquator. Und damit zu einem anderen Thema: Radfahren. Der eigentliche Grund meines Aufenthalts in Quito. Die Stadt erinnert mich mit ihrer Topographie an eine Badewanne. Über 30 Kilometer erstreckt sie sich auf einer plateauähnlichen Fläche, die zwischen sieben und 30 Kilometer breit und eingerahmt von ziemlich steil aufsteigenden Hängen ist. Am Mittwoch habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit dieser Badewannenlandschaft gemacht und ordentlich geflucht. Auf dem Weg zum Parque Metropolitana, wo ich mit zwei weiteren Mitfahrern von The Andes Trail verabredet war, durfte ich zunächst über die verkehrsgeplagte vierspurige Avenue de Seis de Diciembre radeln und mich tüchtig von Busabgasen einnebeln lassen. Nach einer guten Viertelstunde Überlebenskampf als Karpfen im von Taxen und Bussen beherrschten Haifischbecken kam ich schließlich am Eingang zum Parque an … und stand vor einer Wand. Steil ragte die in den Park führende Straße in den Himmel. Vor Schreck schaffte ich es nicht einmal mehr, den kleinsten Omagang auf meine Getriebe zu werfen und musste daher regelrecht Anlauf nehmen. Doch der Schwung, den ich nahm, war schon nach wenigen Metern verbraucht, und was dann kam, war pure Schinderei. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt eine solche Wand habe hochfahren „dürfen“. Gottseidank war sie nicht allzu lang, und auch wenn es danach weiterhin recht üppig hinauf ging, war zumindest ein Ansatz von rundem Tritt möglich. Mir ging jedenfalls ordentlich die Pumpe, und das lag nicht nur an der dünnen Höhenluft.

Mit Knut und Viv im Parque Matropolitana.

Mit Knut und Viv im Parque Matropolitana.

Meine Mitradler Viv und Knut, die schon seit zwei Wochen in Quito sind, lenkten mich alsdann in einen Park, den man nur als traumhaft umschreiben kann. Mitten in der Stadt eine Oase der Stille, der Wildnis, der Natur. Unzählige Hektar groß, mit vielen naturbelassenen Zonen, mit tollen Kunstgegenständen, mit phantastischen Aussichten auf Quito. Und mit Pisten, die uns auf unserem Weg in den Süden wohl immer mal wieder begegnen werden und die schon früh deutlich machten, dass meine Entscheidung, eine Federgabel ans Rad zu bauen, goldrichtig war. Mein Flitzer war jedenfalls in seinem Element und machte klar, dass er bereit ist für ein gemischtes Abenteuer auf Asphalt, Schotter oder Sand. Nur meine Pumpe klagte, als es zum wiederholten Male steil bergan ging und binnen Sekunden sämtliche Kraft auf die Pedale übertragen werden musste, um bei nicht mehr messbaren Geschwindigkeiten nicht umzukippen. Schweißgebadet und mit feinem Sandstaub überzuckert kam ich nach einem weiteren Höllenritt über die Av. Seis de Diciembre schließlich glücklich wieder bei meiner Gastfamilie an und wusste endgültig, warum ich mich für dieses Abenteuer angemeldet hatte. Meine Gastfamilie schüttelte derweil nur grinsend die Köpfe und nuschelte was von „loco“ – laut Wörterbuch soll das Wort für „verrückt“ stehen…

In der Höhe stimmen die Größenverhältnisse halt manchmal nicht...

In der Höhe stimmen die Größenverhältnisse halt manchmal nicht…

Ansonsten war die erste Woche wie erwartet eine in vielerlei Hinsicht lehrreiche Zeit. In der Escuela peitschten wir im Einzelunterricht sämtliche notwendigen Zeitformen durch, wurde ich mit neuen Vokabeln nur so bombardiert. Aber mein Professor war nicht nur forsch fordernd in Sachen Sprache, sondern auch in Sachen Diskussionsniveau. Von unserem Einstiegsgespräch über gleichgeschlechtliche Ehen habe ich ja im letzten Beitrag schon berichtet. Auf dem Niveau ging es weiter, und gestern kamen wir beim Thema aller Themen: dem Sinn des Lebens. Ich kann euch sagen, es ist ein Abenteuer, in einer Sprache, von der man nur Bruchstücke beherrscht, über Leben und Tod, über Sinn und Unsinn, über Pflichten und Freiheiten zu philosophieren. „Así es la vida“ habe ich immerhin gelernt – „so ist das Leben“. Gelacht haben wir übrigens auch ziemlich viel, wie ohnehin die Menschen in Ecuador offenbar gerne lachen, denn auf den Gesichtern der Passanten in den Straßen sucht man vergeblich jene verbissenen Mienen, die uns Europäer so auszeichnen. Zudem geht es deutlich gelassener zu, sind selbst die durchaus zahlreichen Anzugsträger auf den Straßen in einem angenehmen Tempo und mit einem Lächeln im Gesicht unterwegs. Insofern kann ich schon jetzt mit Fug und Recht behaupten: Ecuador tut gut!

Auch inhaltlich wurde ich ordentlich mit Fakten versorgt. Landesgeschichte, ein bisschen Geographie und ganz viel soziale Zusammenhänge – dieses kleine Land in den Bergen ist mir im Laufe der Woche sehr vertraut gemacht worden und ans Herz gewachsen. Ich will Euch nun wahrlich nicht mit Fakten quälen bzw. langweilen, auf ein in meinen Augen sehr spannendes gesellschaftliches und politisches Experiment mit dem Namen „el sueño Ecuatoriano“ („der ecuadorianische Traum“) will ich Euch aber dennoch aufmerksam machen. Das ist so etwas wie der ecuatorianische Weg einer durchdachten und „gerechten“ Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, zu dem es sogar ein kleines Werbefilmchen gibt, der einen Eindruck vermittelt, was dieses Land in den letzten Jahren geleistet hat: https://www.youtube.com/watch?v=whxwMSa6Uwc.

Dazu passend eine Schlagzeile aus der Freitagsausgabe von „El Telégrafo“, nach der es Ecuador in der letzten Dekade u.a. gelungen ist, die Armut im Land um 50 Prozent zu senken. 2,2 Mio. Menschen (von rund 15 Mio. insgesamt) leben heute in Ecuador noch in Armut, davon 1,2 Mio., die mit weniger als einem 1,25 Dollar (die US-Währung ist auch hier die Landeswährung) am Tag auskommen müssen. Dafür ist Krankenversorgung für alle Menschen frei. Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings der hohe Einfluss Chinas im Land (vor allem in Sachen Rohstoffe) – das kenne ich ja noch aus Afrika. Dennoch ist Ecuador ganz bestimmt ein Land, dessen Weg ich in Zukunft aufmerksamer verfolgen werde.

In der historischen Altstadt von Quito.

In der historischen Altstadt von Quito.

Quito selbst ist eine Stadt mit unzählig vielen Gesichtern. Im Süden krabbeln die favelas der Armen an den Hängen der „Badewanne“ hoch, im Norden bieten die abgeschotteten Villen der Reichen traumhafte Blicke auf die Stadt. Dort gibt es auch ein gigantisches Einkaufszentrum, in dem es all das gibt, was man auch in Deutschland, Frankreich oder England bekommen kann. Markenware en masse, allerdings zu entsprechenden Preisen. Subway beispielsweise hat hier zig Dependancen über die ganze Stadt verteilt. Dort zahlt man zwischen 6 und 8 Dollar für ein belegtes Brötchen. Geht man in der Altstadt in einen lokalen Laden, gibt es dasselbe schon für drei Dollar, und ich bin mir sicher, es ist leckerer als der Subway-Einheitsbrei (den ich bislang nicht probiert habe). Ich selber bin übrigens längst gut Freund mit einem Pizzeriabetreiber an der Avenida Rio Amazonas, bei dem ich für zwei Dollar eine mehr als sättigende und ausgezeichnete vegetarische Pizza erstehen kann – und nebenbei mit dem lustigen Betreiber noch mein Spanisch ausprobieren darf. Así es la vida!

Quito ist aber auch Lärm. So wie wohl jede Großstadt. Rund um die Uhr heulen hier die Sirenen von Häusern und Autos los, peitschen Polizei und Krankenwagen mit ohrenbetäubenden „üiüiüiüi“ durch die Straßenschluchten. Als langjähriges Landei bin ich das ja nicht mehr wirklich gewohnt. Doch auch das Landei in mir findet Anerkennung, denn jeden Morgen um 6 brüllt sich in der Nachbarschaft ein einsamer Gockel die Seele aus dem Hals und versucht, gegen den Verkehrslärm anzukommen. Quito ist dann eben doch nicht Frankfurt, Berlin oder München sondern eine Stadt in der Transformation und irgendwie „zwischen“ den Welten.

und noch mal historische Altstadt

und noch mal historische Altstadt

Genug gefaselt. Heute in einer Woche geht es los! Endlich! Denn so nett es ist, hier durch die Straßen zu flanieren und mich durch die Sprache zu stottern, so sehr juckt es inzwischen unter dem Hintern, so sehr fühle ich mich auch wie in einer Warteschleife. Ich will losfahren! Endlich die Berge hoch und wieder runterradeln. In die Landschaft eintauchen, Ecuador entdecken. In Bewegung kommen, den Flow finden, der sich auf so einer Tour einstellt. Für den morgigen Sonntag steht schon mal ein kleiner Minigruppenausflug zum Äquator an, und ab Dienstag ist dann die gesamte Gruppe gemeinsam in einem Hotel, werden das Rennen und das Abenteuer sicherlich rasch konkreter. Es wird Zeit! Inzwischen berichtete übrigens auch das Manager Magazin über meine Reise, und weil der Artikel online zu lesen ist, teile ich ihn gerne mal hier: http://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/fahrradrennen-11-000-kilometer-ueber-die-anden-a-979179.html

Und damit will ich umschalten zum Fußball, nutze aber zugleich die Gelegenheit, mich bei denen, die sich nun ausklinken, für die Aufmerksamkeit zu bedanken. Einmal werde ich mich vor dem Start sicherlich noch melden, ehe es dann ab 1. August so richtig losgeht mit The Andes Trail – „Jenseits der Komfortzone, reloaded Part 2“. Hasta luego!

In Sachen Fußball war es eine sehr aufregende Woche. Als ich letzten Samstagabend in Quito ankam, hatte ich keinen blassen Schimmer von dem, in was ich hineingeraten sollte. Montagmorgen dann der Schock, als ich vom Spielerstreik hörte und dem Stillstand des Spielbetriebes. Da ich von der Fernsehberichterstattung nur Bruchstücke verstanden hatte, nutzte ich die Gelegenheit und schlug das Thema im Spanisch-Unterricht zur gemeinsamen Behandlung vor. Und siehe da, mein Professor bekam sofort leuchtende Augen, entpuppte sich als leidenschaftlicher Fußballfan (Team: LDU Quito, kurz „Liga“) und war nur zu gerne bereit, mich über die Hintergründe aufzuklären. Ich versuche mal, die ganze Sache in überschaubare Häppchen zu verteilen. Also: grundsätzlich gibt es im ecuadorianischen Fußball zwei große Probleme: Korruption vor allem auf der Verbandsebene und Geldmangel auf der Vereinsebene. Da unterscheidet sich Ecuador wohl kaum von vielen anderen Ländern.

Meine Gastfamilie ist sehr fußballverrückt. Hausherr Alexis hält es mit Emelec Guayaquil und hat die ganze Wohnung mit herrlichen Gimmiks wie diesem verzaubert.

Meine Gastfamilie ist sehr fußballverrückt. Hausherr Alexis hält es mit Emelec Guayaquil und hat die ganze Wohnung mit herrlichen Gimmiks wie diesem verzaubert.

Grund für den Streik ist der Geldmangel auf der Vereinsebene, also fange ich damit mal an. Von den zwölf Vereinen der ersten Liga haben in der laufenden Saison lediglich vier Klubs ihre Spieler pünktlich und vollständig bezahlen können: Independiente la Valle, LDU Quito, Nacional Quito und Mushuc Runa. Alle anderen Vereine sind ihren Spielern teilweise seit fünf Monaten die Gehälter schuldig: Barcelona Guayaquil (im Übrigen der beliebteste Klub des Landes) und Deportivo Quito seit März, Deportivo Cuenca seit April, Liga de Loja, Manta FC und Olmedo de Riobamba seit Mai sowie Emelec Guayaquil seit Juni.

Laut Ausschreibung dürfen die Vereine aber nur drei Monate mit den Gehältern im Rückstand sein, sonst gibt es Strafen durch den Verband. Erst ein Punkt Abzug (drei Monate Gehälter überfällig), dann drei (vier Monate), dann Ausschluss aus der Liga (sechs Monate). Allerdings nur theoretisch, denn der Verband hat bislang nichts unternommen. Was möglicherweise daran liegt, das vor allem dem beliebten Barcelona SC sowie Kultklub Deportivo Quito empfindliche Strafen drohen würden. Die Vereine verwiesen derweil gebetsmühlenartig auf ihre mitunter imposanten Schuldenberge, die eine Auszahlung der Gehälter unmöglich machen würde. Für die Spielergewerkschaft AFE, die wiederholt auf die dramatische Situation hingewiesen und Reformen angemahnt hat und die nun zu radikalen Mitteln der öffentlichen Aufklärung griff (im nationalen Fernsehen wurden beispielsweise Spieler mit Babys in den Armen gezeigt, die entrüstet erklärten, sie hätten kein Geld mehr, um ihre Familien zu ernähren), war das Maß Mitte Juli voll. La Huelga – der Streik – war da, und das fußballverrückte Ecuador stand plötzlich Kopf. „Es ist die einzige Möglichkeit, auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, hieß es in der offiziellen Erklärung der Spielergewerkschaft.

Luis Chiriboga, Chef des Nationalverbandes FEF, über den noch zu sprechen sein wird, schien das alles nichts anzugehen, denn der Verband verhielt sich auffallend still und setzte wie erwähnt auch die Punkteabzugsdrohungen nicht um. Chiriboga legte sogar noch nach und erklärte öffentlich, es sei doch völlig normal, drei Monate im Rückstand mit den Gehaltszahlungen zu sein.

AFE-Sprecher Jorge Guzmán klagte daraufhin, dass der Verband nur hinter den Vereinen, nicht aber hinter den Spielern stehen würde. Unterstützt wurde die Spielergewerkschaft indes vom Arbeitsminister, der sich schließlich auch vermittelnd einschaltete. Und tatsächlich gelang am Donnerstag endlich eine Einigung. Während die Spielerforderung die Begleichung aller Schulden binnen einem Monat forderte, wollten die Vereine allerdings gleich drei Monate Zeit zur Begleichung der Außenstände an. Man einigte sich schließlich auf zwei Monate, womit der Streik beendet wurde und ich am Mittwoch dem Duell Union Catolica gegen Mushuc Runa beiwohnen kann.

Mein Professor erklärt mir die Strukturen des ecuadorianischen Fußballs.

Mein Professor erklärt mir die Strukturen des ecuadorianischen Fußballs.

Und nun zum zweiten Problem im ecuadorianischen Fußball und damit zum FEF-Präsidenten Chiriboga. Der weilte kürzlich mit einer ganzen Kollektion von Freunden und Mitstreitern bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Soweit, so gut. Allerdings flog er nach der Vorrunde nicht wie die ausgeschiedene Nationalmannschaft nach Hause, sondern blieb bis zum Endspiel vor Ort – auf Kosten des Verbandes natürlich. Chiriboga werden vor allem Korruption und undurchsichtiges Verhalten vorgeworfen. „Die Vereine erfahren nichts von dem, was im Verband passiert“, erläuterte mein Professor. „Und die Gelder, die der FEF von der FIFA für die WM bekommen hat, bleiben irgendwo im Verband stecken“. Das übliche Szenario also, für das es wohl nur eine Lösung gibt: Chiriboga müsste mitsamt sämtlichen Kumpanen von der Macht entbunden und via Neuwahlen ein handlungsfähiger Vorstand gefunden werden. Ob es dazu kommt? Mein Professor bezweifelte es.

Nebenbei erzählte er mir noch ein paar bemerkenswerte Fakten über Ecuadors Fußball. So sind dort überproportional viele schwarze – afrikanischsstämmige – Spieler bei den Vereinen engagiert. Rund 80 Prozent beträgt die Quote vereinsübergreifend für die Nationalliga – ansonsten stellen afrikanischstämmige Menschen in Ecuador kaum fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Zugleich stehen sie gesellschaftlich etwas am Rande und sehen sich nicht selten Rassismus ausgesetzt. Da kommt dem Fußball wohl mal wieder eine Rolle als gesellschaftlicher Kitt zu. Und noch ein „Problem“ gibt es mit den afrikanischsstämmigen Spielern: sie sind in der Regel deutlich größer als die Einheimischen, die allerdings auch überdurchschnittlich klein sind. Auf den Straßen sieht man viele Menschen, die kaum über eine Körpergröße von 1,50 Meter kommen – da flößt so ein hochgewachsener Schwarzer schon mal ganz Respekt ein. Einmal mehr ein Beleg für die schlaue Weisheit, dass die Welt komplexer ist, als sie auf den ersten Blick aussieht.

Ach, und auch das noch: jedes Land ein Trikot - wie in Afrika. In Ecuador habe ich mich für den traditionsreichen, aber seit Jahren auch darbenden Deportivo Quito entschieden.

Ach, und auch das noch: jedes Land ein Trikot – wie in Afrika. In Ecuador habe ich mich für den traditionsreichen, aber seit Jahren auch darbenden Deportivo Quito entschieden.

Streik!

2011 begann, während ich die Tour d’Afrique mitradelte, in Ägypten eine Revolution, die im Grunde genommen bis heute anhält. Uns hat das damals nicht allzu sehr gestört, denn wir haben es auf unseren Rädern ohnehin nicht mitbekommen und erst im Sudan davon erfahren.
Nun bin ich in Ecuador, und das erste, was hier passiert, ist ein Fußballstreik! Diesmal bekomme ich ihn mit, und diesmal betrifft er mich auch konkret, denn eigentlich sollte bis zum Start von The Andes Trail am 1. August noch mindestens ein Spielbesuch für mich auf dem Programm stehen. Der steht nun erstmal in Frage, denn wie es weitergeht mit dem ecuadorianischen Ligafußball ist derzeit offen.
Hintergrund des Streiks (“la huelga”, wieder ein Wort gelernt…) ist die desolate finanzielle Verfassung offensichtlich nahezu aller hiesigen Erstligaklubs – soweit habe ich es zumindest heute morgen in den Frühnachrichten verstanden, und so entnehme ich es auch der Tageszeitung “La Hora”. Ihr zufolge ist der für morgen vorgesehene 21. Spieltag abgesagt. ”Die Vertreter der Ligaklubs haben sich gestern mit Arbeitsminister Carlos Marx Carrasco getroffen, um über die Situation zu beraten”, heißt es weiter.

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Am kommenden Wochenende stehen dann Pokalspiele an – u.a. das Lokalderbys zwischen National und LDU (oder “Liga”, wie es hier nur heißt). Da wollte ich eigentlich mit einem in Quito lebenden deutschen Journalistenkollegen hin – drückt bitte mal alle Daumen, dass das auch was wird. Na ja, und zumindest weiß ich nun auch schon mal, über was ich morgen gerne mit meinem Spanisch-Professor diskutieren möchte – die Krise des equadorianischen Fußballs natürlich! Ich halte euch über die Ergebnisse auf dem Laufen.
Ansonsten habe ich mich schon mal “erfolgreich” um mein Gepäckproblem bei der Rückreise gekümmert und zwei wie ich finde außerordentlich hübsche Novitäten für meine Kollektion erstanden. Ich habe zwar ein bisschen Sorge, dass sie die 11.000 Kilometer bis Ushuaia möglicherweise nicht überstehen, sie hierzulassen war dann aber auch keine Option ;-)

emelec

Von Jehovas, Cat Stevens und dünner Höhenluft

Hola, aqui esta Quito. Wohlbehalten angekommen mitten in der deutschen Nacht und dem ecuadorianischen Nachmittag, was das Zeitempfinden doch etwas empfindlicher als erwartet durcheinanderbrachte. Da war es umso erleichternder, dass die Anreise insgesamt recht entspannt verlief. Den letzten Abend verbrachte ich einem hochsommerlichen Backofenhotel in Langen bei Frankfurt mitten in einer Tagungsgruppe der Zeugen Jehovas, was irgendwie eine passende Erfahrung war, denn beim bevorstehenden Abenteuer geht es ja auch um „höhere Werte“.

Während dann am nächsten Morgen die Sonne über Frankfurt aufging, saß ich im Transferflieger nach Madrid, als Cat Stevens über die Bordlautsprecher einen dieser schier unverwüstlichen Songs trällerte, bei dem man einerseits unwillkürlich mitsummt und man sich andererseits fragt, was für ein wachsweicher Schmarrn das eigentlich ist. Aber mal ehrlich: kann es ein passenderes Lied als „Morning has broken“ geben, wenn man in aller Hergottsfrühe aufstehen muss, weil man in die Welt hinausziehen will? In Madrid machte ich dann erstmals Bekanntschaft mit der südamerikanischen Improvisationskunst, als beim Einchecken erst Gruppen gebildet wurden (ein Blick auf mein Ticket verriet, dass ich zu „Grupo 1“ gehörte) und diese dann fröhlich durch den halben Flughafen gescheucht wurden, ehe der richtige Schalter gefunden war.

Fünfzehneinhalb Stunden später ließ ich mich von einem freundlichen „Bienvenido en Ecuador“ begrüßen, überstand die bangen Warteminuten, bis sowohl Rucksack als auch Fahrrad wohlbehalten aus dem Flugzeugbauch auftauchten und ließ mich in eine Stadt fahren, die mich vom ersten Moment an faszinierte. Quito erinnerte einerseits an Afrika, mit all dem Leben auf der Straße, den Grillständen, den kleinen Shops, dem Verkehrschaos, der zerbrechlichen Infrastruktur. Andererseits fehlen die Hektik und die Aufregung, die in Afrika vor allem in größeren Städten allgegenwärtig und sehr kraftraubend ist. Hier geht es regelrecht entspannt und gemütlich zu. Selbst im Straßenverkehr, bei dem zwar – wie in Afrika – eindeutig das Recht des Stärkeren herrscht, in dem aber gemeinsam auf einen kontinuierlichen Verkehrsfluss geachtet wird.

Blick aus meinem Gastzimmer.

Blick aus meinem Gastzimmer.

Nach Ankunft bei meiner Gastfamilie wartete die nächste Herausforderung auf mich. Denn von nun an war ausnahmslos Spanisch angesagt. Nun muss man wissen, dass es für mich zu diesem Zeitpunkt gefühlt halb eins in der Nacht war, und ich um halb fünf aufgestanden war (jeweils deutsche Zeit). Hier war es halb sechs am Nachmittag, tobte das Leben in vollen Zügen. Müde ließ ich die spanischen Begrüßungswogen von Gastfrau Barbara, Gastherr Andres und Gastoberhaupt Alejandro über mich ergehen, versuchte, die notwendigen Informationen aus den übereinanderlappenden Redeschwällen zu filtern und fand mich schließlich in meinem Zimmer für die nächsten sieben Tage wieder. Dann stand auch schon das Essen auf dem Tisch und ich steckte mitten in einer amüsanten Diskussion mit dem 78-jährigen Alejandro, der sich mit leuchten Augen an seinen Hamburg-Besuch vor vielen Jahrzehnten erinnerte, wobei offenbar vor allem der Besuch bestimmter Gebiete in St. Pauli Nachhaltigkeit hatte. Mein Spanisch-Vokabular wurde bei dieser Gelegenheit dann gleich mal um ein paar Vokabeln erweitert, die ich an diese Stelle aber besser nicht weitergebe – könnten ja Jugendliche mitlesen.

Dann endlich: schlafen.

quito-7

Gut bewacht im katholischen Ecuador: mein vorübergehendes Domizil.

Gestern nun machte ich mich an eine kleine Exkursion durch Quito, in dessen Zentrum meine Gastfamilie lebt. Und Quito weiß, was sich gehört! Jeden Sonntag sind hier ein paar Hauptverkehrsadern gesperrt, damit man dort gemütlich Fahrrad fahren kann. Ich war zunächst zu Fuß unterwegs, doch als ich auf das Spektakel traf, lief ich rasch zurück und baute flugs meinen Flitzer zusammen, um auf schmalen Pneus selbst an dem Vergnügen teilnehmen zu können. Und was soll ich sagen: ich musste es wahrlich nicht bereuen! 35 Kilometer waren abgesperrt, so dass ich meine erste Radversuche in Südamerika in ziemlich entspannter Atmosphäre hinter mich bringen konnte. Und zugleich eine Stadt entdeckte, in die ich mich auf Anhieb ein bisschen verliebte. Quito verfügt über eine angenehm relaxte Aura mit fröhlichen, zurückhaltenden und sehr hilfsbereiten Menschen. Die Suche nach einer Stehluftpumpe beispielsweise führte mich in einen Radladen, wo mir jedoch die Vokabel für „Luftpumpe“ fehlte. Nun, das geht natürlich auch ohne, dafür aber mit viel Gelächter. Und als Dreingabe bekam ich sogar noch die fehlende Vokabel mit, die ich gerne mit Euch teile, denn ich finde sie wunderschön: „bomba de aire“. Hätte ich eigentlich auch selber drauf kommen können, nicht wahr?

quito-8Schon nach wenigen Minuten stand ich dann aber vor Problem Nummer drei. In den Anden sagt man, es ist nicht die Höhenluft, die dir den Atem raubt, sondern die Tatsache, dass du so nah am Himmel bist. Nun sind 2.800 Meter zwar in der Tat ziemlich hoch, bis zum Himmel ist es aber doch noch ein gutes Stückchen. Und doch japste ich hektisch nach Luft, während ich auf der flachen Straße in Gängen hantierte, die ich eigentlich erst im richtigen Bergland verwenden wollte. Immerhin: weil ich mein Tacho aus Furcht vor Diebstahl gar nicht erst mitgenommen hatte, konnten mich die kläglichen erreichten Stundenkilometerwerte zumindest nicht auch noch hämisch angrinsen und mir den Wahnsinn vor Augen führen, den ich hier unternehme.

Das mit der Höhenluft ist schon ne „Erfahrung“. Alles läuft wie in Zeitlupe ab, und sobald man etwas kräftiger in die Pedale drückt, hämmert es im Kopf, setzt Schnappatmung ein, werden die Glieder schlagartig müde. Drei Tage sind das Minimum zur Akklimatisierung in Quito. Ich bin froh, dass ich zehn habe und bin sehr gespannt, wie der Prozess sich fortsetzen wird.

Inzwischen ist (hier) Montagmittag und ich habe auch den ersten Tag im Sprachkurs hinter mir. Und was soll ich sagen? Vom Ankommen um 9 Uhr bis zum Kursende um 1 Uhr fielen ausschließlich spanische Wörter bzw. das, was ich dafür hielt und mein Professor gnädigerweise irgendwie verstand. Rasch mal eben zwei neue Zeitformen gelernt (Partizip Infinito und Futuro), in aller Breite und Ausführlichkeit sowohl meine Anreise als auch meine Strecke bis hinunter nach Ushuaia erklären dürfen und als krönenden Abschluss eine Diskussion über das Für und Wider von gleichgeschlechtlichen Ehen bzw. Adoptionen von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare unter der besonderen Berücksichtigung der Einflussnahme durch den Vatikan geführt. Und nebenbei gelernt, dass von den rund 90 Prozent Katholiken in Ecuador schätzungsweise nur noch 50 Prozent aktive Kirchgänger sind. Was wir dann natürlich auch gleich wieder diskutiert haben.

Und nun: estoy cansado pero feliz tambien. Hasta luego!

Ach ja: Fußball ist hier überall :-D

Ach ja: Fußball ist hier überall :-D

The Andes Trail Countdown: Tag -3

Aufgabe: Letzter Fahrradcheck sowie verpacken von Bike, Ersatzteilen und Reifen in einem Karton mit der Maximalgröße 130x85x32 cm.

Herausforderung: Vorausdenken, wie das Personal an den Flughäfen von Frankfurt/Main, Madrid und Quito mit der unhandlichen Box umgehen wird und Bike bzw. Ausrüstung dementsprechend schützen.

Der letzte Check erfolgt natürlich mit meinem "Fahrradflüsterer" Stephan Beckmann

Der letzte Check erfolgt natürlich mit meinem “Fahrradflüsterer” Stephan Beckmann

 

So sah die Box 2011 vor dem Rückflug von Kapstadt nach Deutschland aus