Verloren im Land des Nichts

IMG_1877Als ich gestern mal auf die kleine Südamerika-Karte guckte, die auf unserer täglichen Streckenplanung abgedruckt ist, bin ich ganz schön erschrocken. Mein Gott, wie weit sind wir eigentlich schon gefahren?! Knapp 6.000 Kilometer nach dem Start in Quito nähern wir fast uns unaufhaltsam der Höhe von Uruguay/Buenos Aires, und das kleine Fähnchen, das unseren Standort signalisiert, ist bereits mächtig Richtung Süden gerückt.

In ziemlich genau sieben Wochen werden wir das große Ziel Ushuaia erreichen, und das erscheint nun wieder geradezu unglaublich übersichtlich. Sieben Wochen! Das ist ja quasi übermorgen! Aber wie immer hat alles seine zwei Seiten. Auf der einen steht eine leichte Wehmut, dass dieses Treck, auf dem wir uns seit gefühlten „Jahren“ befinden, irgendwann tatsächlich zu Ende geht. Und damit die Rückkehr in ein „normales“ Leben ansteht. Mit morgens aufstehen und nicht bergeweise Müsli in sich reinschaufeln, um danach wie ein Wahnsinniger in die Pedale zu treten und sämtliche Kalorien gleich wieder zu verbrennen. Sondern morgens aufstehen und angepasst an die eher geistig betonte Tagesaufgabe nur noch dezent Kalorien aufzunehmen, um ein schnelles Implodieren der Körpermaße zu verhindern. Auf der anderen Seite steht die Sehnsucht nach Normalität. Nicht mehr nahezu jeden Morgen an irgendeinem anderen Ort auf dieser Welt aufzuwachen, das Klopapier zu schnappen und sich eine geschützte Ecke hinter irgendeinem dornigen Busch zu suchen, um die erste große Herausforderung des Tages anzugehen. Sondern eine richtige Toilette zu haben, eine Dusche mit warmen Wasser und einen Raum mit Privatsphäre, DEM “Unwort” auf Trips wie diesem. The Andes Trail ist eben vieles gleichzeitig, und das mit dem Radfahren ist nur ein Aspekt davon.

Seit Salta kurbeln wir auf der berühmten Ruta 40, auf der wir auch in den nächsten Wochen unterwegs sein werden. Die untere Zahl gibt übrigens an, wie weit es bis zu ihrem Ende ist - und genau das steuern wir an.

Seit Salta kurbeln wir auf der berühmten Ruta 40, auf der wir auch in den nächsten Wochen unterwegs sein werden. Die untere Zahl gibt übrigens an, wie viele Kilometer es noch bis zu ihrem Ende sind – und genau das steuern wir an.

63 von 107 Tagesetappen liegen inzwischen hinter uns, und seit dem Eintreffen in Argentinien hat sich eine Menge verändert. Statt Hotelübernachtungen überwiegen nun Buschamps und Campingplätze, wobei letztere bisweilen in einem derart erbarmungswürdigen Zustand sind, dass sie fast schon wieder zum Bushcamp werden. Das Areal „Las Palmas“ in San Blas de los Sauces (nebenbei: toller Ortsname, nicht wahr?) beispielsweise war so ein Fall. Die Duschen und Toiletten verfallen, der Shop geschlossen, das Terrain verwildert. Eine durchaus gewöhnungsbedürftige Angelegenheit nach den Hotel-Annehmlichkeiten der ersten zweieinhalb Monate, in denen wir oft genug Wifi genossen, kleine Bodogas oder Tiendas in der Nähe hatten und zumeist Toiletten mit Wasserspülung genossen. Nun stehen wir verweichlichten Westler vor den Herausforderungen des “einfachen Lebens” und haben mehr oder weniger Anpassungsprobleme.

Hinzu kommen die Gepflogenheiten der Argentinier, vor allem am Wochenende die Nacht zum Tag zu machen. Freitagabend in Cafayate lag die örtliche Disco direkt nebenan und beschallte uns bis morgens um 4 mit zweifelhaften Klängen. Samstag in Santa Maria waren die Klänge einer Rockband zwar rundherum hörenswerter, dafür aber umso lauter, da besagte Band direkt neben dem Campingplatz ein Open Air-Konzert gab. Ich hatte schon bei den Tonproben am Nachmittag einen kleinen Eindruck vom Kommenden erhalten und entschieden, mir ein ruhigeres Hostal im Ortsinneren zu suchen. Was ich fand war einer der angenehmsten Orte, in denen ich in den letzten Monaten eine Nacht verbrachte. Eine gewitzte ältere Dame als Leiterin der Unterkunft, ein grundgemütlicher Innenhof und vor allem eine tiefe Ruhe inmitten der Nacht ließen mich am nächsten Morgen ausgeschlafen und erholt aufs Rad steigen. Im Gegensatz zu den auf dem Campingplatz verbliebenen Tourteilnehmern, die von einem um 22.30 Uhr beginnenden und 3.30 Uhr endenden Konzert berichteten, das sie „kein Auge zumachen“ ließ.

Auf dem Weg durch eine bizarre Felsenwelt.

Auf dem Weg durch eine bizarre Felsenwelt.

Rein fahrtechnisch/renntechnisch war es meine bislang beste Woche. Die ersten beiden von sechs Fahrtagen in Folge waren keine Renntage, da wir durch sehr sehenswerte Landschaften kurbelten und das Rennen an solchen Tagen zumeist ausgesetzt ist. Am dritten Tag kam ich als Siebter ins Ziel, am vierten als Achter (theoretisch, dazu später mehr), am fünften auf dem bereits abgefeierten zweiten Platz und gestern als Fünfter. Woran das liegt? Zum einen kurbeln wir in welligem Terrain auf Asphalt, und das ist nun mal meine Welt. Zum anderen fühle ich mich seit dem Verlassen des Altiplanos endlich wieder wie ein „kompletter“ Mensch. In den ersten beiden Monaten war auf Höhen zwischen 3.000 und 4.000 Metern irgendwie immer irgendetwas nicht so ganz stimmig. Der Magen, der Darm, die Höhe, die Nase, die Beine, der Hintern – stets klagte etwas und ließ mich meine volle Leistung nur selten abrufen. Dass es nun besser läuft und ich das Gefühl habe, Kraft, Ausdauer und Motivation in reichem Maße zur Verfügung habe, liegt neben der angenehmeren Höhe (wir sind gerade auf knapp 1.000 Metern) aber auch am Wetter. Seit dem Salzsee Salar de Uyuni sind wir überwiegend in sonnigen Gefilden unterwegs gewesen, und als hätte ich Sonnenkollektoren auf dem Rücken steht mir plötzlich spürbar mehr Energie zur Verfügung. Und zudem Lust, denn an so manchem Tag, der mit grauem Himmel und bei wohlwollend fünf Grad Außentemperatur begann fehlte mir eben jenes für Wohl und Wehe so entscheidende Attribut, kletterte ich eher unlustvoll auf den Sattel und absolvierte lustlos mein Tagespensum. Da kann ja nix Gutes bei rumkommen!

Mitunter tut die Sonne hier im Norden Argentiniens dann aber auch gleich ein bisschen zu viel des Guten. Am ersten Fahrtag, der uns von Salta nach Quebrada de Humahuaca führte, schlug mein Thermometer im Tacho bis auf 51,7 Grad Celsius aus. So heiß war es 2011 noch nicht einmal im Sudan, und dementsprechend haben wir auf unseren Räder gesessen und geschwitzt. Zumal noch ein heißer Gegenwind hinzukam, der einem förmlich den Schweiß wegtrocknete – um zugleich neuen zu produzieren. 51,7 Grad ist sicherlich keine Temperatur, um auf dem Fahrradsattel zu sitzen. Womit ich zu einem Thema komme, das teamintern seit einiger Zeit heftig diskutiert wird. Seitdem wir in Argentinien sind, hat unsere morgendliche Abfahrtzeit ständig gewechselt. Mal ging es um acht los, mal um halb neun, mal erst um neun, einmal sogar um halb acht. Begründet wurde dies von der Tourleitung mit der Stunde Zeitverschiebung, denn mit dem Übertritt nach Argentinien hatten wir eine Stunde „gewonnen“. Nun sagt jeder erfahrene Radfahrer, dass man bei heißen Temperaturen möglichst früh starten sollte. In Afrika gingen wir 2011 auf der Tour d’Afrique spätestens um 7.30 Uhr auf die Straße, um die kühlen Morgenstunden möglichst effektiv auszunutzen. Erst um 9 zu starten (wie an dem Tag mit den 51,7 Grad) erscheint daher absurd. Gespräche mit der Tourleitung führten nur bedingt zu einem Erfolg, und so starteten wir beispielsweise auch gestern wieder erst um halb neun und damit – nicht nur nach meinem Gefühl – viel zu spät.

51 Grad!

51 Grad!

Es ist nicht das einzige Thema was teamintern diskutiert wird. Ich muss sagen, dass ich mich die ersten zweieinhalb Monate sehr wohl auf The Andes Trail fühlte und dem Veranstalter Bestnoten gab. Seit etwa zwei Wochen aber häufen sich die Kritikpunkte. Neben dem für mich indiskutablen und zwingend notwendigen frühen Start in die Etappe an heißen Tagen sorgt auch die Tatsache, dass unser Tourdirektor gerne mal am Rennen teilnimmt, teamintern für Diskussionsstoff. Mit etwa 30 Stunden Rückstand und immerhin vier Etappensiegen liegt er gegenwärtig auf Position sechs im Ranking. In meinen Augen verbietet es sich für einen Tourdirektor, an dem von ihm selbst organisierten Rennen als Teilnehmer teilzunehmen und sich auch noch Etappensiege gutschreiben zu lassen. Vor allem dann, wenn die eigentlichen Aufgaben dabei zu kurz kommen. So kamen wir an einem Tag auf einer schwierigen Off-Road-Piste zum anvisierten Lunchstopp, ohne dass der Lunchtruck dort auf uns wartete. Niemand wusste Bescheid, und der Tourleiter war mit den Racern im vorderen Feld unterwegs. Später erfuhren wir, dass es einen Unfall gegeben hatte und der Lunchtruck mit dem Verunfallten ins Krankenhaus gefahren war. Da wir keinen „Besenwagen“ („Sweeper“) haben, blieben wir uns komplett selbst überlassen und waren nicht wenig verwundert, als wir am Ende der Etappe erfuhren, dass unser Tourleiter „geract“ war. Die Stimmung im Team ist durch diese Dinge gegenwärtig ein wenig angeschlagen, zumal wir das Gefühl haben, dass Bike Dreams personell ein wenig unterbesetzt ist. Bis zum Salzsee Uyuni de Salar war noch ein zweiter Tourdirektor im Team, der inzwischen aber in die Niederlande zurückgekehrt ist. Und eine Lücke hinterlassen hat, die für alle spürbar ist. Und ärgerlich ist.

Durchs Land der roten Erde

Durchs Land der roten Erde

Zurück zum eigentlichen Thema. Knapp 700 Kilometer haben wir in den letzten sechs Tagen hinter uns gebracht und damit ordentlich Kilometer geschrubbt. Es ging gemächtlich los mit Etappen über 96, 94 und 78 Kilometer, die durch teilweise ausnahmslos schöne Gegenden führten. Rote Erde begleitete uns über viele Kilometer, und wir pedallierten durch Canyons, eigentümliche Felsformationen und bizarre Landschaften, die an die Herzen gingen. In Hualfin residierten wir zudem in einem Bushcamp mit heißen Quellen, die einfach aus den Felsen kamen und äußerst angenehm waren.

Die zweite Hälfte der Woche war dann die der langen Gegraden. Teilweise über viele Kilometer zogen sich die Straßen, die sich schier endlos am Horizont verloren. Zudem hatten wir mit böswilligem Gegenwind zu kämpfen, der über die plane Ebene pfiff und uns insbesondere am vierten Tag das Leben schwer machte. Auch am fünften Tag, der mit 160 Kilometern eine der längsten Etappen der gesamten Tour brachte, beschäftigte uns der Gegenwind. Vielleicht war das einer der Gründe meines Überraschungserfolges in Form von Platz 2, denn ich hatte schon am Vortag bemerkt, dass mir der Gegenwind nicht allzu viel anhaben kann. Mit meinem Rennradlenker bin ich ein bisschen im Vorteil gegenüber den Mountainbikern, aber Gegenwind ist vor allem eine mentale Frage. Und so packte ich mir Musik auf die Ohren und ließ mich von Peter Fox, Ska P, No Respect und Manau durch die Landschaft peitschen, wodurch ich den ständigen Feind (= Gegenwind) ziemlich ignorieren konnte. Wie groß wiederum der Unterschied zu „richtigen“ Rennfahrern ist, war dann aber selbst an meinem persönlichen Triumphtag zu sehen, als Tagessieger James fast eine Stunde vor mir im Camp ankam. James hat allerdings auch den Vorteil eines Aufsatzlenker, der ihm bei windigen Bedingungen sicherlich einen Vorteil von 3 km/h verschafft – er schafft also mit gleicher Kraftanstrengung pro Stunde um die drei Kilometer mehr als wir. Mir war es egal, ich war auch so stolz wie Bolle über den zweiten Platz.

Ein bisschen lag es vielleicht auch an meiner Wut, die ich vom Vortag noch hatte. Da war ich nämlich auf den 122 Kilometern von Santa Maria nach Hualfin auch schon recht flott unterwegs gewesen und hatte mich als Einzelkämpfer durch den Gegenwind gestemmt. Als Achter kam ich am Ziel an – erreichte das Ziel aber dennoch nicht. Grund: an der zum Camp führenden Straße war weder das angekündigte Hinweisschild, noch stand die übliche Zielfahne dort aufgebaut. Und weil ich laut meinem Tacho erst 116 Kilometer gefahren hatte, die Abzweigung aber laut Planung erst bei Kilometer 118 kommen sollte, fuhr ich weiter. Und verlor mich völlig in dem Nichts der nordargentinischen Weite an einem menschenleeren Sonntagnachmittag. Es dauerte rund zehn Kilometer, ehe ich realisierte, dass ich längst am Ziel vorbei sein musste, und weil niemand, wirklich niemand auf der Straße war, kam ich mir im wahrsten Sinne des Wortes “verloren” vor. Irgendwann nach einer halben Stunde kam dann endlich mal ein Mopedfahrer, den ich fragen konnte, doch bis ich das Ziel endlich erreichte, verging eine weitere Stunde. Ein ärgerlicher Vorfall, der mich Zeit und Kraft kostete und mir vor allem das sehr unangenehme Gefühl bescherte, im Nichts verloren zu sein. Gleichzeitig aber auch ein Vorfall, der auf Expeditionen wie The Andes Trail wohl schlicht und einfach passieren kann.

Noch mehr bizarre Felsformationen.

Noch mehr bizarre Felsformationen.

Morgen nun geht es weiter, und erneut stehen sechs Fahrtage in Folge auf dem Plan, ehe wir in Mendoza abermals zwei Pausentage genießen dürfen. Es dürften harte Tage werden, denn die Ruta 40, auf der wir seit Salta kurbeln, ist an diversen Stellen (noch) nicht aspahltiert und bietet stattdessen ein ziemlich unangenehm zu befahrendes Gemisch aus Schotter, Sand und uralten Asphaltbrocken. Einen kleinen Vorgeschmack haben wir letzte Woche schon bekommen, und angeblich sollen sich diese Passagen nächste Woche häufen. Hinzu kommen ordentlich Höhenmeter – das Profil von morgen zeigt an, dass wir auf den ersten 17 Kilometern von knapp über 1.000 Meter auf deutlich über 2.000 Meter klettern müssen – das klingt nach Schinderei. Bei nächster Gelegenheit mehr dazu.

Hasta luego

Ende der asphaltierten Strecke - das droht uns nun wohl häufiger.

Ende der asphaltierten Strecke – das droht uns nun wohl häufiger.

Strecke Tag 4...

Eher langweilige dagegen die Strecke an Tag 4…

Strecke Tag 5...

an Tag 5…

Strecke Tag 6...

und an Tag 6.

Abzweig nach Alemanía.

Abzweig nach Alemanía.

Grabstätte eines verunfallten Rennradfahrers (und Boca-Junior-Fan)

Grabstätte eines verunfallten Rennradfahrers (und Boca-Junior-Fan)

Der argentinische Traum vom Eigenheim...

Der argentinische Traum vom Eigenheim…

Fußball 1: irgendwo unterwegs.

Fußball 1: irgendwo unterwegs.

 

Fußball 2: Achtligaspiel vor übersichtlicher Kulisse in Santa Maria.

Fußball 2: Stadion in Belém.

Fußball 3: Stadion von CA Penarol Belém.

Erkennt Ihr die Unterschiede zwischen Campingleben in Europa und Campingleben in Argentinien?

Erkennt Ihr die Unterschiede zwischen Campingleben in Europa und Campingleben in Argentinien?

Etappenzweiter nach 160 Kilometern!

IMG_1858Ja, ich weiß, Zweiter ist gleichbedeutend mit “erster Verlierer”, aber wenn James “unschlagbar” Hodges mit im Spiel ist, wird Platz zwei irgendwie zu Platz eins nach … James “unschlagbar” Hodges.

5 Stunden 31 Minuten und 42 Sekunden brauchte ich gestern für die 160 Kilometer von Hualfin nach San Blas de los Sauces, was einen Schnitt von 28,86 km/h ergibt. Damit war ich zwar langsamer als der Sieger, aber erwähnter James “unschlagbar” Hodges spielt eben in einer völlig anderen Liga als die meisten von uns. In der spielt allerdings normalerweise auch mein Zimmerkollege Alfred, der diesmal jedoch erst acht Minuten nach mir im Ziel eintrudelte, womit die Silbermedaille an mich ging!

Platz zwei an einem der längsten Tage der gesamten Tour ist ein Erfolg, der mich sehr stolz macht und der am Ende in Ushuaia durchaus mein größter persönlicher Erfolg sein könnte, denn an James “unschlagbar” vorbeizukommen dürfte schwierig werden…

Es war ein Tag, an dem alles passte. Angenehmer Sonnenschein, ein früher Start, eine gute Form und der notwendige Wille. Eigentlich wollte ich nur früh ins Camp kommen und einem möglicherweise aufkommenden Gegenwind entgehen. Erst als ich beim Lunch erfuhr, dass lediglich James und Alfred vor mir sind, erwachte auch der sportliche Ehrgeiz und ich trat ordentlich in die Pedale, um mir die Bronzemedaille zu sichern. Dass es dann sogar Silber wurde, nachdem ich Alfred 20 Kilometer vor dem Ziel eingefangen hatte, umso schöner.

Über all das, was sonst noch passiert ist in den letzten Tagen und auch über ein paar nicht so schöne Sachen im Rahmen der Tourorganisation morgen mehr im ausführlichen Rest-Day-Wochenrückblick.

Euer silbernschimmernder hardy Cyclist

Die fast noch jungfräuliche Eingangsliste...

Die fast noch jungfräuliche Eingangsliste…

Auf dem Weg nach Alemania

IMG_1745Alfred und ich staunten nicht schlecht, als wir gestern auf diesem Schild sahen, wie nahe unsere Heimat Alemania doch von Nordargentinien aus eigentlich ist. Schlappe 21 Kilometer nur noch – dummerweise lag unser Uebernachtungscamp aber davor. Heute habe ich dann kurz mal angehalten in diesem “Alemania”, aber ausser ein paar windschiefen Lehmhaeuschen gab es dort nicht wirklich viel zu sehen. Ich kann also Entwarnung geben: Alemania Argentina kann nicht mit Alemania Alemania konkurrieren!

Ansonsten beschaeftigte uns in den beiden Fahrtagen seit Salta vor allem eins: mucho calor. Gestern praesentierte mir die Temperaturanzeige auf meinem Tacho stolze 51,7 Grad Celsius, womit sogar mein Uraltrekord aus dem Sudan (Februar 2011, 50,4 Grad) gebrochen wurde. 98 Kilometer koennen unter derartigen Umstaenden ganz schon lang werden, zumal uns ein leichter Gegenwind begleitete, der zumindest am spaeteren Vormittag tuechtig aufgeheizt war und die ganze Angelegenheit noch verschaerfte.

Heute war es etwas angenehmer, kletterte das Thermometer nur auf mittlere 40er Grade. Das war umso netter als wir auf 92 Kilometern durch eine mehr als sehenswerte Landschaft kurbelten, die vor allem in geologischer Hinsicht mal wieder alle Facetten bot. Bilder folgen am naechsten Pausentag in vier Tagen in Chilecito!

Hasta luego, Euer hardy cyclist

Camping à la Baustelle

Puh, wie kurz können eigentlich zwei Tage sein? Am Montag kamen wir in Salta an, zwei Pausentage vor der Brust und erfüllt von schönen Vorstellungen und Träumen, wie wir sie verbringen würden. Doch im Grunde genommen lief es von Beginn an anders als erwartete bzw. erhofft. Als ich auf den Camping Municipal in Salta erreichte, blieb mir jedenfalls das Grinsen im Halse stecken, denn ich landete auf einer – Baustelle. Ein gigantisches Freibad bildete dereinst den Mittelpunkt des Campings, doch dass es schon lange kein Wasser mehr gesehen hatte, war deutlich zu erkennen. Überall hatten Patina und Rost ihre Spuren hinterlassen, und weil auch das pompöse Hauptgebäude – in dem früher vermutlich mal ein Hotel gewesen war – dem Verfall preisgegeben worden ist, verströmte die gesamte Anlage den Odor von Verwesung.

Das war nicht unbedingt das, was wir uns für unsere beiden Pausentage erhofft hatten. Doch es kam noch ärger. Kaum hatte ich mein Zelt in einem halbwegs netten Eckchen aufgebaut, brauste ein Doppeldeckerbus heran und spie eine riesige Gruppe fröhlicher Argentinierinnen aus. Schnurstraks waren die Tische zwischen unseren Zelten von ihnen besetzt, dünstete plötzlich überall geröstetes Fleisch, denn die Argentinier LIEBEN BBQ. Mit zunehmend längeren Gesichtern saßen wir – die meisten noch immer in der schweißverklebten Kleidung der Tagesetappe – ungläubig da und fragten uns, wie unter diesen doch sehr öffentlichen Umständen Entspannung finden sollten.

Die grillwütige Busbesatzung verabschiedete sich schließlich so gegen 20 Uhr mit einigen fröhlichen Tänzchen, an denen auch der eine oder andere Bike-Dreams-Radler teilnahm, und wir konnten den Platz ein wenig mit unseren eigenen Befindlichkeiten gestalten. Schließlich stand auch bei uns eine Party auf dem Programm, denn nicht nur, dass uns eine kleine Gruppe sehr liebgewonnener Mitfahrer verließ („Timing!“) – wir hatten BERGFEST! 5.500 Kilometer liegen hinter uns, und auch zeitlich ist ungefähr die Hälfte rum – Grund genug also, selbst die Grillzangen in die Hände zu nehmen. Von nun an ging der Lärm auf dem Camping also von uns aus, und ich habe mir sagen lassen, dass die Kondition bei dem einen oder anderen verdammt hartnäckig war.

Der nächste Morgen brachte die nächste Überraschung. Kaum hatten wir uns den Schlaf aus den Augen gerieben bzw. den Kampf mit den Katern aufgenommen, rollte schweres Gerät auf das Gelände. Und ich meine wirklich schweres Gerät. Ein gigantischer Schaufelbagger, diverse Lastwagen, die aussahen wie Öltransporter und eine … Dampfwalze. Staunend erfuhren wir, dass die geschotterten Wege des Platzes geteert werden sollten. Ratzfatz ging es los, nahmen die Arbeiter ihre Tätigkeiten auf, stank es plötzlich nach frischem Teer, musste man aufpassen, wo man hintrat. Alfred und ich hatten zu dem Zeitpunkt längst die Segel gestrichen und die Flucht in Richtung Salta Centrum angetreten, wo wir in einem süßen kleinen Hostal für kleines Geld ohne frischen Teer oder lärmende Grillgruppen die beiden Pausentage verbrachten.

Camping a la Baustelle

Camping a la Baustelle

Aber sie waren gefüllt von allerlei vor allem organisatorischen Tätigkeiten. Zunächst standen einige Zeitungsberichte an, denn zur „Halbzeit“ will natürlich auch die Heimat informiert werden. Dann machten wir uns mit den Gesetzten des „blauen Marktes“ vertraut, auf dem hier in der Regel Geld getauscht wird. Aus gutem Grunde, denn während der offizielle Kurs für einen Euro bei etwa 10,86 Pesos liegt, bekommt man auf dem „blauen Markt“ 17 Pesos! Argentiniens Geldwirtschaft hat ja in diesem Jahr schon für reichlich Aufregung gesorgt, und die Befürchtung der Einheimischen ist groß, dass ihre Währung endgültig abschmiert. Also decken sie sich mit Dollar und Euros ein, um im Fall der Fälle eine Währungsreserve zu haben. Was bleibt ist ein eigentümliches Gefühl, mitten auf einem belebten Platz und durchaus auch unter den Augen der Polizei Geld zu tauschen und zu hoffen, dass alles, was man da an Papier bekommt, auch echt ist. Bislang hat es jedenfalls funktioniert.

So wie Argentinien ohnehin „funktioniert“ – zumindest hier oben in Salta. Mein erster positiver Eindruck hat sich jedenfalls verfestigt, und auch mein Vegetarierdasein scheint nicht die wirklich große Herausforderung zu sein – heute zum Beispiel bekam ich zum Mittagessen sehr mundige Gemüsecanellonis, und Pizza und Pasta werden an jeder Ecke offeriert. Außerdem gibt es endlich wieder richtigen Kaffee, nachdem wir in Ecuador, Peru und Bolivien eigentlich immer nur Instantbrühe gereicht bekamen. Mit der hiesigen Kaffeehauskultur kann ich mich jedenfalls bestens anfreunden.

Und selbstverständlich mit dem Fußball. Unglaublich, wie viele Menschen auf den Straßen Fußballtrikots tragen! Und in was für einer Vielfalt! Zwar sind Boca Juniors und River Plate überproportional häufig vertreten, doch ich habe in den letzten beiden Tagen bestimmt Trikots von 50 bis 60 verschiedenen Teams gesehen! Erfreulicherweise auch eine Menge der lokalen Heroen von Gimnasia bzw. Juventud, deren Leibchen in den einschlägigen Geschäften im Übrigen zu Sonderpreisen angeboten werden. Support your local football club scheint hier also noch zu funktionieren! In dem überbordenden Angebot an Trikots und anderen Fußballsouvenirs bin ich bislang übrigens ziemlich orientierungslos umhergeirrt – lediglich ein Leibchen von Racing (Buenos Aires), irgendwie immer mein Liebling aus der Ferne (wohl auch durch seine französischen Wurzeln), hat bereits Eingang in meinen Besitz gefunden. Foto folgt ;-)

Ansonsten war der Grenzübertritt nach Argentinien für uns diesmal wirklich ein Sprung in eine andere Welt. Fangen wir mit dem Klima an: in Salta hatte es heute 36 Grad, und selbst spätabends konnte man noch gemütlich auf dem Plaza sitzen und ein kühles Bierchen genießen. Dafür, dass wir vor einer Woche noch ständig im Gewitter gezittert haben ist das ein abrupter Wandel, der aber von den meisten Radelnden begrüßt wird – irgendwie waren/sind wir nach über zwei Monaten im andinen Hochland alle ausgehungert nach Sonne und Wärme. Weiterer großer Wandel: Zum ersten Mal seit fast zwei Monaten (Huanchaco) sind wir wieder deutlich unter 2.000 Metern – Salta liegt auf rund 1.400 Meter. Und was das für ein Unterschied ist, spürt man beispielsweise am Berg, wo plötzlich auf dem Tacho wieder Geschwindigkeiten auftauchen, die auf dem Altiplano gänzlich undenkbar waren.

Das Leben hier verläuft in ziemlich anderen Bahnen als in den drei bislang durchquerten Ländern. Zwar ist das Andine noch spür- und manchmal auch hörbar, der westliche Lebensstil aber dominiert. Es gibt reichlich Privatautos, es gibt gewaltige Supermärkte (in Salta sogar einen riesigen Carrefour, wie ich sie sonst von Frankreich kenne), es gibt die schon angesprochene Kaffeehauskultur. Mag sein, dass das alles dazu beiträgt, dass ich mich bislang sehr wohl fühle, denn irgendwie ist diese trennende Distanz namens „Exotik“, wie wir sie vor allem in Peru und Bolivien, häufig hatten, verschwunden. Die Lebensweisen haben sich angenähert, und das sorgt für größeres Verständnis. Zumindest für eine Weile wird unsere Reise dadurch aber wohl auch einen gewissen exotischen Reiz einbüßen, ehe wir in Patagonien mit Natur und Einsamkeit wieder reichlich verwöhnt werden werden.

Meine Sorgen, dass die Argentinier nicht so offen und freundlich sein würden wie die Bolivianer und Peruaner waren übrigens völlig unbegründet. Nehmen wir nur mal eine Szene von heute Abend: ich war auf dem Weg zurück zum Hotel und wollte mal eine neue Straße ausprobieren. Da hier alles im Schachbrettsystem aufgebaut ist, normalerweise kein Problem. Doch irgendwie geriet ich in eine völlig unvertraute und zudem eher düstere Ecke und fragte daher bei einem Passanten nach, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege sei. Nachdem der freundliche junge Mann mir den Weg erklärt hatte, kam die obligatorische Frage, wo ich den herkomme, und auf die Antwort „Alemania“ kommt dann in der Regel ein „oh, campión del mundo“ mitsamt Lächeln. Ruckzuck waren wir beim WM-Finale und trennten uns erst nach knapp zehn Minuten wieder mit einem freundlichen Händedruck. Eine andere und doch ähnliche Situation hatte ich am Nachmittag im Bus. Einzeltickets gibt es hier nicht. Stattdessen kauft man eine Magnetkarte, die immer wieder aufgeladen wird. Das wusste ich aber nicht, und so stand ich ratlos vor dem Fahrer und wedelte mit meinen 2,50 Peso, die er jedoch nicht annehmen wollte – geht eben nur mit Magnetkarte. Als er mich rausschmeißen wollte, sprang eine junge Frau auf und gab mir ihre Karte. Geld wollte sie nicht, und so habe ich nicht nur gelernt, wie Busfahren in Salta funktioniert, sondern durfte zudem die Hilfsbereitschaft der Menschen genießen. Nicht zuletzt deshalb ist meine zwischenzeitlich leicht verschütt gegangene Neugierde auf Spanisch wiedererwacht, habe ich die Lehrbücher wieder rausgekramt, weil sich erneut eine Lust auf Kommunikation einstellt.

Etwas gewöhnungsbedingt ist die Siesta. Von 1 bis 5 geht hier nichts. Gar nichts! Da hat jeder Laden die Schotten dicht, bleiben einem nur die Touristenneppfallen, um irgendwo einen Kaffee zu bekommen. Ebenfalls herausfordernd: das Leben beginnt eigentlich erst so ab 20 Uhr. Wir aber sind es gewohnt, um spätestens 19 Uhr zu essen und um 21 Uhr in den Federn zu liegen. Gestern war der erste Abend seit meiner Ankunft in Quito, an dem ich nach Mitternacht noch wach war – bin gespannt, wie sich das demnächst so auf die Radfahrkondition auswirken wird.

Und damit zum Radfahren. Da hatte ich ja im Laufe der Woche schon zweimal kurze Wasserstandsmeldungen losgelassen. Vor allem der Tag, an dem – theoretisch – 151 Kilometer bergab fuhren, dürfte unvergessen bleiben. Es begann gut, und nach einer knappen Stunde hatte ich bereits die ersten 40 Kilometer auf der Uhr. Dann jedoch schlug der Wind zu, und weil aus dem Downhill parallel zudem eine mehr oder weniger waagerechte Strecke mit einigen Abwärtspassagen wurde, war es plötzlich knüppelharte Arbeit. Wie verrückt stemmten wir uns gegen die unablässig aus dem Tal hinaufschießende Böen, die bisweilen fast bösartige Ausmaße annahmen. Bei aller Flucherei und Zeterei blieb am Ende jedoch nur der Griff zur Geduld, denn gegen Wind ist nun mal kein anderes Radfahrerkraut gewachsen. Die verbliebenen gut 110 Kilometer stellten freilich wahrlich eine gewaltige Schinderei dar und ließen nichts, aber auch gar nichts von jenem Jubel übrig, der am Morgen bei der Kenntnisnahme des Streckenprofils noch aufgebrandet war.

Im Windkanal verließen wir auch die Tropen

Im Windkanal verließen wir auch die Tropen

Der Tag darauf, es ging von Yala nach Salta, entschädigte. Zwar blies immer noch ein kräftiger Wind, doch wir verabschiedeten uns nach elf Kilometern auf eine Nebenstraße, auf der uns die Böen nur gelegentlich erreichten. Und so konnten wir eine herrliche Landschaft genießen, die zunächst gespickt war von pompösen Fincas, Golfplätzen und Pferdeweiden, ehe sie sich in eine hügelige und waldige Gegend verwandelte, durch die sich eine schmale Straße schlängelte, die wir gemacht war für einen herrlichen Sonntagausflug auf dem Fahrrad. Fast fühlte ich mich in der Provence, mit der warmen Sonne, den Zikaden, dem Piniengeruch und der allgemeinen Trockenheit. Fehlte eigentlich nur noch der Lavendel. Und weil in Argentinien Feiertag war, begegneten wir reichlich anderen Radler – darunter auch erstmals seit Quito wieder „echte“ Rennradler. Nach 120 Kilometern landeten wir dann vor den Toren von Salta und waren beglückt von einem perfekten Tag auf dem Fahrrad.

Heimelige Landschaften zwischen Yala und Salta

Heimelige Landschaften zwischen Yala und Salta

Soweit für heute, demnächst vermutlich wieder mit etwas mehr radsportlichen Ereignissen.

Bis die Tage, Euer hardy cyclist

Lesen irgendwelche Geologie-Experten mit? Jörg Pieper? Was ist das?

Lesen irgendwelche Geologie-Experten mit? Jörg Pieper? Was ist das?

Argentinisches Altiplano

Argentinisches Altiplano

Die Gräber an den Straßenrändern werden nicht weniger. Sie sehen nur anders aus.

Die Gräber an den Straßenrändern werden nicht weniger. Sie sehen nur anders aus.

Entfernungen und Erinnerungen. Leider war unser österreichischer Lunchtruckdriver Walter nicht für ein Foto verfügbar. Hans Krankl

Entfernungen und Erinnerungen. Leider war unser österreichischer Lunchtruckdriver Walter nicht für ein Foto verfügbar. Hans Krankl

Im Windkanal

Sieht lecker aus, das heutige Profil, nicht wahr? 151 km, 421 Höhenmeter, alles asphaltiert, in einem Rutsch hinunter vom Altiplano auf 1.400 Meter – klingt nach einem einfachen und gemütlichen Tag aus. Die Realität aber sah gänzlich anders aus. Nach 40 Kilometer nämlich kam ein brutaler Gegenwind aus dem Tal hinauf geschossen, der uns den gesamten Tag verdarb. Und so verwandelte sich ein “leichter” Tag in einen harten Arbeitstag, stand am Ende trotz 150 Kilometer bergab ein Schnitt von gerade einmal 25,78 km/h. Und ein kühles Quilmes Bier!
Morgen Salta, dort zwei Tage Pause und Update für Euch!
Hasta la vista, euer hardy cyclista

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Nur noch 5.121! Bald da!

IMG_1703Kaum hatten wir heute die Grenze zwischen Bolivien und Argentinien überquert, stand dieses Schild vor uns und erinnerte uns an die Gesamtgrösse unserer kleinen radsportlichen Übung. Ein erhabener Moment, zum ersten Mal so konkret das Ziel “vor Augen” zu haben…
Ansonsten war der Tag ziemlich unspektakulär. 92 Kilometer, wobei wir nach deren 30 zunächst erstmal zurück auf den Altiplano klettern mussten (600 Höhenmeter über 10 Kilometer), ehe wir uns von einem leichten Rücken- bzw. Seitenwind durch eine steppenähnliche und recht langweilige Landschaft bis zur Grenze pusten liessen. Dort knapp anderthalb Stunden Wartezeit, und dann war Land Nummer vier erreicht.
Für mich ein Höhepunkt der besonderen Art. Seit Jahrzehnten will ich schon nach Argentinien, und immer, wenn ich argentinische Fussballfans in action sah, erwachte dieser Wunsch aufs Neue. Zwar habe ich gedacht, wenn ich jemals dorthin komme, dann sicher zuerst nach Buenos Aires, aber La Quiaca ist auch prima (zumal am Ende ja noch BA steht). Und ein erster Spaziergang duch das Grenzörtchen liess mein Herz auch prompt höherschlagen. Das hier ist mein Land! Lateinamerikanisches Lebensgefühl, dazu unübersehbare Erinnerungen an das England der frühen 1980er Jahre sowie eine Lässigkeit, an die ich mich in den nächsten Wochen bestimmt gerne gewöhnen werde.
Argentinien, ich freu mich auf Dich!

Im Rütteltempo durch die Traumlandschaft

Nur fliegen ist schoener: noch ein letztes Bild vom Salar de Uyuni.

Nur fliegen ist schoener: noch ein letztes Bild vom Salar de Uyuni.

Kann man nach nur zwei Fahrtagen schon wieder einen Pausentag nötig haben? Ja, man kann! Satte 3.000 Höhenmeter auf knapp 220 Kilometer liegen hinter uns, uns als sei das noch nicht genug, waren von den 220 Kilometern bestenfalls deren viereinhalb geteert. Statt einer schnurrigen Asphaltstraße stand uns zwischen Uyuni und Tupiza nämlich nur eine überaus rüde Schotterpiste zur Verfügung, die gespickt war von knochenschüttelnden Wellblechpassagen sowie sandigen Abschnitten, die selber unseren Mountainbikern mit den dicken Ballonreifen keine andere Wahl ließen, als ihr Bike zu schieben.

„Dies sind die schlimmsten Abschnitte auf der gesamten Tour“, gestand Bike-Dreams-Organisator Rob heute Morgen beim Frühstück und zählte auf, was die Dauerrüttelpiste alles mit den beiden Begleittrucks angestellt hat, die demzufolge am heutigen Pausentag eine intensive technische Betreuung benötigen.

Die kleinen Rillen auf der Piste bilden Wellblech, ein echter Kochenruettler.

Die kleinen Rillen auf der Piste bilden Wellblech, ein echter Kochenruettler.

Im Gegensatz zu den Trucks waren wir auf unseren schmalen Reifen wohl sogar noch gut dran, denn wir hatten immerhin die Möglichkeit, auf der jeweils „besseren“ Pistenseite zu fahren. Das führte zu einem ständigen Wechselspiel zwischen links, rechts und mitte, wobei uns zu Gute kam, dass die Piste nicht allzu dicht befahren war – freiwillig scheint sich da niemand wirklich drauf zu trauen. Wie belastend vor allem das Wellblech für die Trucks sein muss durfte ich schmerzhaft erfahren, als ich an einem kleinen Downhill hinter einem LKW steckenblieb, der mit bestenfalls 25 km/h bergab schlich, während ich eigentlich hätte schneller sein können, an dem Truck aber nicht vorbei kam, ohne Leib und Leben in Gefahr zu bringen.

Wie schnell auf derlei Pisten etwas Ernsthaftes passieren kann musste mein Mitradler Buck erfahren, dessen Vorderrad im tiefen Sand steckenblieb und der vorneüber über sein Rad flog. Bittere Bilanz: Schulter ausgekugelt, bitterer Schmerz, Radpause bis Mendoza. Dabei hatte Buck noch Glück, dass ihm bei seiner unfreiwilligen Stuntmanshow nicht auch noch die Knochen brachen.
Ansonsten war es eine endlose Schinderei. Quasi vom ersten bis zum letzten Kilometer. Okay, bei mir vielleicht nur bis zum vorletzten Kilometer, an dem ich nämlich einen Platten hatte und entschied, die verbliebenen knapp 1.000 Meter zu Fuß zu gehen. Am ersten Tag ging es über 110 Kilometer von Uyuni nach Atocha fast ausnahmslos entweder auf rüdem Wellblech oder durch tiefen Sand, was mit meinen 47er Reifen hieß, abzusteigen und zu schieben. Ihren buchstäblichen „Höhepunkt“ behielt sich die Piste bis zum Ende vor, als es über sieben Kilometer in selten zuvor erlebten brutal steilen Rampen bergauf ging. In Spitzen erreichte die Piste plötzlich Steigungsraten von 14 Prozent, was auf Asphalt schon eine Quälerei ist, auf „dirt“ aber endgültig zu einer Herausforderung wird. Bei „Spitzengeschwindigkeiten“ von 5 km/h muss fährt man munter Schlangenlinien und muss aufpassen, nicht mitsamt Rad umzukippen.

Das Schild deutet es an: es geht wirklich steil hoch oder runter.

Das Schild deutet es an: es geht wirklich steil hoch oder runter.

Es war ein Vorgeschmack auf den zweiten Tag, der über 110 Kilometern und rund 1.600 Höhenmetern eigentlich ständig hinauf und hinab ging. Und zwar nicht ein nur hoch und runter, sondern wirklich HOCH und RUNTER. Nachdem wir erstmal von 3.600 auf 4.000 Meter geklettert waren, mussten wir insgesamt acht Mal hoch und wieder runter, wobei die Rampen selten unter zehn Prozent ausfielen. Über vier Stunden brauchte ich bis zum Lunch auf Kilometer 50, und anschließend stand die nächste Herausforderung an: ein Downhill von 4.000 auf 3.200 Metern auf einer mit Wellblech gespickten Piste. Schwerstarbeit für die Bremsen und Aufmerksamkeit, denn eine falsche Bewegung und man liegt im Dreck. Trotz dauerbremsen geht das Tempo an einem derart steilen Downhill jedoch mit einem durch, und so sah ich aus den Augenwinkeln teilweise die 50 km/h auf meinem Tacho auftauchen, was mir dann doch durchaus einen gewissen Schauder über den Rücken jagen ließ. Nach sechs Stunden und 45 Minuten kam ich schließlich hundskaputt in Tupiza an und darf mich nun am heutigen Pausentag um meinen platten Reifen kümmern…

Unser Profil für den zweiten Tag

Unser Profil für den zweiten Tag

Landschaftlich hat sich die Schinderei mehr als gelohnt. Abgesehen von den ersten 70 Kilometern, die ziemlich langweilig waren, sind wir durch eine der aufregendsten Gegenden gekurbelt, in denen ich jemals Fahrrad gefahren bin. Zunächst erwartete uns ein gigantischer Canyon, dessen Dimensionen uns den Atem stocken ließ, dann kurbelten wir durch eine extrem aride Region entlang eines tief eingeschnittenen Flusstals ehe mächtige Sandsteingebilde tolle Formationen entstehen ließ. Meine Fahrzeit wurde dadurch allerdings noch weiter ausgedehnt, denn alle naselang musste ich einen Fotostopp einlegen…

Traumlandschaften im südlichen Bolivien.

Traumlandschaften im südlichen Bolivien.

Morgen heißt es Abschied nehmen von Bolivien und irgendwie auch ein bisschen von den „exotischen“ Anden, von dem leicht Chaotischen, von den älteren Damen mit ihren süssen Bowlerhüten, von den schmalen Bodegas bzw. Tiendas, die scheinbar alles anzubieten haben. Mit dem Grenzübertritt nach Argentinien werden sich vermutlich viele Dinge ändern. Das Leben wird teurer werden (und wir werden endlich erfahren, wie das mit dem Dollar-Umtauschkurs „offiziell/blue market“ wirklich aussieht), das Leben wird „geordneter“ werden, das Leben wird wohlhabender werden, unser Nachtleben wird überwiegend auf Campingplätzen stattfinden, statt wie bisher in Hotels bzw. Hostels. Auf letzteres freue ich mich, auf die anderen Dinge bin ich gespannt. Und auch ein bisschen traurig, denn ob die Wärme und Herzlichkeit der Menschen vor allem hier im teilweise sehr arm wirkenden Bolivien auch im entwickelteren Argentinien anzutreffen sein wird wage ich zu bezweifeln. Wir werden es sehen!

Bis die Tage, spätestens in deren vier aus Salta. Die Bilderauswahl ist heute mal ein bisschen geprägt von der Landschaft. Wobei die Bilder nur einen Hauch von dem transportieren, wie die Gegend in Wirklichkeit aussieht.

Der Canyon oeffnet sich.

Der Canyon oeffnet sich.

Eine unglaublich vielfaeltige Farbwelt.

Eine unglaublich vielfaeltige Farbwelt.

Im Flusstal

Im Flusstal

Hoch, immer wieder hoch

Hoch, immer wieder hoch

Manchmal ging es auch runter.

Manchmal ging es auch runter.

Hoch, immer wieder hoch.

Meistens aber hiess es: Hoch, immer wieder hoch.

Was passiert eigentlich mit den Grabstellen, wenn ein Dorf aufgegeben wird? Sie verfallen offenkundig.

Was passiert eigentlich mit den Grabstellen, wenn ein Dorf aufgegeben wird? Sie verfallen offenkundig.

Tiendas gibt es in den kleinsten Doerfern.

Tiendas gibt es in den kleinsten Doerfern.

Entdeckung in einer dieser zauberhaften Tiendas im Hinterland: Alemania rules?

Entdeckung in einer dieser zauberhaften Tiendas im Hinterland: Alemania rules?

Zufallsfund in Oruro ...

Zufallsfund in Oruro …

Nicht ganz so aktuell, aber irgendwie ganz schick: von dem Tag, an dem wir die Death Road gefahren sind.

Nicht ganz so aktuell, aber irgendwie ganz schick: von dem Tag, an dem wir die Death Road gefahren sind.