Bolivianische Neuzugänge!

Hurra, endlich! Nachdem ich im La Paz vergeblich die Straßen hoch- und runtermarschiert bin, brachte mich heute in Oruro der Tip einer Verkäuferin eines Pfannen- und Töpfeladen endlich auf die richtige Spur!

Zugegeben, es gibt sicherlich schönere – allerdings nicht hier in Bolivien. Denn hier gilt: Kitsch rules!

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El Niño: es reicht!

Gestern haben wir wirklich gedacht, die letzten Stunden der Welt haben geschlagen. 136 Kilometer von La Paz nach Lahuachaca standen auf dem Programm, und abgesehen von den Herausforderungen, zunächst rund 400 Höhenmetern auf zehn Kilometer der rappelvollen Stadtautobahn hinauf nach El Alto zu bewältigen und anschließend das pure Verkehrschaos El Alto zu überstehen war die Tagesaufgabe eigentlich ganz übersichtlich.

Eigentlich. Denn nun kommt El Niño ins Spiel. Der schickte nämlich eine Gewitterfront, die sich gewaschen hatte. Knapp 60 Kilometer vor dem Tagesziel tauchte sie plötzlich vor unseren Augen auf und entzündete die gesamte Hochebene mit Blitzen und Donnern. Nur ein klitzekleiner Spalt hatte noch halbwegs hellen Himmel – und in den führte glücklicherweise unsere Straße. Und so rasten wir wie die Wilden über eine im Bau befindliche Überlandstraße, verfolgt von den düstersten Gewitterwolken, die ich seit langem gesehen habe und ließen uns von Blitz und Donner zu weiteren Höchstleistungen antreiben. Und tatsächlich: kaum hatten wir halbwegs trocken und voller Adrenalin unser Bushcamp auf dem Fußballplatz von Lahuachaca erreicht und unsere Zelte aufgestellt, brachen auch schon die Dämme des Himmels und setzten alles unter Wasser. Danach kam ein Sturm, der sich gewaschen hatte und der wohl schon mal ein erster Härtetest für unsere Zelte in Sachen patagonische Winde war. Das Ganze fand statt bei wohlwollend sechs bis acht Grad Celsius, wir froren also wie die Schneider und sehnten uns im Bushcamp vergeblich einer warmen Dusche. Ich muss gestehen, dass gestern der erste Tag seit dem Start in Quito war, an dem ich es wirklich gehasst habe, durch die scheinbar ewige Kälte auf dem Altiplano zu kurbeln, nur um in einem rudimentären Camp anzukommen, über dem die Welt unterging. Den meisten von uns ging es ähnlich.

Heute morgen sah es dann aus, als sei nichts geschehen. Die Sonne strahlte, der Himmel war blau und die Temperaturen kletterten auf für den Altiplano halbwegs angenehme 13 Grad. Zudem puschte uns ein freundlicher Rückenwind die 99 Kilometer bis nach Oruro, wo wir nun der wettertechnischen Entwicklung für Morgen harren. Da die nächsten Tage auf Naturpisten stattfinden, wäre ein Regenpause überaus willkommen. Bitte Daumendrücken!

Die Überlandstraße F01, auf der wir die letzten beiden Tage von La Paz bis Oruro unterwegs waren, ist eine ganz besondere. Zum einen wird sie gerade komplett auf vier Spuren ausgebaut, wobei man das nicht Stück für Stück macht, sondern in einem Rutsch über die gesamte Länge von rund 230 Kilometern. Für uns hieß das, dass wir ungestört auf der jeweils noch nicht freigegebenen Seite pedalieren konnten, während sich der restliche Verkehr auf der anderen herumprügelte. Warum man allerdings 230 Kilometer Straße in einem Rutsch baut, statt das Projekt über Abschnitte anzugehen, entschließt sich meinem Verständnis.

Auf der im Bau befindlichen F01 von La Paz nach Oruro.

Auf der im Bau befindlichen F01 von La Paz nach Oruro.

Und noch etwas ist die F01: eine weitere Death Road. Nirgendwo zuvor habe ich so viele Kreuze am Straßenrand gesehen, wie auf diesen 230 Kilometern zwischen La Paz und Oruro. Manchmal stand alle 50 Meter eins, und pro Kilometer gab es mindestens eine Gedenkstelle für Verkehrsopfer. Da die Straße schnurgerade verläuft, kann der Unfallgrund in den meisten Fällen nur überhöhte Geschwindigkeit bzw. gewagte Überholmanöver lauten – man kann also sagen, dass man in Bolivien den Gewinn von Sekunden bzw. Minuten mit Menschenleben bezahlt.

Ich fand es eine ernüchternde Erfahrung, die ich mit Euch teilen möchte … meine kleine Bilderauswahl des heutigen Tages fällt daher etwas ungewöhnlich aus.

Man beachte das Real-Madrid-Trikot, das über das Kreuz gelegt wurde.

Man beachte das Real-Madrid-Trikot, das über das Kreuz gelegt wurde.

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On the Death Road

Wie hätte es anders sein können? Nachdem The Andes Trail 2014 bereits als die nassteste Tour in die Geschichte eingegangen ist, bekamen wir „natürlich“ auch auf unserem kleinen Death-Road-Ausflug die gesamte klimatische Palette präsentiert, die die Anden zu dieser Zeit aufzubieten haben.

Es begann mit Sonnenschein im auf 3.700 Meter gelegenen La Paz, wurde begleitet von zunehmend dichterer Bewölkung auf dem Weg zum La Cumbre Pass auf 4.650 Meter, auf dem man die Hand vor den Augen nicht erkennen konnte, da er komplett in Wolken getaucht war. Und kaum saßen wir auf unseren Räder, öffnete der Himmel prompt seine Schleusen und übergoss uns mit Wassermassen, wie ich sie auf dem Fahrrad selten erlebt hatte. Trotz vielfacher Schutzkleidung waren wir binnen Minuten komplett durchgeweicht und erwärmten uns ausschließlich am eigenen Zittern, denn auf 4.650 Metern ist es … scheißenkalt. Zwischen die Regentropfen (eher: das Regenbombardement) mischten sich denn auch rasch erste Schneeflocken und übertünchten die umliegenden Hügel mit einem leichten Zuckerguss.
Die elf Kilometer vom Pass bis zum Beginn der eigentlichen Death-Road-Piste in Unduvadi gehörten jedenfalls zum heftigsten, was ich jemals erlebt habe. Während wir – immerhin noch auf Asphalt – mit 50 km/h den Berg runterdonnerten, prügelten die Regentropfen auf uns ein, und bisweilen war es so heftig, dass ich quasi nichts mehr sehen konnte und „blind“ radelte. Glücklicherweise änderte sich das Wetter dann just mit dem Beginn der off-road-Piste, der zugleich den Anfang der Death Road markierte. Der Regen hörte auf, die Wolken wurden dünner und man konnte seine Umgebung zumindest erahnen.

Im dichten Nebel auf der Death Road.

Im dichten Nebel auf der Death Road.

Womit der Spaß beginnen konnte.

Wobei … Spaß? The Death Road hat ihren Namen von den unzähligen Toten, die die Straße über Jahrzehnte gefordert hat. Zwischen 200 und 300 Unfallopfer gab es Jahr für Jahr zu beklagen, ehe die neue Nordroute öffnete und nun erstmals eine „sichere“ Verbindung zwischen La Paz und dem Amazonasgebiet existiert. Bis vor wenigen Jahren verlief der gesamte Bus-, Lastwagen-, PKW- und auch Fahrradverkehr noch über die „Death Road“, ein schmale Naturpiste, die regelrecht an den Berghang geklebt scheint und an einigen Stellen keine drei Meter breit ist, während sie an ihrer linken Seiten (von La Paz kommend) über hunderte von Metern steil hinabstürzt. Immer wieder kam es zu schrecklichen Unfällen, wenn sich zwei Fahrzeuge begegneten und das eine rückwärts setzen musste, um Platz zu machen. Eine falsche Lenkbewegung, und man flog im wahrsten Sinne des Wortes von der Piste. Ich hatte vor Jahren mal eine Reportage über die Straße im Weltspiegel gesehen und war damals gleichermaßen fasziniert wie erschüttert.

Zahlreiche Kreuze markieren jene Stellen, an denen Ungluecke geschahen.

Zahlreiche Kreuze markieren jene Stellen, an denen Unglücke geschahen.

Tja, und nun raste ich auf einem flotten Fully auf eben jener „Todespiste“ hinab und hatte … Spaß. Ein eigentümliches Gefühl, aber auch ein ganz besonderes Gefühl. Über 56 Kilometer ging es auf technisch nicht allzu anspruchsvollem Terrain von 4.650 Meter hinab auf 1.200 Meter nach Yolosa, womit zugleich ein regelrechter Durchflug durch die verschiedenen Klimazonen verbunden war. Dank der sich liftenden Wolken war das auch schön zu erkennen, denn die Landschaft verwandelte sich vor unseren Augen in Minutenschnelle von einer kargen Hochebene in eine wildwüchsige Regenwaldkulisse. Faszinierend!

On the Death Road

On the Death Road

Kurz mal was zu den Umständen. Da die Death Road nicht offizieller Teil von The Andes Trail ist, organisierten einige Mitglieder unserer Reisegruppe den Trip selbst. Es gibt unzählige Firmen in La Paz, die das übernehmen und alles Notwendige stellen: downhillfähige Fahrräder (= Fullys), Bustransfer zum La Cumpre-Pass und (vor allem…) Rücktransport nach La Paz, entsprechende Kleidung und einen Guide, der einem unterwegs die wichtigsten Dinge erklärt und Hilfestellung leistet, wenn nötig. Zum Trip gehörte zudem ein kleines Zip-Line-Abenteuer mit drei Abfahrten über das Amazonastal bei Yolosa, was dem ganzen adrenalingesteuerten Trip noch ein zusätzliches Zuckerhäubchen aufsetzte.
Die Piste ist der Hammer! Anfangs geht es mit rund 6 Prozent bergab, ehe es etwas flacher wird, aber immer noch so steil ist, dass man quasi gar nicht pedalieren muss. Unvorstellbar allerdings die Vorstellung, wie es hier vor einigen Jahren noch aussah, als Busse, Laster und Autos pausenlos hoch- und runterfuhren. Heute sind nur noch die Begleitfahrzeuge der Biketour-Veranstalter und ein paar vereinzelte Autos unterwegs, herrscht weitestgehend Ruhe, muss niemand mehr Angst haben, beim Zurücksetzen über die Kante zu fallen. Das erleichterte es natürlich auch uns, denn wir konnten mit halbwegs gutem Gewissen Geschwindigkeit aufnehmen und mussten „nur“ den Gegenverkehr im Blick haben. Auf der Death Road gilt übrigens das Linksfahrgebot, denn nur dadurch ist es dem bergab fahrenden Verkehr möglich, die vielen engen und blinden Kurven einzusehen. Ach, und eine weitere Regel lautet: der bergauf fahrende Verkehr hat immer Vorfahrt – bei einer Begegnung muss also das bergab fahrende Fahrzeug zurücksetzen.
Immer wieder stoppte unser Guide an besonders gefährlichen Stellen und erzählte die tragischen Geschichten von den zahlreichen Unfällen. Und es brauchte nicht viel Phantasie, um sich die Dramen vorzustellen. Mitunter war die Piste wirklich nur so breit, dass unser Kleinbus gerade mal darauf Platz fand, und die Vorstellung, dass er unter diesen Umständen über viele Meter rückwärts setzen muss (und das womöglich Nachts), verursachte selbst im Nachherein noch Gänsehaut.

Wie angeklebt wirkt die Piste.

Wie angeklebt wirkt die Piste.

Für uns indes war es eine spannende Erfahrung und ein wunderbarer Radausflug mit reichlich Fahrspaß und ordentlich „Thrill“, zu dem dann irgendwie auch dieses vermaledeite Wetter passte. Immer wieder meldete sich der Himmel und schickte weitere Regenfälle, ehe sich die Wolkendecke unten im Tal endlich öffnete und es plötzlich mordsheiß unter unserer Schutzkleidung wurde. Flugs wurden sämtliche Klamotten abgeworfen und die Reise ging in Radhose und T-Shirt weiter – vom Winter- in den Sommerurlaub binnen nur drei Stunden, das dürften nur die Anden schaffen!
In Yolosa wartete eine wohlverdiente Erfrischung sowie der erwähnte zusätzliche Thrill in Form eines dreifachen Zip-Abenteuers über mehrere 100 Meter und mit Geschwindigkeiten von bis zu 85 km/h kreuz und quer durch das Flusstal. Dazu wurden wir zunächst per Bus ein stückweit die Death Road wieder hochgekarrt, kletterten dann zu einer kleinen „Seilstation“ hinauf, wo das erste Seil quer über das Tal gespannt war. Flugs eingeklinkt, ging es in rasantem Tempo hinüber auf die andere Talseite, und ich muss sagen, es ist schon ein nettes Gefühl so fast “frei” durch die Luft zu fliegen. Gleichzeitig jedoch ein völlig anders als bei dem Bungee-Jump, den ich 2011 an den Victoria Falls ausprobierte. Der Thrill des tatsächlich freien Fluges fehlt am Seil, was die ganze Sache irgendwie „gemütlich“ macht. Alles in allem es ein grandioser Abschluss eines denkwürdigen Tages, der allerdings noch die mühsame Rückkehr nach La Paz in petto hatte. Drei Stunden dauerte der Rücktransfer auf 4.650 Meter, wobei die Fahrt über die neugebaute Nordroute ging, die nicht einmal Nuancen der Gefährlichkeit der „Death Road“ aufweist. Ach, und auch der Regen meldete sich nochmal zu Wort. Diesmal in Form eines tropischen Wolkenbruchs am Talboden, der uns eindrucksvoll vorführte, wie kraftvoll der Regen im Regenwald sein kann.

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Bereitmachen zum Abflug

Der heutige Sonntag hielt schon das nächste Abenteuer bereit. Um 11 Uhr war kick-off der Erstligapartie zwischen The Strongest La Paz und Nacional Potosí. Eine kleine Andes-Trail-Delegation füllte zwei Taxen, wobei immerhin ein Teilnehmer dabei war, der noch nie im Leben ein Fußballspiel gesehen hatte und für den Fußball „Soccer“ heißt. Mutig! Die Taxifahrt zum im Süden von La Paz gelegenen Stadion von The Strongest verschlang eine knappe Stunde, was einem die Dimensionen dieser wahnwitzigen und unglaublich hügeligen Stadt erstmal vor Augen führt. Um kurz vor 10 Uhr erreichten wir unser Ziel, hatten also noch genügend Zeit für eine kleine Shoppingtour entlang der diversen Souvenirshops sowie einen „interessanten“ Snack vor dem Anpfiff. Das Stadion präsentierte sich in einer grandiosen Lage. An drei Seiten umgeben von hohen Sandsteingipfeln, in der Ferne die Anden – selten habe ich eine perfektere Kulisse für ein Fußballstadion gesehen!

Ist das nicht eine traumhafte Kulisse?

Ist das nicht eine traumhafte Kulisse?

Gastgeber The Strongest trat in den (noch immer…) schönsten Fußballfarben der Welt auf und empfing mit Nacional Potosí ein Mittelfeldteam, das sich in der ersten Halbzeit mit geschickten Kontern Respekt verschaffte. Erst nach dem Seitenwechsel hatte das ausnahmslos aus Heimfans bestehende Publikum – geschätzt waren es 9.000, wobei viele erst im Laufe der ersten Halbzeit eintrafen – Grund zum Jubeln. Endstand 2:0 für The Strongest. Wir verbrachten die erste Halbzeit auf der Haupttribüne, wechselten aber zur Pause in den Ultrablock von The Strongest und staunten nicht schlecht über den hohen Anteil weiblicher Fans inmitten der „barras brava“. Insgesamt war es vergleichsweise entspannend, und abgesehen von den üblichen Schmährufen wie „mierda“ oder „puta“ herrschte eine fröhliche Atmosphäre. Gesungen wurde im Ultrastil, also 2 x 45 Minuten ohne Pause. Unterstützt von diversen Musikinstrumenten brachten die „Ultras Sur“ u.a. auch diesen großartigen Song der Argentinier von der WM in Brasilien zum Besten, der mir damals schon zum Ohrwurm wurde und der nun wieder in meinen Hirnwindungen herumgeistert.

Der Ultrablock von The Strongest.

Der Ultrablock von The Strongest.

Auch unser Fußballausflug wurde im Übrigen von … Regen überschattet. In der zweiten Halbzeit öffnete der Himmel mal wieder seine Schleusen, und weil ich meine Regenjacke in fehlgeleiteter Voraussicht im Hotel gelassen hatte, stand ich ganz schön dumm da. Aber Südamerikas Kleinhandel weiß rasch zu reagieren! Binnen Minuten tauchten fliegende Händler auf, die für 8 Bolivianos (80 Cent) Plastikregenponchos verkauften. Zwar waren sie für Südamerikaner gemacht, meine langen Arme passten also nur zu ¾ rein, aber immerhin war ich damit vor dem Regen geschützt.

Schwarz und Gelb sind unsre Farben! (mit dem Klubgruender von The Strongest)

Schwarz und Gelb sind unsre Farben! (mit dem versteinerten Klubgründer von The Strongest)

Ab morgen stehen nun sieben Radeltage in Folge an, wobei wir zudem dreimal in Bushcamps nächtigen. Es dürfte also hart und spannend werden. Und interessant, denn nach den ersten vermutlich eher langweiligen Tagen auf dem etwas öden Altiplano erreichen wir den berühmten Salzsee Salar de Uyuni, wo zudem das erste Zeitfahren der Tour ansteht. Hoffen wir nur, dass unsere Regenpechsträhne bis dahin aufhört, denn bei Regen über den Salzsee fahren zu müssen würde sicher kein Vergnügen sein. Ihr werdet von mir hören, wobei die Internetsituation in Bolivien deutlich schlechter ist als in Peru – Wifi/WLan gibt nur selten, und selbst die Internetcafes sind nicht die schnellsten.

Zum Abschluss noch ein paar Worte über die letzten beiden Fahrtage von Copacabana bis nach La Paz. Der erste Tag war ein Traum. Herrliches Wetter, tolle Landschaft, wenige Kilometer (78), welliges Gelände, eine spannende Bootsfahrt über den See. Und am Ende wartete ein grandioses Hotel direkt am Titicacasee, wo die herrliche Sonne zur Entspannung einlud. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Der darauffolgende fiel deutlich anders aus. Nachdem wir dem Titicacasee den Rücken zugekehrt hatten, pedalierten wir auf eine Reihe schneebedeckter 5.000er zu und mussten uns auf dem Altiplano mal wieder mit dem rüden Verkehr streiten. Rund 30 Kilometer vor dem eigentlichen La Paz begannen dann bereits die Ausläufer der Millionenstadt, und wie das in Südamerika so ist, wohnen dort vor allem die Ärmsten der Armen. Das heißt: triste Hütten, im Bau befindliche Gebäude und überall Müll, während stinkende LKW und Busse, Tausende von Minibusse sowie Hunde, Ziegen, Kühe die Straßen verstopfen. Mit anderen Worten: Chaos. Mittendrin: wir auf unseren schmalen Reifen.

Alltag in El Alto.

Alltag in El Alto.

Der Höhepunkt dann das berühmt-berüchtigte El Alto, auf 4.100 Metern oberhalb von La Paz gelegen und eine unaufhaltsam wachsende Großstadt mit überwiegend ärmeren Einwohnerschichten. Ohne GPS-System am Rad verfuhren Alfred und ich uns prompt in den tosenden Gassen, und erst als wir fast einen Kilometer gegen eine Einbahnstraße gearbeitet hatten (und vor allem gegen den mir entgegenkommenden Verkehr…) fanden wir die nach La Paz hinunterführende Stadtautobahn. Die ging dann über rund zehn Kilometer steil hinab und war gefüllt von tosendem Verkehr – mal wieder ein echtes „Erlebnis“ auf dem Fahrrad. Immerhin trafen wir unterwegs ein paar Mitfahrer, die über ein GPS-System verfügten, so dass wir uns die lästige Hotelsucherei im La Paz‘er Zentrum ersparen konnten und rasch am Ziel unserer Wünsche ankamen.
La Paz? Was für eine Stadt! Es geht entweder hoch oder runter, und beides ist steil. Es wuselt an allen Ecken und Enden, und auf den Märkten gibt es alles (alles!) zu kaufen. Falls also jemand ein Pülverchen für irgendwelche Wehwehchen benötigt, sich ein Voodopüppchen für die Ausschaltung eines ungeliebten Gegners wünscht oder für einen Llama-Fötus Verwendung hat – nur Bescheid sagen, ich bring alles mit. :-)
In diesem Sinne, genießt die Fotos und bis die Tage!

Etwas Anschubhilfe...

Etwas Anschubhilfe…

Etwas Anschubhilfe...

… und ab geht die Post

Reichhaltiges Angebot in den (immer noch...= schoensten Farben der Welt.

Reichhaltiges Angebot in den (immer noch…) schönsten Farben der Welt.

Faehre ueber den Titicacasee.

Fähre über den Titicacasee.

Bei strahlendem Sonnenschein (und trotzdem nur 15 Grad) entlang des Titicacasees.

Bei strahlendem Sonnenschein (und trotzdem nur 15 Grad) entlang des Titicacasees.

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Liebe und Bücher, zwei der wichtigsten Dinge im Leben. Gefunden an einem Restaurant im Amazonasgebiet.

Wo es solche Buchlaeden gibt, gibt es auch Hoffnung!

Wo es solche Buchläden gibt, gibt es auch Hoffnung!

 

Death road – oder: die Stadt des Friedens

Nach zwei vergleichsweise gemütlichen Radeltagen angekommen im Zentrum des Wahnsinns, auch La Paz (“der Frieden”) genannt. Kurzer Gang durch das mehr als quirlige Stadtzentrum sehr vielversprechend!
Morgen “death road”, am Sonntag frühmorgens um 11 dann The Strongest vs. Nacional Potosí.
Danach gibt es ausführlichen Update an dieser Stelle.

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Copacabana? Copacabana!

Könnt Ihr Euch ein Körperteil vorstellen, das einem Radfahrer nach 536 Kilometern in vier Tagen wehtun kann, obwohl man es NICHT zum Radfahren benötigt?

Es ist der Mittelfinger der linken Hand! Der ist bei diesem unfassbar brutal-chaotischen Verkehr auf dem Altiplano nahezu im Dauereinsatz, um zumindest der Seele ein Stückweit Befriedigung zu verschaffen, wenn man ihn mit wütend-grimmigem Gesicht jenen Harakirifahrern entgegenstreckt, die uns Radler hier regelrecht aufs Korn nehmen. Gestern riss ein Minibusfahrer einen Mitradler mit seinem Seitenspiegel sogar vom Rad, und das kleine Peloton, in dem ich zur selben Zeit kurbelte, war gleich zweimal Ziel von wütenden Autoattacken, als die Fahrer wirklich Millimeter vor der Gruppe einscherten. Ein Wunder, dass dabei nichts ernsthaftes passierte, und zugleich eine offenkundige Provokation, denn für einige Fahrer sind wir offensichtlich nichts anderes als ein das eigene Tempo hemmendes Ärgernis, das schlicht und einfach nichts auf der Straße zu suchen hat.

Am Schlimmsten sind die Bus- und Minibusfahrer. Die überholen wirklich ohne Rücksicht auf Verluste. Entgegenkommender Verkehr interessiert nicht, und wenn er dann auch noch als Radfahrer daherkommt schon gar nicht. Also muss der wütende Stinkefinger Akkordschichten ableisten, auch wenn es sich dabei natürlich um eine rein symbolische Aktion handelt, die rein gar nichts bewirkt. Meistens wird sie von den Harakirifahrern dementsprechend auch mit stoischem Gesichtsausdruck und ohne jegliche Reaktion ignoriert…

Das Körperteil, das mir nach dem 536-Kilometer-Marathon jedoch am meisten wehtun ist der Hintern. 121, 159, 111 und 145 Kilometer lauteten die Tagesaufgaben seit unserer Abreise in Cusco am Samstag. Das hieß insgesamt knapp 23 Stunden im Sattel, wobei ich mit nem gutem 24er Schnitt noch zu den Schnelleren gehörte. Und weil die Route mit Ausnahme des ersten Tages, als wir mit dem Abra La Raya einen 4.338-Meter-Pass zu überwinden hatten, der uns auf das Altiplano brachte, weitestgehend flach bis leicht wellig verlief, war überwiegend stoisches im Sattelsitzen angesagt. Das strapaziert die Sitzknochen, und auch die Haut jammert, obwohl sie jeden Morgen brav mit Melkfett eingeschmiert wird.

Am Abra la Raya gab es endlich mal ein Passschild!

Am Abra la Raya gab es endlich mal ein Passschild!

Mit dem Erreichen des Altiplano war also schlagartig Schluss mit der mühsamen Kletterei, die uns rund sieben Wochen lang nahezu täglich beschäftigt hatte. Plötzlich wies das Profil nur noch einen mehr oder weniger flachen Strich auf, ging es auf einer schnurgeraden Straße über zig Kilometer stur geradeaus. Ein abrupter Wechsel, der erst einmal verdaut werden musste. Zumal es phasenweise ganz schön langweilig war. Auf knapp 4.000 Metern Höhe ist es eben selbst in den Anden schwierig, „normales“ Leben zu betreiben. So sahen wir zu beiden Seiten der Strecke zumeist gelbgrüne Steppe, wurde nur gelegentlich ein wenig Landwirtschaft betrieben (wenn, dann per Hand), grasten kleine Kuh-, Schaf- und Lamaherden auf den kargen Flächen. Hier und dort ein paar einzelne Häuser oder kleine Höfe, zumeist aus einfachem Lehmstein gefertigt, bzw. kleine Ortschaften mit einer sehr überschaubaren Infrastruktur. Dass das Leben hart sein muss auf dem Altiplano belegten die wettergegerbten Gesichter der Einheimischen, die aber trotz ihrer harten körperlichen Arbeit fröhlich winken, wenn wir vorbeiradelten.

Auf dem Altiplano.

Auf dem Altiplano.

Harte Arbeit. Es mögen nur 3.511 Höhenmeter gewesen sein, die wir in vier Tagen überwunden haben, doch die Etappen hatten es dennoch in sich. Zum einen kurbelten wir mit Ausnahme der ersten 40 Kilometer ausnahmslos auf 3.900 bis 4.000 Metern, und das ist eine Höhe, auf der man selbst nach sieben Wochen Akklimatisation noch tüchtig schnauft und mitunter auch leichte Schwindelgefühle bekommt, wenn die Kraftübertragung anstrengend wird. Nach vier Tagen Altiplano kann ich daher verkünden, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man nun 160 Kilometer im Flachen auf 100 bis 200 Höhenmetern kurbelt oder dieselbe Distanz in einer Höhe von fast 4.000 Metern überwinden muss.

Hinzu kamen die inzwischen ja schon üblichen Wetterkapriolen. Cusco verabschiedete uns am Samstag mit Sonnenschein, den wir auch am Abend im Bushcamp genossen. Tags darauf hing es los. Start bei warmen Sonnenschein, doch auf dem Altiplano hockte eine grimmige Wolkenfront, die die Temperatur spür bar sinken ließ. Abends im Bushcamp donnerten dann gleich zweimal kräftige Gewitter über uns nieder, setzen u.a. zwei Zelte unter Wasser und kühlten die Außentemperaturen brutal ab. Am nächsten Morgen hatte der die halbe Nacht anhaltende Regen zwar glücklicherweise aufgehört, doch es war empfindlich kalt, und so starteten wir mit Pudelmützen, Handschuhen und langen Winterhosen in den dritten Tag. Der brachte uns nach Puno an den Titicacasee, wo am Abend abermals Gewitter niedergingen – diesmal waren wir immerhin in einem Hotel. Tag vier begann erneut mit Sonnenschein, der jedoch von einem bitterkalten Seewind vom Titicacasee heruntergekühlt wurde. Nun genießen wir einen Pausentag im bolivianischen Seebad Copacabana, das sich hinter grauen Wolken und frischen Temperaturen versteckt.

Es ist eben eine Tour der Extreme.

Copacabana erreicht!

Copacabana erreicht!

Mit Bolivien haben wir nunmehr das dritte Land auf unserer Andentour erreicht. Es gilt als das armste, und der erste Eindruck bestätigt das. Freilich sind wir in einer weiteren „Gringo-Hochburg“, die ihr Dasein ganz dem Tourismus gewidmet hat. Copacabana liegt wunderschön am Titicacasee und verfügt über eine sehr westlich orientierte Infrastruktur, die mir am gestrigen Abend eine wohlschmeckende Pizza verschaffte, was erheblich half, die geplünderten Energiedepots im Körper wieder etwas zu füllen. Copacabana ist zudem ein weiterer Ort mit reichhaltiger Inka-Tradition. Mit der Isla del Sol bzw. der Isla de la Lune liegen die mystischen Geburtsstätten von Sonnengott Inti bzw. jener Ort, von dem aus Inka-Führer Viracocha einst dem Mond befahl, sich am Firmament zu erheben, vor unserer Nase. Leider reicht die Zeit nicht zu einem Besuch, der einen knappen Tag dauert – und wir müssen morgen früh schon wieder auf die Räder klettern.

Es ist der alte Konflikt aus einem übersichtlichen Zeitfenster, dem Bedürfnis (der Notwendigkeit) nach Erholung, den anstehenden Aufgaben (Radpflege etc.) und touristischer Neugierde, der einmal mehr zum Ausbruch kommt. Immerhin gelang es uns vorgestern, von Puno aus die „schwimmenden Inseln“ auf dem Titicacasee zu besuchen – allerdings auch nur, weil wir frühmorgens um viertel vor Sechs aufstanden, damit wir früh genug im Ziel ankamen, um Zeit genug für den Ausflug zu haben. Immer wieder taucht insofern die Frage in unserer Reisegruppe auf, was wir hier eigentlich machen. Irgendetwas zwischen einem Radrennen, einer Radexkursion, einem Selbsterfahrungstrip und einer touristischen Radreise ist es wohl, wobei angesichts der täglichen körperlichen Belastungen das Thema „Rad“ deutlich im Vordergrund steht. Man spürt das vor allem dann, wenn wir in Orte wie Copacabana kommen, wo sehr viele „Gringos“ unterwegs sind, die das normale touristische Programm abspulen. Niemand von uns will zwar mit ihnen tauschen, aber für Momente sind wir dann schon auch mal neidisch. Wie die Touristen übrigens auf uns, denn immer wieder bekommen wir bewundernde Kommentare, werden unser Mut und unser Freiheitsdrang gelobt, Fotos von unserer bunten Reisegruppe geschossen.

Die Polizei in Peru war stets um unser Wohl besorgt.

Die Polizei in Peru war stets um unser Wohl besorgt.

Wie schmal der Grat zwischen Vergnügen und „Katastrophe“ ist, zeigte sich diese Woche gleich an zwei Beispielen. Ein gerade erst eingetroffenes neues Teammitglied aus Holland stürzte bei der Ausfahrt aus Cusco so schwer, dass er die Tour abbrechen muss. Er war hinter einem Auto, als sich plötzlich ein Loch in der Asphaltdecke auftat und er in hohem Bogen über den Lenker flog. Bilanz: der gesamte Oberkörper voller Schürfwunden, vier Rippen gebrochen, Schluss mit Fahrradfahren. Dabei war er gerade erst nach Cusco geflogen und wollte eigentlich bis Salta mitfahren. Nun war sein Traum nach kaum 40 Kilometer vorzeitig beendet. Der zweite Vorfall ereignete sich am zweiten Tag auf der Abfahrt vom Abra La Raya, als sich zwei Fahrer bei einem Bahnübergang ins Gehege kamen und stürzten. Knieprobleme, Schürfwunden – für einen der beiden verliefen die beiden darauffolgenden Etappen auf dem Truck.

Ich selber bin bislang ohne Sturz davongekommen, doch die körperliche Belastung ist – in Verbindung mit dem Wetter und der Höhe – weiterhin sehr hoch. Gestern schwanden mir auf den letzten 40 Kilometer, die im brutalen Gegenwind lagen, zunehmend die Kräfte und ich sehnte mich nur nach Ankommen. Glücklicherweise traf ich in einem kleinen Örtchen entlang der Strecke auf ein rauschendes Dorffest, das zum Anhalten einlud und wahrlich einen Besuch wert war. Alle waren in traditionellen Trachten gekleidet und tanzten tranceähnlich auf einer fußballplatzähnlichen Fläche. Das Bier floss mehr als reichlich, und es dauerte auch nicht lange, da waren wir Radler in das Tanzen und Singen involviert. Und wenn wir nicht noch gut 25 Kilometer und einen Grenzübergang vor uns gehabt hätten, wäre wohl auch das Bier durch unsere Kehlen geflossen. So beließen wir es beim Tanzen und Fotografieren, kletterten wir herzerfroht nach einer Weile zurück auf unsere Räder und stemmten uns abermals in den Gegenwind.

Herrliche Ablenkung vom ekeligen Gegenwind - das Dorffest von Yunguo.

Herrliche Ablenkung vom ekeligen Gegenwind – das Dorffest von Yunguo.

Tanzen um Bierkisten...

Tanzen um Bierkisten…

In zwei Tagen erreichen wir mit La Paz die höchste Hauptstadt der Welt (ja, ich weiß: Sucre, aber…). Dort steht dann endlich auch mal wieder Fußball auf dem Programm. Am Sonntag um eins duellieren sich The Strongest La Paz und Nacional Potosí, was ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Perfekt, dass es mit The Strongest ausgerechnet jenes Team ist, dessen Slogan „Si no lo sientes, no lo entiendes“ („Wenn du es nicht spürst, kannst Du es nicht fühlen“) ich für meine Tour ausgeguckt habe. Tags zuvor steht noch ein weiteres Highlight an, wenn wir uns auf den Weg über die sogenannte „Todespiste“ machen (North Yungas Road). Über 61 Kilometer (andere Quellen sagen 69 bzw. 92) geht es von 4.650 Meter hinunter auf 1.200 Meter geht. Am Start mag es schneien, im Tal lockt Regenwald mit schwüler Hitze. Es war über lang Zeit die einzige Verbindung zwischen La Paz und dem Amazonasgebiet und berühmt-berüchtigt für die zahlreichen schrecklichen Unfällen. Weil die Piste kaum drei Meter breit ist, kam es bei Überholmanövern immer wieder zu Abstürzen. Ich bin jedenfalls gespannt!

Abschließend noch einmal ein paar Worte zum Rennen innerhalb von The Andes Trail. Das hat sich inzwischen auf eine sehr übersichtliche Zahl von Teilnehmern reduziert. Ich schätze, dass bestenfalls noch sechs Teilnehmer ernsthaft „racen“. Ich selber zähle bekanntlich nicht dazu, und ich habe auch keinerlei Ahnung, wo ich im Ranking versteckt bin. Zwischenzeitlich hatte ich nämlich zudem erfahren, dass ich an einem Tag, an dem ich nicht fahre, IMMER 12 Stunden Zeitstrafe bekomme – also auch an Nicht-Renntagen, an denen die Zeit der anderen Fahrer gar nicht festgehalten wird. Da fällt man dann rasch völlig aussichtslos zurück. Für die meisten von uns ist es aber ohnehin eine alberne Erbsenzählerei, die keinerlei Bedeutung hat. Also: spart Euch den Blick auf die Rankingliste und erfreut Euch lieber an den Bildern, von denen hier wieder einige kommen.

 

Bis Salta heißt es nun "zwei Hardys on tour"!

Bis Salta heißt es nun “zwei Hardys on tour”!

Immer noch im Meerschweinchenland

Immer noch im Meerschweinchenland

So sieht in Südamerika eine Landesgrenze aus - hier die zwischen Peru und Bolivien

So sieht in Südamerika eine Landesgrenze aus – hier die zwischen Peru und Bolivien

Harte Feldarbeit auf dem Altiplano.

Harte Feldarbeit auf dem Altiplano.

Harte Arbeit, auch wenn es zerbrechliche Ware ist.

Harte Arbeit, auch wenn es zerbrechliche Ware ist.

Auf den "schwimmenden Inseln"

Auf den “schwimmenden Inseln”

Bewohner der "schwimmenden Inseln"

Bewohner der “schwimmenden Inseln”

„Rasen nicht, sei vorsichtig, Deine Familie erhofft es“ – eine Warnung, die für den Fahrer des Kreuzes im Vordergrund zu spät kam.

„Rase nicht, sei vorsichtig, Deine Familie erhofft es so“ – eine Warnung, die für den Fahrer des Kreuzes im Vordergrund zu spät kam.

Traumlage am Titicacasee - das Stadion von Pomata.

Traumlage am Titicacasee – das Stadion von Pomata.

 

 

Wo sind die Berge hin?

Da fährt man wochenlang jeden Tag die Berge hoch und runter – und dann gab es heute morgen dieses Profil…

Wir haben das Altiplano erreicht und es ist flach, teilweise brettflach. Das heißt aber noch lange nicht, dass es auch ‘leicht’ ist. Gestern Abend zum Beispiel ließ ein gewittriger Himmel über unserem Bushcamp die Welt untergehen und schickte uns alle um kurz nach 6 vor Kälte bibbernd in die Schlafsäcke. Und heute morgen hatte es unter bedecktem Himmel auf 3.900 Meter keine sieben Grad, mussten Handschuhe und Pudelmütze her.

Jetzt gleich gehts zum touristischen Ausflug von Puno auf die ‘schwimmenden Inseln’, ehe wir morgen die Grenze nach Bolivien überqueren und in 144 Kilometern Copacabana erreichen, wo überrmorgen ein Ruhetag ansteht.

Bis denn, euer frierender Hardy cyclist

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Ausflug in die Komfortzone

Wie viele Welten gibt es wohl? Wochenlang sind wir hier in Peru durch hinterwäldlerische Gegenden gekurbelt, haben uns in mikrokleinen Bodegas versorgt und die Essgewohnheiten der Einheimischen genossen. Hier in Cusco ist alles anders. McDonalds, KFC, Starbucks – alles, was das (westliche) Herz begehrt steht auch zur Verfügung. Allerdings zu Preisen, die mit denen der hinterwäldlerischen Bodeogas nur im Ansatz kompatibel sind. Gestern beispielsweise sah ich am Kiosk bei Machu Picchu ein 0,33-Fläschen Erdinger Weißbier für den durchaus stolzen Preis von 10,26 US-Dollar. Ich habe es dagelassen. Das mit den US-Dollar ist übrigens kein Schreibfehler. Hier regiert das grüne Papier, ist der Nuevo Soles Perus nur noch „Zweitwährung“. Immerhin, man darf noch damit bezahlen. Auch für ein kleines Bier zu zehn Dollar.

Cusco

Cusco

Es ist den Peruanern sicherlich nicht zum Vorwurf zu machen, dass sie die Touristenfluten im Großraum Cusco zu ihren Gunsten ausnutzen – wobei ich allerdings gerne wüsste, ob das Geld denn auch wirklich bei den Peruanern bleibt und nicht – wie in Afrika – in irgendwelchen global agierenden Großunternehmen verschwindet. Apotheken beispielsweise befinden sich in Peru vielfach in chilenischen Händen, deren Einnahmen gehen also bereits in ausländische Hände. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige durchaus dreiste Versuche der Einheimischen, den Touristenstrom auch wirklich auszusaugen. In Aguas Calientes, einem Örtchen, das eigentlich nur existiert, um die Besucher von Machu Picchu zu beherbergen und zu verköstigen (es ist das Ende der Bahnstrecke von Cusco/Ollantaytambo nach Machu Picchu), schlägt man im Restaurant am Ende einfach noch mal 25 Prozent auf die Rechnung und deklariert das als „service fee“. Wir haben jedenfalls ganz schön gestaunt, als man plötzlich diese bislang völlig unbekannte „Serviergebühr“ von uns verlangte und verweigerten hartnäckig die Auszahlung. Nach einer kleinen Diskussion und der mit einer leichten Drohung unterlegten Übermittlung der Information, dass wir bereits seit über sechs Wochen mit dem Fahrrad in Peru unterwegs sind und wissen, „wie der Hase hier läuft“, verschwand die „service fee“ dann auch wundersamerweise plötzlich wieder von der Aufrechnung – begleitet von einem augenzwinkernden Lächeln der Bedienung.

Cusco. Machu Picchu. Radabenteurer werden zu Touristen. Verhalten sich wie Touristen, werden ausgenommen wie Touristen. Und genießen das Touristensein. Und drei radelfreie Tage. Tut gut. Dem Hintern. Den Beinen. Der Seele. Raus aus dem Rhythmus „schlafen – essen – radeln“. Rein in „flanieren und staunen, genießen und erholen“. Drei Tage innerhalb der Komfortzone, bevor es zurück geht „jenseits der Komfortzone“.

Und was macht der steigungsgeplagte Radabenteuer an solch freien Tagen? Er klettert auf Berge! Verrückt, oder? Und nicht etwa irgendwelche Hügel. Nein, es musste schon der Wayna Picchu sein, jener so schroff in den Himmel ragende Gipfel, der auf jedem Foto von Machu Picchu im Hintergrund zu sehen ist. 250 Höhenmeter galt es zu überwinden, wobei der schmale Pfad aus 500 Jahre zurückliegenden Inkatagen der Topografie in ihrer ursprünglichen Form folgte und sich mitunter wahrlich schwindelerregend steil den Felsen hinaufschlängelte. Teilweise ging es fast senkrecht auf schmalen Stufen – und natürlich ungesichert – in den Himmel, mussten wir eine enge Höhle durchqueren und über wackelige Holzleitern unseren Weg finden. Aufstieg und Ausblick entschädigten jedoch für alle Anstrengungen, denn am Ende lag das morgendliche Machu Picchu zu unseren Füßen, und das sah wirklich richtig gut aus!

Dem Himmel ganz nah - unten rechts Machu Picchu (links die dort hinaufführenden Serpentinen).

Dem Himmel ganz nah: auf dem Wayna Picchu. Unten rechts Machu Picchu (links die dort hinaufführenden Serpentinen).

Schwierige Besteigung des Wayhna Picchu

Schwierige Besteigung des Wayna Picchu (und eine gute Gelegenheit, meinen amerikanischen Radelpartner Buck mal im Bild vorzuführen!)

Ich will Euch nun nicht mit irgendwelchen historischen Ergüssen oder touristischen Erbauungen über die alte Inkastätte langweilen. Wer sich dafür interessiert, war sicherlich schon da oder plant einen Ausflug dorthin für die Zukunft. Ich will mich auf ein paar Eindrücke und Reflektionen beschränken. Ich kam ohne jegliche Erwartungen und ohne größeres Hintergrundwissen nach Machu Picchu und im Grunde genommen in dem Gefühl, den Ort einfach „mitnehmen“ zu “müssen”, wenn ich schon mal hier bin. Ich ging als jemand, der erfüllt war von frischem Wissen und berührt von einem wahrlich eindrucksvollen Ort. Sicher, es sind unglaublich viele Touristen da, es wird geneppt ohne Ende (siehe der eingangs erwähnte Bierpreis), es wird herdenartig übers Gelände marschiert. Aber mit einem guten Guide – und wir hatten einen! – erwachen die Steine zum Leben, wird plötzlich sichtbar, was dort einst los war und was für eine Funktion der Komplex hatte. Und es wird deutlich, was für eine hohe Kunst des Trockenmauerbaus die Inkas beherrschten. Grade Linien, mühsam mit Sand glattgeschliffene Granitflächen, passgenaue Steinbrocken – es muss eine Mordsarbeit gewesen sein, das alles so herzurichten! Natürlich, geschuftet wurde vom „normalen“ Volk, während es sich die “schlauen” Inkas gut gehen ließen und Machu Picchu entweder als Sommerresidenz oder als Lernakademie nutzen (so richtig sicher wissen tut man das nicht). Das übliche Machtsystem also auch hier, wobei die Macht der Inkas interessanterweise aus dem reichlichen Wissen (v.a. astrologisch) rührte, dass ihnen gegenüber dem “normalen” Volk einen gewaltigen Vorsprung verschaffte. Trotzdem kommt man nicht umhin, beeindruckt vor den Leistungen zu stehen und sie zu bewundern.

Der Aufstieg zum Wayhna Picchu war schweiztreibend weil anstrengend - der Abstieg schweißtreibend weil "furchtvoll".

Der Aufstieg zum Wayna Picchu war schweißtreibend weil anstrengend – der Abstieg schweißtreibend weil “furchtvoll”.

Genug geschwafelt, ihr wollt doch was ganz anderes von mir hören, nicht wahr? Nun, die beiden Tage auf dem Truck haben sehr gut getan. Der Körper hat sich erholt, und der Geist scheint wieder frei zu sein. Am Dienstag auf das Fahrrad zurückzuklettern tat gut und fühlte sich gut an. Obwohl zunächst ein 25-Kilometer-Anstieg von etwas über 1.000 Höhenmetern im Weg stand, ehe wir auf einer Hochebene ordentlich Tempo aufnehmen konnten. Dass ich den Anstieg gut hinter mich brachte, habe ich aber auch einigen guten Freunden zu verdanken. Zum ersten Mal hatte ich nämlich den MP3-Player im Gepäck und ließ mich damit am Berg von meinem eigenen Keuchen ablenken. Johnny Cashs grandioses Album „At Folsom Prisom“ gab den Startschuss, Golden Earring Doppel-Live-CD lieferte die Power für den zweiten Teil der Kletterei. Eine tolle Erfahrung, die ich garantiert wiederholen werde. Zugleich ein weiterer Beleg, welch enorme Rolle die Psyche beim Radfahren spielt, denn das Kurbeln fiel gefühlt deutlich leichter. Weil der Geist abgelenkt war?

Wahlwerbung allerorten - auf dem Weg nach Cusco.

Wahlwerbung allerorten – auf dem Weg nach Cusco.

Dass ich danach das Fähnchen vom Lunchstop bei Kilometer 33 übersah, ist eine andere Geschichte. Als ich es realisierte, hatte ich bereits 43 Kilometer hinter mir, und weil nur 78 auf dem Tageszettel standen, fuhr ich einfach weiter und erreichte nach knapp vier Stunden die Außengrenzen von Cusco. Eine Stadt mit zwei Gesichtern. Auf dem Weg ins Zentrum die üblichen Lehm- und Blechhütten, jede Menge ölverseuchte und keuchende Autoreparaturstätten sowie die übliche peruanische Unsitte, seinen Müll einfach vor den Stadtgrenzen in die Natur zu kippen. Innerhalb des historischen Stadtzentrums dann ein Sprung ins Mittelalter. Straßen mit uraltem Kopfsteinpflaster, mit dem Fahrrad kaum zu befahren, weil sie ruppiger sind als jede off-road-Piste. Touristen aller Couleur, ein kulinarisches Angebot, wie ich es seit Quito nicht mehr gesehen habe und sogar verkehrsberuhigte Straßen. Eine charaktervolle Stadt, die selbst die vielen Besucher aus dem Ausland mit stoischer Gelassenheit und intaktem Stolz über sich ergehen lässt. Und die uns mit ihren den Besucherströmen angepassten kulinarischen Verlockungen frohlocken lässt. Während ich dies schreibe, sitze ich in der herrlichen Pastelería y Café PANAM und genieße Café con Leche sowie ausgesprochen schmackhafte süße Köstlichkeiten. Für das Mittagessen habe ich bereits ein Restaurant ausgeguckt, das vegetarische (Soya-)Hamburger anbietet und für das Abendessen ist mir auch nicht bange. Schade nur, dass wir morgen weiterradeln und das „Paradies“ damit verlassen müssen.

In vier Tage werden wir Peru verlassen und in Bolivien einreisen. Dort wartet der nächste Ruhetag am Lake Titicaca, wo mit den schwimmenden Inseln schon die nächste Touristenattraktion lockt. Dann zwei weitere Tage und wir sind in La Paz, wo ich dann (hoffentlich) auch in Sachen Fußball mal wieder Neuigkeiten berichten kann, denn wir werden über das Wochenende dort sein. Meine Hoffnungen heute Abend hier in Cusco ein Match zu sehen, hatten sich leider zerschlagen – das nächste Spiel vor Ort steht erst am Mittwoch an. Außerdem wartet in La Paz natürlich noch der Ritt über die berühmte “Todesstraße” – rund 50 Kilometer wahnwitziger Downill auf der wohl gefährlichsten Straße der Welt. Weil die hinunter ins Amazonasgebiet führende Strecke nicht auf der The Andes Trail-Route liegt, haben wir uns zu einer kleinen Gruppe zusammengeschlossen und werden sie – in Begleitung erfahrener ortsansässiger Radler – eigenständig überwinden. Als ob wir nicht genug “Thrill” hätten … :-)

Nicht ganz so erfreulich ist die wettertechnische Entwicklung. El Niño macht uns weiterhin das Leben schwer und gießt seine nassen Errungenschaften mit unschöner Regelmäßigkeit über uns ab. Längst ist The Andes Trail 2014 die mit Abstand nasseste Ausgabe seit dem ersten Rennen 2008, haben wir schon mehr Regentage gehabt als die anderen Touren über die gesamten viereinhalb Monate. Und ein Blick auf die Wettervorsage kündigt auch für die nächste Woche wieder einen Mix aus Regen, Wolken und Sonne an, was auf 3.800 bis 4.000 Metern oft einhergeht mit empfindlicher Kälte. Aber vielleicht kommt es ja alles auch ganz anders. Denn wie sagte doch gestern unser Guide in Macchu Picchu, als ich ihn auf ein überall erwerbliches Symbol in Form eines Kreuzes mit einem Loch in der Mitte ansprach: „Das repräsentiert den Kreis des Lebens. Wobei man nie weiß, ob es gut beginnt und schlecht endet oder schlecht beginnt und gut endet. Oder sonst wie verläuft. Sicher ist nur, dass es verläuft wie in einem Kreis. Und das ist der Unterschied zur Lebensphilosophie in westlichen Zivilisationen, die einen Anfang und ein Ende haben.“

Das "tawa chakawa" (Andenkreuz), gezeichnet und erläutert von unserem Guide.

Das “tawa chakana” (Andenkreuz), gezeichnet und erläutert von unserem Guide.

Cusco ist zudem ein mächtiger Einschnitt in unsere kleine Radeltour. 45.000 von 110.000 Höhenmetern sind bereits erarbeitet. In nur sechs Wochen haben wir also weit über zwei Drittel der GESAMTEN Höhenmeter der viereinhalb Monate geschafft – kein Wunder also, dass wir alle kräftemäßig auf den Zähnen gehen. Ein dicker Berg steht noch an, dann erreichen wir das Altiplano zwischen den beiden Andenketten und werden eine Zeitlang weitestgehend flach auf über 4.000 Meter radeln. Aber ich bin mir sicher – auch da werden wieder Herausforderungen auf uns warten, die uns an die Pforten der eigenen Wahrnehmungen werden klopfen lassen.

Ich werde drüber berichten. In diesem Sinne ein herzhaftes buena suerte an alle und hasta pronto! Ich gehe jetzt noch ein bisschen Cusco genießen und lass Euch dafür ein paar Bilder aus den letzten Tagen da!

Aqua Caliente frühmorgens um kurz vor Fünf - wer um 7 in Machu Picchu sein will, muss früh aufstehen.

Aguas Calientes frühmorgens um kurz vor halb Sechs – wer um 7 in Machu Picchu sein will, muss früh aufstehen.

Gruppenfoto vor Machu Picchu. Der steile Zahn im Hintergrund ist der frühmorgens erkletterte Wayhna Picchu.

Gruppenfoto vor Machu Picchu. Der steile Zahn im Hintergrund ist der frühmorgens erkletterte Wayna Picchu.

 

So sieht's aus ;-)

So sieht’s aus ;-)

Auf dem Gipfel des Wayhna Picchu traf ich einen jungen Japaner, der mit diesen herrlichen Schuhen den steilen bewältigt hatte.

Auf dem Gipfel des Wayna Picchu traf ich einen jungen Japaner, der mit diesen herrlichen Schuhen den steilen Pfad bewältigt hatte.

 

Die ersten Vorboten von Cusco sind erreicht.

Die ersten Vorboten von Cusco sind erreicht.

Marktimpression

Marktimpression

In Peru gibt es tausende verschiedene Kartoffelsorten

In Peru gibt es tausende verschiedene Kartoffelsorten

Bezahlen Sie einfach mit ihrem ...

Bezahlen Sie einfach mit ihrem …

Souvenirs, Souvenirs

Souvenirs, Souvenirs

"Die Arbeiten an Machupicchu wurden nie beendet", sagte unser Guide am Ende. Stimmt!

“Die Arbeiten an Machu Picchu wurden nie beendet”, sagte unser Guide am Ende. Stimmt!