Aus dem Inneren des Dichters

Manchmal möchte man einfach...

Manchmal möchte man einfach…

... das hier tun.

… das hier tun.

Dass The Andes Trail eine Extremerfahrung ist – mehr noch, als es 2011 die Tour d’Afrique war – hatte ich schon mehrfach angedeutet.

Für viele von uns ist es sogar eine Grenzerfahrung. In Andahuaylas sind gleich zwei Fahrer in einen Bus gestiegen, der sich schon mal in den nächsten Pausenort Cusco bringt. Der eine schleppt sich seit Tagen mit Durchfall und Schlappheit herum, der andere sagt über sich: “ich bin körperlich okay, aber geistig müde. Ich will keine Berge mehr sehen”.

Jeder geht auf seine eigene Art mit den Herausforderungen um. Einigen scheint es schier nichts auszumachen, jeden Tag bis zu acht Stunden auf dem Sattel zu sitzen. Sie kommen fröhlich grinsend im Ziel an und scheinen noch immer so fit wie am Morgen zu sein. Den meisten aber geht es gegenwärtig eher durchwachsen. Sechs Wochen pausenloses Berggekurbel fordert seinen Preis. Wir sind mindestens müde, manchmal auch krank. Und doch fordert der Tagesplan unerbittlich zu neuen Höchstleistungen heraus. Das schafft nicht jeder (Körper), und auch meiner hat diese Woche erneut kurzzeitig den Dienst quittiert. Nach einer nächtlichen Durchfallattacke im gestrigen Bushcamp auf 3.500 Metern fühlt er sich gegenwärtig an wie ein nasser Sack Mehl. Schwer, unhandlich, unbeweglich. Ich habe mich daher entschlossen, zwei Tage vom Radfahren Abstand zu nehmen und mich durch die Gegend kutschieren zu lassen – offenbar muss ich neidlos anerkennen, dass meine sensible Dichterseele dann doch über eine andere körperliche Konstitution verfügt, als so manch ambitionierter Radler unter uns, der daheim allerdings auf ein Vielfaches meiner jährlichen Kilometerleistung kommt.

Es ist die schwierige Herausforderung, seinen eigenen Platz im Fahrerfeld zu finden. An guten Tagen kann ich sicherlich mit den meisten Fahrern aus dem Feld zwischen Platz fünf und Platz zehn mithalten. Auf Dauer aber verlangt mein Körper – und wie gesagt, die der meisten Fahrer – schlicht und einfach Pausen. So wie gestern. 2.332 Höhenmeter auf 90 Kilometer, von denen ganze zehn asphaltiert waren. Ein Höllenritt, der ziemlich an die Substanz ging. Beim Lunch auf 55 Kilometer hatte ich einen Schnitt von 12,53 km/h – und das, obwohl zwischendurch ein 15-Kilometer-Downhill auf allerdings sehr schroffer Piste für Entlastung gesorgt hatte. Die Belohnung war eine traumhafte Landschaft namens Apurímac, die von extrem tiefen Flußtälern geprägt ist und dementsprechend über reichlich lange Anstiege und verrückte Abfahrten verfügt.

Apurímac kommt übrigens aus der Quechua-Sprache und steht für “wo die Götter sprechen”. Und ein göttliches Gefühl hatte man tatsächlich beim Pedalen in dieser wahnwitzigen Landschaft – wenn nur die höllische körperliche Anstrengung nicht gewesen wäre. Nun lass ich Euch mit ein Fotos der letzten Tage alleine und versuche, weiterhin meiner geschundenen Dichterseele Beistand zu leisten.

Euer gerade etwas weaker hardy cyclist.

Auf dem langen und rumpeligen Donwhill, ...

Auf dem langen und rumpeligen Donwhill, …

... der hier in seiner ganzen Pracht zu sehen ist (die gezackte Linie hinten am Berg)

… der hier in seiner ganzen Pracht zu sehen ist (die gezackte Linie, die hinten am Berg runterführt)

Mitunter ist die Orientierung im Hinterland nicht allzu einfach, denn es werden immer wieder unterschiedliche Orte ausgewiesen.

Mitunter ist die Orientierung im Hinterland nicht allzu einfach, denn es werden immer wieder unterschiedliche Orte ausgewiesen.

Auf dem langen Anstieg kamen mir diverse Gedanken, die ich mein Mittagessen unbedingt festhalten musste - sehr zu Neugierde dieser Einheimischen.

Auf dem langen Anstieg kamen mir diverse Gedanken, die ich beim Mittagessen unbedingt festhalten musste – sehr zu Neugierde dieser Einheimischen.

 

Zurück in der Achterbahn

2.700, 4.200, 2.000, 2.800, 3.800, 2.600, 3.300, 2.900 – soweit die Eckdaten in Höhenmetern der letzten drei Fahrtage. Wir sind zurück also in der Achterbahn!
Am Dienstag ging es bei leicht bewölktem Himmel in Ayachucho los mit einem 60 Kilometer langen Anstieg von 2.700 auf 4.200 Meter. Eine nicht enden wollende Kurbelei über unzählige Serpentinen mit meistens moderaten Steigungsraten von 4 bis 8 Prozent, teilweise aber auch bitterscharfen Rampen von 9 bis 11 Prozent. Doch nicht die Steigung war die Herausforderung (wiewohl 60 Kilometer bergauffahren mental erstmal verarbeitet werden muss), sondern die dünne Höhenluft. Inzwischen haben wir uns zwar alle ein wenig besser akklimatisiert in der Höhe, die Schmerzen und schleppenden Bewegungen ab 3.800 Meter aufwärts begleiten uns aber unverändert. Zumal es dort oben selbst bei herrlichem Sonnenschein tüchtig kühl ist und gerne auch mal eine steifen Brise weht.

Auf dem Weg zum 4.200-Meter-Gipfel

Auf dem Weg zum 4.200-Meter-Gipfel

Ich hatte einen guten Tag erwischt und schaffte die 82-Kilometer-Etappe in etwas über fünfeinhalb Stunden, womit ich unter den ersten zehn Fahrern im Ziel war und mir dementsprechend einen schönen Platz für mein Zelt im Bushcamp auf 4.200 Metern auswählen konnte. Und was für eine fantastische Aussicht es war! Erhaben thronten wir mit unseren kleinen Fahrrädern und Kompaktzelten vor einer eindrucksvollen Gipfelkulisse, die sich in einem 360-Grad-Panorama um unseren Campingplatz zog. Am Nachmittag verschwanden dann auch die letzten (kühlenden) Wolken und schufen Raum für eine Sonne, die uns ihre volle Wärmekraft spenden konnte. Ein Traumtag auf einem Traumplateau und ein Tag, an dem die ganze Faszination von The Andes Trail spürbar wurde. Kaum war die Sonne jedoch hinterm Horizont verschwunden, waren die Höhenmeter flugs wieder zu spüren und wir saßen mit Pudelmützen und allem, was das Gepäck so hergab, bibbernd beim Abendessen und einem anschließenden kleinen Lagerfeuer.

Bushcamp auf 4.200 Metern.

Bushcamp auf 4.200 Metern.

Tags darauf stand erneut eine Vergnügungsreise an. Diesmal ging es 60 Kilometer abwärts – von 4.200 auf 2.000 Metern! Auf einer frischasphaltierten und herrlich breiten Piste (die letzten The-Andes-Trail-Touren hatten an dieser Stelle noch mit schroffen off-road-Pisten zu kämpfen gehabt) segelten wir über gefühlt hunderte von Kurven ins Tal und genossen die phantastische Aussicht und den Geschwindigkeitsrausch. Und natürlich die Wärme – auf 4.200 bei herrlichem Sonnenschein mit Wollmütze, dicker Jacke, Beinlingen und Handschuhen gestartet flogen währen der Abfahrt immer mehr Kleidungsstücke von uns ab, ehe wir auf 2.000 Metern selbst im dünnen Radshirt mächtig zu schwitzen hatten. Etwas, was man sich immer mal wieder vor Augen führen muss – auf 2.000 Metern herrschen in den Anden klimatische Bedingungen wie in Europa auf 500 Metern, wachsen Bananen und andere Pflanzen, schaut es aus, als sei man fast am Meeresspiegel. Die Anden mit ihrer Geografie und ihrer Klimatologie sind schon eine ganz besondere Geschichte.
Und noch etwas war bemerkenswert: angekündigt waren 60 Kilometer bis zum Talboden, wo der Lunchtruck wartete. Tatsächlich aber waren es nur 52 Kilometer – durch die Straßenbaumaßnahmen war die Strecke um acht Kilometer verkürzt worden! Warum das so war konnte man deutlich erkennen, denn die alte Naturpiste verlief häufig neben der neuen Straße und musste an vielen Stellen aufwändige Umwege machen, um Felsen oder anderen Hindernissen zu umgehen. Für die neue Piste waren die Felsen hingegen einfach weggesprengt und so eine deutlich geradere Linie gezogen worden, die eben auch zu der Streckenverkürzung geführt hatte. An dieser Stelle dann auch gleich mal ein lobendes Wort an Perus Straßenbauer. Das war eine Meisterleistung, diese Piste zu erstellen! Es muss eine Mordsarbeit gewesen sein, angesichts der vielfältigen Herausforderungen, die zu meistern waren. Der Lohn war – zumindest für uns – eine traumhafte Abfahrt und für mich persönlich (wie vermutlich für die meisten von uns) die wohl schnellsten 52 Kilometer auf einem Fahrrad im gesamten Leben – ich habe eine knappe Stunde dafür gebraucht :-)

52-Kilometer-Talfahert in der Anden-Achterbahn. Was ein Vergnügen!

52-Kilometer-Talfahert in der Anden-Achterbahn. Was ein Vergnügen!

Doch nach dem Spaß kam die Arbeit, denn nun mussten wir 900 Höhenmeter hinauf nach Chincheros klettern. Inzwischen schien die Sonne mit voller Kraft, und auch die lästigen Sandfliegen im Flußtal machten uns das Leben an dem mit grimmigen zehn Prozent startenden Anstieg zunächst schwer. Zäh wie Kleister zog sich der Anstieg, der erst nach der Hälfte etwas flacher wurde. Ein Coke-Stopp in einer sehr urigen Bodega half dann, die letzten Energiereserven freizukitzeln und uns den Schwung für die letzten zehn Kilometer zu geben.

Der "rettende" Coke-Stopp.

Der “rettende” Coke-Stopp.

Abends in Chincheros passierte es dann. Irgendwas muss mit dem Abendessen im örtlichen „Chifa“ (das ist der peruanische Versuch, ein China-Restaurant zu kopieren) nicht gestimmt haben. Jedenfalls wachte ich morgens um vier mit unschönen Magenkrämpfen auf. Das Frühstück schmeckte nicht und wollte auch nicht so recht rein in den Magen. Als es dann nach zehn Minuten im hohen Bogen wieder rauskam war klar, dass der Tag für mich gestrichen war.

Es ist eben immer wieder dieser schmale Grat, auf dem wir alle wandeln. Ganze elf von 40 Fahrern sind noch auf EFI, haben also bislang jeden einzelnen Millimeter gefahren. Durchfall, Magenprobleme, Schnupfen (durch den Regen/die Temperaturen), die Höhenkrankheit – die Gründe sind vielfältig. Nahezu jeden Tag klettert irgendjemand mit mehr oder weniger leidendem Gesichtsausdruck auf den Truck und lässt sich ins Camp fahren. Die Tour zehrt an unseren Körpern, und sobald irgendetwas Unvorhersehbares geschieht, fällt man runter vom schmalen Grat. Wie ich mit meinem Chifa-Essen, das irgendetwas enthalten haben muss, was mein Magen nicht wollte. Oder vielleicht war es auch nur die Schokolade, die ich anschließend noch mit einem Bier runterspülte. Jedenfalls saß ich gestern auf dem Truck und ließ mich bei garstigem Regenwetter nach Andahuaylas kutschieren, wo ich nun am Pausentag hoffentlich die notwendige Regeneration finden werde.

Inzwischen hat sich mein Magen auch wieder beruhigt, nachdem ich gestern Abend noch ein kleines Spezialspektakel in einer hiesigen Seitenstraße abgeliefert hatte. Gemeinsam mit Alfred war ich auf dem Weg in eine Pizzeria, als der dortige Geruch direkt in meinen Magen traf und statt Hungergefühle eher Würgereize auslöste. Ich schaffte es gerade noch hinter eine Straßenlampe, dann kam erneut der Mageninhalt heraus… Immerhin: kurz darauf brachte mir eine peruanische Ladenbesitzerin ein Glas Wasser und schenkte mir einen mitleidig-aufbauenden Blick.

Ich will die Gelegenheit nutzen und noch mal auf das Rennen zu sprechen kommen. Das läuft hier schon deutlich anders ab als in Afrika. Dort hatten wir kleine Computerships, die die Zeit exakt maßen, und dort war nahezu jeder Tag ein Renntag. Hier wird die Zeit per Hand bemessen und in eine Liste eingetragen, ist bestenfalls jeder dritte Fahrtag auch ein Renntag. Wenn die Landschaft besonders schön ist, wird beispielsweise auf das Rennen verzichtet, und wenn wir durch eine größere Ortschaft fahren ebenfalls. Ich finde das sympathisch, denn an den Nicht-Renntagen ist die Atmosphäre im Fahrerfeld anders. Auch die Racer stoppen dann für Fotos und nehmen sich Zeit für eine Cola, was die ganze Sache insgesamt deutlich entspannt. An Renntagen hingegen fühlt man sich auch als Nicht-Racer oft ein wenig gestresst, denn da herrscht eine spürbar andere Atmosphäre. Und noch etwas hat die relativ seltene Zeitnahme zur Folge: es hat viel mit Glück – oder Unglück – zu tun, wann man „krank“ ist und auf dem Truck mitfahren muss. Von meinen drei Tagen auf dem Truck waren zwei Renntage – das hat mir insgesamt 24 Stunden Strafzeit eingebracht. Ein Kollege aus den USA, der am letzten Pausentag in Ayacucho entschied, sich dort richtig auszukurieren und dadurch drei Fahrtage verpasste (er kam heute morgen mit einem Bus in Andahuaylas an) verpasste hingegen nur einen Renntag und erhielt dementsprechend „nur“ zwölf Strafstunden. Es ist also alles irgendwie auch eine Frage von Glück und Zufall, wie das mit dem Rennen aus persönlicher Sicht läuft.

Nun sind es noch vier Tage bis nach Cusco, eine der “Wendemarken” auf  The Andes Trail. Dort werden wir dann rund 3.350 Kilometer und 45.000 Höhenmeter gefahren haben – in meinen Augen durchaus bemerkenswerte Zahlen. Neben dem Besuch von Macchu Piccu freue ich mich in Cusco vor allem darauf, endlich meinen Namensvetter Hardy Bögel kennenzulernen, der bereits seit Mai mit seinem Rad unterwegs ist. Er ist während der WM in Brasilien unterwegs gewesen und seitdem auf dem Weg nach Cusco, von wo aus er eine Zeitlang auf The Andes Trail mitfährt (hier sein Blog: http://hardy-radelt.tumblr.com/). Hardy hat 2010 an der Tour d’Afrique teilgenommen und mir anschließend viele wertvolle Tipps über die Tour gegeben, die mir sehr geholfen haben. Wir stehen seitdem in Kontakt, ohne uns jedoch bislang begegnet zu sein – und, lieber Hardy, Cusco ist doch wohl der perfekte Ort für die erste Begegnung, oder? :-) Und danach heißt es dann endlich “zwei Hardys on tour”!

Ach, und das noch: mein zweiter Artikel für die ZEIT ist nunmehr online. Klickt ordentlich drauf, dann freut sich mein Redakteur ;-) http://www.zeit.de/reisen/2014-09/peru-suedamerika-radrennen-anden-trail

Und nochmal diese traumhafte Abfahrt über 52 Kilometer.

Und nochmal diese traumhafte Abfahrt über 52 Kilometer.

 

Start in Ayachucho

Start in Ayachucho

Die Racer auf dem Weg von Ayachucho ins 4.200-Meter-Bushcamp

Die Racer auf dem Weg von Ayachucho ins 4.200-Meter-Bushcamp

Meisterleistung peruanischer Straßenbau!

Meisterleistung peruanischer Straßenbau!

Vor dem Gegenanstieg (im Hintergrund zu sehen) nach der 52-Kilometer-Tlfahrt.

Vor dem Gegenanstieg (im Hintergrund zu sehen) nach der 52-Kilometer-Talfahrt.

Wahlzeit in Peru - da werden auch wir eingespannt. In Ayachucho fing uns vor dem Start ein "General" ab, überreichte uns T-Shirts und ließ uns zum Gruppenfoto aufstellen. Ich habe mich auf das Fotografieren beschränkt, denn für welche Politik seine Partei steht wurde uns nicht wirklich klar.

Wahlzeit in Peru – da werden auch wir eingespannt. In Ayachucho fing uns vor dem Start ein “General” ab, überreichte uns T-Shirts und ließ uns zum Gruppenfoto aufstellen. Ich habe mich auf das Fotografieren beschränkt, denn für welche Politik seine Partei steht wurde uns nicht wirklich klar.

El Niño und der “leuchtende Pfad”

Mit den Ortschaften, in denen wir unsere Pausentage verbringen, ist es irgendwie wie mit den Steigungen, den Höhenunterschieden und dem Wetter – sie fallen alle komplett unterschiedlich aus. Huánuco war laut, hektisch und heiß. Huaraz kühl, warmherzig und geschäftig. Tarma bodenständig und ursprünglich. Nun sind wir in Ayacucho, und wieder ist alles irgendwie anders. Eine herrlich entspannte, fröhliche Stadt, in der es für peruanische Verhältnisse bemerkenswerte gelassen zugeht. Nicht einmal die sonst überall anzutreffenden Minitaxen (TukTuk) rasen hier in den gewohnten Massen durch die Gegend und verpesten die Luft mit ihrer ständigen Huperei! Stattdessen gibt es sogar eine … Fußgängerzone! Ganze Straßen, in denen der Autoverkehr nichts zu suchen hat! In denen die Menschen ungefährdet flanieren können! So etwas habe ich seit Quito nicht mehr gesehen!

Ein kleiner Spaziergang durch das Zentrum der von einer Universität und vielen Behörden geprägten Stadt am frühen gestrigen Nachmittag machte Lust auf mehr. Okay, es war Sonntagnachmittag und die meisten Geschäfte hatten zu, aber das hielt viele Einheimische nicht davon ab, gemütlich durch die mit uralten Kopfsteinen ausgestatteten schönen Gassen zu flanieren. Ich sah verliebte Pärchen, die sich auf Parkbänken oder in schummrigen Eckchen tummelten, ich sah Familien, die fröhlich Kinderwagen schiebend die angenehm warme Sonne genossen und ich sah reichlich fröhliche und zufriedene Gesichter. Allerdings scheint Ayacucho auch eine recht junge Stadt zu sein, denn ältere Menschen sah ich nicht allzu viele. Das wiederum verbindet Ayacucho mit Huánuco, Huaraz oder Tarma – auch dort waren überwiegend junge Menschen zu sehen.

Ich bin gegenwärtig nicht auf dem Laufenden was Bevölkerungswachstum und Alterspyramide Perus betrifft, aber es ist offensichtlich, dass zumindest in den Städten der Altersschnitt recht jung ausfällt. Auf dem Land sieht das ein wenig anders aus. Da findet man jene Männer und Frauen, die bei Südamerikareportagen so gerne gezeigt werden und deren verrunzelte Gesichter ganze Lebensgeschichten erzählen. Doch auch die Dörfer sind jung. Sehr jung sogar. Oft genug sah ich junge Mädels von vielleicht 17 oder 18 Jahren Babys tragen und zugleich harte Arbeit verrichten.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist hierzulande frappierend. Das zeigte einmal mehr die abgelaufene Woche, die uns zunächst von Tarma nach Huancayo transportierte, das als eines der Zentren in den peruanischen Anden fungiert und entsprechend lebendig daherkam. Von dort bogen wir dann ins Hinterland ab und trafen auf Dörfchen wie Izchuchaca, La Esmeralda oder Mayocc, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Ein oder zwei Bodegas, in denen es alles, was man so zum Leben braucht, zu kaufen gibt, der unvermeidliche Shop fürs Mobiltelefon, Kneipe, Kirche, Fußballplatz und ansonsten – nichts. Außer harter, landwirtschaftlicher Arbeit. Und dem regelmäßigen Busverkehr, mit dem die Einwohner zumindest für kurze Zeit mal eintauchen können in dieses andere Peru, das sich in den Städten findet. Dass das ländliche Peru allerdings Probleme hat, konnten wir ebenfalls erkennen, denn entlang der Piste fanden sich immer wieder aufgegebene Häuser und teilweise sogar ganze verwaiste Dörfer.

Dorf im Hinterland

Aufgegebenes Dorf im Hinterland

Und damit Hallo zum Update in Sachen The Andes Trail. Wir sind zwar erst seit etwas mehr als einem Monat unterwegs, doch es fühlt sich bereits an wie eine Ewigkeit. Quito und die beiden Reifenpannen auf dem Weg zum Mitad del Mundo scheinen zu einem anderen Leben zu gehören. Soviel ist passiert in der Zwischenzeit, soviel haben wir erlebt, gesehen, gefühlt und, ja, auch gelitten. In Sachen Leiden war die letzte Woche verhältnismäßig harmlos. Ich würde sogar von einer „entspannten Woche“ schreiben, wenn da nicht ein Problem gewesen wäre: El Niño. Dieses Wetterphänomen, das vor der Küste von Südamerika seinen Ursprung hat, hat uns letzte Woche verdammt aufs Korn genommen. Soweit ich es verstehe, ist der Pazifik ungewöhnlich warm, was zu ungewöhnlich feuchter Luft führt, die sich mit feuchten Luftmassen vom Amazonas verbindet.

Das Resultat sind regelmäßige Regenfälle, von denen wir letzte Woche reichlich abbekamen. Donnerstag erwischte es uns auf dem 4.200 Meter hohen Gipfel hinter Tarma, wurde die anschließende Abfahrt bei kaum sechs Grad und Dauerregen zur wortwörtlichen Zitterpartie. Freitag kam es dann ganz dick: Als ich morgens um 6.30 Uhr einen Blick aus dem Hotelfenster in Huancayo warf, sah ich nichts als düsterschwarze Wolken. Zum Start der Etappe gab es dann zwar Sonnenschein, doch kaum waren wir auf dem Anstieg zum 3.900 Meter hohen Gipfel empfing uns erneut Regen und ließ uns fast bis zum Ende der 102 Kilometer-Etappe nicht mehr los. Vorgestern dann starteten wir unter zwar bewölktem, aber immerhin mit ein paar blauen Sprengseln versehen Himmel, kurbelten über weite Strecken im Trockenen, ehe es uns auf der zweiten Hälfte doch noch erwischte.

El Niño bringt frisches Nass uns Tal. Links gut zu erkennen übrigens unsere Piste..

El Niño bringt frisches Nass ins Tal. Links gut zu erkennen übrigens unsere Piste..

Gestern dann endlich mal eine regenfreie Etappe hier nach Ayacucho, was auch dringend nötig war, denn kleidungstechnisch waren die Regentage eine echte Belastung. Weil es nachts ebenfalls ziemlich feucht war, trockneten die Klamotten einfach nicht ab und wir fuhren allesamt sozusagen „auf dem letzten Loch“. Ich jedenfalls hatte alles, was ich an Radelkleidung im Wochengepäck hatte, aufgebraucht. Dabei hatten wir noch Glück, denn eigentlich wären die Etappen am Freitag und Samstag auf einer off-road-Piste gelaufen, und da hätten wir uns bei dem Dauerregen wohl ziemlich eingesaut. Doch auch in Peru werden Naturpisten asphaltiert, was das Zeug hält, und so waren wir sowohl überrascht als auch ziemlich froh, auf jungem Asphalt durch den Regen segeln zu können. Lediglich gestern Morgen standen 30 Kilometer im „dirt“ an, wobei auf den gesamten 30 Kilometern Straßenbaumaßnahmen im Gange waren – die nächste Ausgabe von The Andes Trail wird also von Huacayo bis Ayacucho gemütlich auf Asphalt radeln können.

Dank des Asphalts war es eine vergleichsweise „leichte“ Woche, auch wenn wir auf rund 400 Kilometern immer noch etwa 5.000 Höhenmeter machten. Und wenn der Regen nicht gewesen wäre, würde ich sogar von regelrecht entspannenden Etappen sprechen… Neben dem Regen hielten uns ein paar andere Dinge auf Trab. Zum Beispiel ein ausbleibender Lunchtruck, was uns an seinem vorgesehenen Standort bei Kilometer 57 alle rätseln ließ, ob wir möglicherweise irgendwo falsch abgebogen waren. Stattdessen hatte Trickdriver Walter in Huancayo die falsche Straße erwischt, irrte er irgendwo in der Gegend umher. Oder ein Verkehrsunfall, bei dem (wieder!) unser Lunchtruck nur mit wenigen Minuten Verzögerung eintraf und unsere mitreisende Krankenschwester Annelotte Erste Hilfe leistete, was für uns abermals das Mittagessen ausfallen ließ. Die Bike-Dreams-Organisatoren reagierten aber großartig und organisierten in einem kleinen Örtchen auf der Hälfte der Strecke in Windeseile ein „Notlunch“ am Straßenrand.

Der Unfall war übrigens ein typisches Beispiel für das, was hier auf den Straßen so los ist. Ein wie wild drängelnder Kleinbusfahrer hatte auf einer sehr engen Straße ein entgegenkommendes Fahrzeug gerammt, weil er viel zu schnell unterwegs gewesen war. Das war umso gefährlicher, weil die Piste, auf der wir unterwegs waren, einerseits kaum Platz für zwei Fahrzeuge nebeneinander bot und andererseits regelrecht in den Fels gehauen war, sprich zur anderen Seite unangenehm steil talwärts ging. Eine falsche Bewegung kann da verdammt üble Folgen haben, und das macht die hiesigen Harakirifahrer so unangenehm. Auch für uns Radler, denn wir werden in der Regel mit einem aufdringlichen Hupen in den Straßengraben geschickt. Und wenn dieser Straßengraben nicht nur schmal ist sondern zudem übergangslos in die Tiefe übergeht geht einem ganz schön die Pumpe. Vor allem bergab war das häufig ein Nervenkitzel. Ich hatte eine Situation, wo ich recht zügig unterwegs war und, als ich um eine Felsenecke bog, plötzlich einen riesengroßen Bus vor mir sah, der die gesamte Fahrspur einnahm. Glücklicherweise war der Straßengraben breit genug, so dass ich halten und zugleich den hinter mir hinabrasenden Kollegen warnen konnte, der dennoch erst wenige Zentimeter vor dem Bus mit quietschenden Reifen zum Stehen kam.

Manchmal - aber eher selten - wird der Verkehr auf der schmalen Straße geregelt.

Manchmal – aber eher selten – wird der Verkehr auf der schmalen Straße geregelt.

Wir waren übrigens auf der sogenannten „Coca-Straße“ unterwegs, über die der Nachschub der in ganz Peru so beliebten Coca-Blätter läuft, die hier ins Tees getrunken, in Bonbons verarbeitet oder schlicht einfach gekaut werden. Es sind übrigens die Blätter der Coca-Pflanze – nicht die Blüten, aus denen der „weiße Stoffe“ gemacht wird. Die Blätter dienen nicht nur der Anpassung an die Höhe sondern machen einen zudem ausdauernder. Aber auch diesbezüglich scheint die Globalisierung nicht aufzuhalten, denn trotz des bewährten Coca-Allheilmittels wird auch in Peru an allen Ecken ein ekelhaft süßliches Gesöff verkauft, mit dem man in Leipzig demnächst Bundesligafußball erleben möchte. Reisen wie The Andes Trail oder die Tour d’Afrique, bei der ich 2011 im hintersten Hinterland von Tansania RedBull vorfand, belegen leider auch, wie sich die Welt bis in die letzten Winkel den Bedingungen der „Großen“ anzupassen scheint.

Das ist eigentlich ein schönes Stichwort, um noch einmal kurz nach Ayacacho zurückzukommen. Ayacacho ist nämlich die Geburtsstadt des berühmt-berüchtigten „Senderos Luminoso“ („Leuchtender Pfad“), dessen Gründer Abimael Guzmán in Ayacucho Philosophie lehrte. In den späten 1960er Jahren rief er die dem maoistischen Weg folgenden Gruppe ins Leben, die in Ayacucho ihre erste Hochburg hatte. Ab den 1980er Jahren militarisierte sich die Gruppe und kämpfte für eine „Neue Demokratie“ bzw. die Diktatur des Volkes. Eine blutige Strategie, der vor allem Kleinbauern zum Opfer fielen. Guzmán wurde 1992 gefasst, und heute ist Sendero Luminosos eine militante Splittergruppe, die vor allem im Drogenhandel aktiv ist. Der ursprüngliche Hintergrund – eine ungleiche Welt –hat, zumindest in Peru, sicher noch Bestand, wenngleich mein Eindruck ist, dass auch Peru auf einem durchaus hoffnungsvollen Weg ist.

Und damit zurück von der komplizierten Weltpolitik in die überschaubare Welt des Anden-Rad-Durchquerers. Der genießt nun seinen Ruhetag in Ayacucho und bereit sich zugleich auf die kommenden Aufgaben vor. Schon morgen steht nämlich erneut ein 4.200-Meter-Gipfel an, auf dem wir dann auch gleich ein Bushcamp aufschlagen werden. Das wiederum heißt, dass Pudelmütze und Handschuhe erneut zum Einsatz kommen werden – es ist eben ein ständiges Wechselspiel auf The Andes Trail.

Zum Schluss wie gewohnt noch ein paar optische Eindrücke von der letzten Woche.

Buscamp am Flußufer - sieht idyllisch aus, war es aber nicht. Grund: Billionen von blutrünstigen Sandfliegen, die uns alle ordentlich zerstachen.

Bushcamp am Flußufer – sieht idyllisch aus, war es aber nicht. Grund: Billionen von blutrünstigen Sandfliegen, die uns alle ordentlich zerstachen.

Hinauf, immer wieder hinauf.

Hinauf, immer wieder hinauf.

Immer wieder kommt es zu Erosionen und/oder Felsabstürzen, die die Straße dann plötzlich in eine raue off-road-Piste verwandeln.

Immer wieder kommt es zu Erosionen und/oder Felsabstürzen, die die Straße dann plötzlich in eine raue off-road-Piste verwandeln.

Eng schmiegt sich die Piste an den Felsen, während es rechts steil ins Tal stürzt.

Eng schmiegt sich die Piste an den Felsen, während es rechts steil ins Tal stürzt.

Herrliche Farbspiele im Mantaro-Tal.

Herrliche Farbspiele im Mantaro-Tal. Rechts bzw. im Hintergrund unsere Piste.

Scheint ein langer Weg von daheim bis zum Pub untem im Tal zu sein...

Scheint ein langer Weg von daheim bis zum Pub untem im Tal zu sein…

Am Tag, als unser Lunchtruck sich verfuhr, griffen wir zur Selbstversorgung im Örtchen Mariscal Sucre.

Am Tag, als unser Lunchtruck sich verfuhr, griffen wir zur Selbstversorgung im Örtchen Mariscal Sucre.

Bushcamp auf dem Sportplatz von Elektroperu.

Bushcamp auf dem Sportplatz von Elektroperu.

Sex sells - auch in Peru. Vielfach gibt es an Autowaschplätzen derart aufreizend gestaltete Plakate - die eigentliche Arbeit wird dann aber ganz ziemlich im Blaumann und von meistens männlichen Wäschern durchgeführt.

Sex sells – auch in Peru. Vielfach gibt es an Autowaschplätzen derart aufreizend gestaltete Plakate – die eigentliche Arbeit wird dann aber ganz sittsam im Blaumann und von meistens männlichen Wäschern durchgeführt.

Die Partei mit dem Fußball als Symbol.

Die Partei mit dem Fußball als Symbol.

 

Wahlversprechen

108 Tageskilometer von Tarma nach Huancayo, 1.300 Höhenmeter (davon 1.200 auf den ersten 24 Kilometern), danach entweder abwärts oder schnurgerade und leicht abschüssig – wäre der bitterkalte Regen auf dem Gipfel (4.200 Meter) nicht gewesen würde ich von einer “leichten Etappe” sprechen. So war es “nur” eine gute Etappe, und hier in Huancayo lockt nun eine interessante Stadt im herrlichen Sonnenschein.

So richtig langweilig waren die 60 Kilometer nach dem Mittagesen: schnurgerade, dichter Verkehr, nix zu gucken. Habe die Gelegenheit genutzt und mal ein paar Fotos von den unterschiedlichen an die Häuserwände gepinselten Wahlversprechen der peruanischen Parteien geschossen – im Oktober sind ja, ich hatte es geschrieben, Regionalwahlen. Dort sieht man auch immer schön das Logo, das für die nicht Lese- und Schreibkundigen auf dem Wahlzettel abgebildet ist.

Nun zwei Tage Bushcamps irgendwo im Nirgendwo, update also vermutlich erst wieder Sonntag. Hasta luego!

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Wahlwerbung der MIDE.

das kanntet Ihr ja schon

Estar tocado del queso?

… steht übrigens im Spanischen sinngemäß für “nicht alle Tassen im Schrank haben” (wiewohl es wörtlich eher für “im angefaulten Käse sein” steht).

Jedenfalls habe ich nach einem Bummel über den Wochenmarkt von Tama mein Gepäckproblem erfolgreich vergrößern können… :-)IMG_0380

 

 

Über Höhen und andere Härten

Leute, wir müssen reden. Zum Beispiel über Höhen. Also über die, die für Normaleuropäer wie mich ungewöhnlich sind. Ziemlich ungewöhnlich. Zum Beispiel Sprünge von 1.900 auf 4.300 Höhenmeter binnen 105 Kilometern. Oder ganze Radeltage auf 4.200 und mehr Höhenmetern.

Wer diesbezüglich über keinerlei Erfahrungen verfügt, kann sich den Effekt vermutlich nicht vorstellen. Ich jedenfalls konnte es nicht. Obwohl ich viel gelesen und gehört hatte. Man habe keine Kraft, fühle sich schwindelig. Trockener Mund, und wenn es ganz schlimm kommt leichte Übelkeit. Ja, ja. Hört sich alles ganz schön theoretisch an. Ich will es mal praktisch machen. Bis ungefähr 3.500 Meter ist noch alles in Ordnung. Dann beginnt langsam der Schmerz, wenn man die Kurbel mit der gewohnten Geschwindigkeit zu drücken versucht. Eine leichte Müdigkeit überfällt einen wie ein klebriger Zuckerguss. Man spürt ihn, er stört ein wenig, doch man kann ihn nicht abwerfen. Bei 4.000 Metern werden die Bewegungen dann spürbar schwieriger. Alles geht deutlich langsamer, und man fühlt sich, als säße man im Kino und beobachte sich selbst in einem Zeitlupenfilm. Dass das etwas mit einem selbst zu tun hat, ist geistig kaum nachvollziehbar, körperlich aber zunehmend zu spüren. Ab 4.200 Metern wird es dann richtig hart. Da wird jede Kurbeldrehung zur körperlichen Mühsal. Und wenn es dann auch noch bergauf geht, setzt endgültig die Zeitlupe ein. Dann heißt es: Laaangsaaaam diiiie Kuuuuurbeeeel dreeeeheeeen. Uuuuunndd wiiiiieder. Uuuund nooooch eeiinmaaal. Da werden Sekunden zu Minuten, Minuten zu Stunden.

Pausen sind ganz wichtig beim KLettern. Hier mit Barry, Jan Willem und Suzana auf dem Weg nach Cerro de Pasco.

Pausen sind ganz wichtig beim Klettern. Hier mit Barry, Jan Willem und Suzana auf dem Weg nach Cerro de Pasco.

Dabei ist es auf dem Fahrrad eigentlich noch erträglich. Denn da hat man ja Gänge und kann es sich etwas erleichtern (in diesem Zusammenhang: ich LIEBE meine neue Üersetzung!). So richtig schlimm ist Treppensteigen. Vorgestern kamen wir im auf 4.300 Metern gelegenen Cerro de Pasco an. Mein Hostelzimmer lag im dritten Stock. Ich brauchte knappe fünf Minuten, ehe ich oben war. Ungelogen! Und als ich endlich das dritte Stockwerk erreicht hatte, war mir derart schwindelig, das ich erstmal weitere fünf Minuten in einem glücklicherweise (absichtlich?) dort aufgestellten Sofa sitzenblieb und versuchte, in die Gegenwart zurückzufinden. Das schlimmste aber ist: man kann nix tun! Außer abwarten und akklimatisieren. Wobei das im Übrigen sehr unterschiedlich ausfällt. Einige (wenige) Fahrer haben fast gar keine Probleme. Den meisten geht es wie mir – auf dem Rad geht es, doch sobald wir Dinge zu Fuß erledigen müssen, setzt Schnappatmung ein. Und einige ganz wenige sind so arm dran, dass auch an Radfahren nicht mehr zu denken ist.

Zur dünnen Höhenluft kommt die Kälte. Nochmal die Etappe Huanuco – Cerro de Pasco vom Sonntag. 2.611 Meter in 105 Kilometer, von denen nur 60 asphaltiert waren. Wir starteten frühmorgens um 8 auf 1.900 Meter in Huanuco bei bestem T-Shirt-Wetter. Angenehme 22 Grad, beste Bedingungen. Bei 2.600 Metern musste ich mir ein langärmliges Radshirt überziehen. Bei 3.000 kamen ein weiteres Shirt sowie die lange Radleggings hinzu. Bei 3.800 musste die dicke Radjacke her, bei 4.000 kamen Pudelmütze und lange Handschuhe zum Einsatz. Als ich in Cerro de Pasco ankam, fror ich trotz allem wie ein Schneider und konnte die langsam herniedertaumelnden Schneeflocken zählen. Das (übrigens vorzügliche!) Gran Hotel Sol de Oro in Cerro de Pasco war ein riesiger Kühlschrank. Eine Heizung gab es nicht, und ich glaube, das Gebäude wird seit seiner Eröffnung niemals wirklich warm gewesen sein. Nachts herrschten draußen minus 11 Grad, maß ich in meinem Raum knappe 8 Grad Celsius. Die Hotelleitung wusste jedoch, was sich gehörte und stellte jedem von uns eine Thermoskanne mit heißem Wasser sowie zwei Teebeutel aufs Zimmer.

Wie es die Menschen in Cerro de Pasco aushalten ist mir schleierhaft. Ich habe ein wenig herumgefragt und erfahren, dass es dort nachts IMMER kalt ist. Immer – das heißt, das ganze Jahr über. Tagsüber kann es, wenn die Sonne scheint, schon mal nett sein. Aber das Wetter wechselt eben schnell auf diesen Höhen. Entsprechend war die Atmosphäre, die mich ein wenig an die letzten Tage der DDR erinnerte. Damals, als ich im Geografie-Studium unter anderem die hungerstreikenden Kumpel in Bischofferode besuchte und einen ähnlich hoffnungslosen wie zugleich vom Leben gestählten Menschenschlag kennenlernte. Ähnlich Cerro de Pasco. Dick eingemummelt in wärmenden Jacken, Schals und Wollmützen saßen die Einheimischen im an eine Werkskantine erinnernden örtlichen Restaurant. Ihre roten Wangen kündeten von den schwierigen Witterungsbedingungen, ihre zugleich entschlossenenen wie entrückten Augen vom harten Alltag in Cerro de Pasco. Eine Stadt wie ein Fluch.

Cerro do Pasco und sein Fußballstadion, das zu den am höchsten gelegenen der Welt zählt. Wenn die großen Teams aus Lima hier aufspielen, fahren sie fast immer mit einer Niederlage heim, weil ihnen die dünne Ludft zusetzt.

Cerro do Pasco und sein Fußballstadion, das zu den am höchsten gelegenen der Welt zählt. Wenn die großen Teams aus Lima hier aufspielen, fahren sie fast immer mit einer Niederlage heim, weil ihnen die dünne Ludft zusetzt.

Themenwechsel. The Andes Trail 2014. Die letzten beiden Wochen waren extrem. In jeglicher Hinsicht. Höhenunterschiede, Temperaturunterschiede, kulturelle Unterschiede. Pistenbeschaffenheit (seit Huaraz hatten wir auf knapp 600 Kilometer vielleicht 250 Kilometer Asphalt). Das alles hat eine Menge gekostet. Energie, Kraft, Wille, Stamina. Und Gleichmut. Gestern zum Beispiel. 83 Kilometer von Cerro de Pasco nach Junín. Die ersten 25 Kilometer waren traumhaft. Auf schnurrigem Asphalt ging es von 4.300 Meter hinab auf 4.100 Meter. Nachdem wir die tristen Außengrenzen von Cerro de Pasco passiert hatten, steuerten wir auf eine Hochebene zu, auf der wir schließlich die restlichen knapp 60 Kilometer auf einer mehr oder weniger gut zu befahrenden Naturpiste verbrachten. Ständig zwischen 4.100 und 4.200 Metern, entlang des Chinchayqucha-Sees, des größten Binnensees Perus. Wir sahen hunderte von Lamas, wir sahen Flamingos, wir sahen Kondore. Und wir keuchten mit jedem Kilometer mehr auf der welligen Piste, die vor allem in den Anstiegen kräftig an den Pforten der Wahrnehmung rüttelten. Die letzten 20 Kilometer krochen wir fast alle nur noch auf dem Zahnfleisch und taumelten regelrecht nach Junín, wo uns ein weiteres eiskaltes Hostal empfing, in dem immerhin ein sehr warmherziger Besitzer sowie eine funktionable Elektrodusche unsere Gemüter erwärmten. Abendessen – bzw. Frühstück – bei knapp 5 Grad im Hof eines Gebäudes sind aber dennoch nicht das, was man sich so als Abschluss eines anstrengenden Radtages vorstellt.

Aber wie hieß doch mein Motto gleich? Si no lo sientes, no lo entiendes – „wenn du es nicht spürst, verstehst du es nicht“. Und es ist großartig, es zu spüren. Wenngleich hier und dort ekelhaft anstrengend ;-)

Entlang des größten Binnensees Perus.

Entlang des größten Binnensees Perus.

Wenn ich auf den Zettel schaue, was wir seit der Abreise aus Huaraz (wo ich, zur Erinnerung, ein Fußballtrikot kaufen wollte und auch kaufte) und unserer Ankunft heute in Tarma alles erlebt haben, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich gehe mal sachlich-nüchtern ran, okay? Von Huaraz aus machten wir uns auf den Weg in den Nationalpark Huascarán, ein grandios naturbelassenes Hochgebirge, in dem wir auch den mit 4.883 Metern höchsten Punkt auf The Andes Trail überquerten. Vor dem Gipfelsturm übernachteten wir auf 4.200 Metern in einem Bushcamp, und dass uns dort das Wasser in unseren Bidons gefror habe ich schon erzählt. Die Kraftanstrengung, die es brauchte, das Fahrrad über die 4.883-Meter-Marke zu befördern ist unbeschreiblich. Die Höhe, die Kälte, die Piste, die Erschöpfung. Ein nicht enden wollender Kampf gegen die Schwerkraft, der schlussendlich aber doch endete, als der schon mehrfach zuvor „nun aber bestimmt letzte Hügel“ tatsächlich wirklich der „ersehnte letzte Hügel“ war. Das Rad dort in die Höhe zu wuchten brauchte meine letzten Kräfte, und danach stand gottseidank ein langer Downhill ins deutlich niedriger gelegene nächste Bushcamp an, das – wie ebenfalls bereits berichtet – unter Dauerregen litt.

Der Autor dieser Zeilen auf dem Weg hinauf zum 4.883 Meter hohen Gipfel.

Der Autor dieser Zeilen auf dem Weg hinauf zum 4.883 Meter hohen Gipfel.

Eigentlich ein Tag, an dem man vor lauter Stolz sein Fahrrad an die Wand hätte nageln können. Nicht auf The Andes Trail! Da sausten wir tags darauf nämlich zunächst 30 Kilometer talwärts, um dann in dem beklemmend-nüchternen Minenstädtchen La Union in eine ungeplasterte Seitenstraße einzubiegen, die uns über rund 100 Kilometer auf einer mal sandigen, mal steinigen und ansonsten angenehm welligen Piste durch verschlafene Dörfer und träge Ziegenherden bis nach Jivía transportierte, ein Ort, von dem nun vermutlich wirklich noch niemand jemals etwas gehört hat. Wohlwollend 200 Häuser, lehmige Straßen, die nach Regenfällen ziemlich aufgewühlt waren und ein Stückchen Wiese, auf dem wir unsere Zelte aufschlugen. Am nächsten Morgen kurbelten wir uns dann erneut auf schmalen Naturpfaden bis 3.900 Meter hinauf, wo uns Regen in geradezu epischem Ausmaße erwartete, der uns – auch das habe ich schon kurz beschrieben – über fast den kompletten 55-Kilometer-langen Downhill nach Huanuco begleitete. Damit verbunden war ein Temperaturwechsel von knapp 8 Grad auf über 35 und der komplette Wechsel der Welten. Wo die Menschen in den Bergen noch traditionelle Kleidung trugen und zumeist schüchtern waren, wähnte man sich in diesem verrückten Huanuco plötzlich wie an Rios Copacapana. Die Mädels in knappsten Röcken und mit frechen Augenaufschlägen, die muskelbepackten Jungs mit Ghettoblazern auf den Schultern und immer auf der Suche nach einer neuen “Gelegenheit”.

Ich fühlte mich wie aus einer Zeitmaschine ausgespuckt und in ein Land katapultiert, in das ich gar nicht hinwollte, denn nach den vielen Tagen der Ruhe und Beschaulichkeit waren die Hektik Huanucos viel zu viel für die meisten von uns. Zumal, wie erwähnt, das Real Hotel eigentlich „Real Noise Hotel“ heißen müsste. Dass es dort nicht auszuhalten war, hatte ich ja schon nach wenigen Stunden festgestellt und mit einem Hotelwechsel beantwortet. Tags darauf kamen drei weitere Fahrer in mein Ersatzhotel, was Besitzer Martín, mit dem ich mich zwischenzeitlich ein wenig angefreundet hatte, natürlich sehr glücklich machte.

Falls ihr jemals nach Huanuco kommt: auf keinen Fall hier einchecken!

Falls ihr jemals nach Huanuco kommt: auf keinen Fall hier einchecken!

Am nächsten Tag stand dann der erwähnte Megaritt hinauf nach Pasco de Cerro an, ehe wir anschließend zwei Tag lang auf weit über 4.200 Höhenmetern kurbelten, um schließlich in dem eher nüchternen und ganz und gar nicht touristischen Städtchen Tarma einen mehr als notwendigen Ruhetag anzusteuern. Ein wohlverdienter Erholungstag, denn selbst unsere starken Jungs haben in den letzten Tagen mächtig gelitten und mit einem Programm gekämpft, das uns allen alles abverlangte.

Ich hatte ja schon mal einen kleinen Vergleich zur Tour d‘Afrique unternommen und will das an dieser Stelle gerne noch einmal tun. Selbstverständlich war die Afrikatour ein hammerhartes Unternehmen, und ich erinnere mich gerne, dass ich damals an vielen Abenden konstatierte, „wieder ein Tag von dem ich sagen würde, es war der bislang härteste Radtag meines Lebens“. Doch ohne die Erfahrungen und Anstrengungen Afrikas abwerten zu wollen, muss ich sagen, dass The Andes Trail bislang um einiges fordernder war. Neben den allgemeinen radfahrtechnischen Herausforderungen kommen hier vor allem die ständigen Berg- und Talfahrten, die klimatischen Herausforderungen und nicht zuletzt die Höhe hinzu. In Afrika hatten wir als größtes Problem die Sonne (die Frage war eigentlich nur, wie heiß es wird) und damit die Suche nach dem Schatten. Das haben wir hier manchmal auch – gleichzeitig aber schlottern mir häufig genug (wie heute) sämtliche Knochen, wenn ich mich bei knapp acht Grad unter bedecktem Himmel in eine Abfahrt stürze. Außerdem ist die Mischung aus Asphalt- und off-road-Pisten eine gänzlich andere. In Afrika fuhren wir in der Regel entweder längere Zeit auf Asphalt oder längere Zeit off-road. Hier tun wir beides nahezu täglich. Von den 27 Fahrtagen seit dem Start in Quito verliefen lediglich zehn zu 100 Prozent auf Asphalt. Und wenn ich auf den Plan schaue, kommen bis Ushuaia vielleicht noch 12 bis 13 weitere „100 Prozent Asphalt“-Tage hinzu. Da ist wenig Erholung drin.

Frauen sind im männerdominierten Wahlkampf eine Seltenheit und müssen "kämpferisch" auftreten.

Frauen sind im männerdominierten Wahlkampf eine Seltenheit und müssen “kämpferisch” auftreten.

Themenwechsel. In Peru ist Wahlkampf. Im Oktober werden in den Regionen die Bürgermeister und Regionalfürsten neu gewählt. Und Wahlkampf heißt hier Personenwahlkampf. Überall begegnen uns die Plakate, fahren Autos mit auf dem Dach montierten Lautsprecher umher, die um Wählerstimmen baggern, werfen sich Politiker mit ihrem schönsten Lächeln in die Fernsehkameras oder auf die Plakatwände. Erstaunlich, wie tief hinein ins Hinterland die Werbung zielt – es scheint wirklich keinen Fleck in diesem Land zu geben, in dem nicht gerade Wahlwerbung zu sehen ist.

Und noch etwas Besonderes gibt es: da in Peru viele Menschen nicht lesen und schreiben können, guckt sich jede Partei ein „Logo“ aus, das am Wahltag dann auch auf dem Wahlzettel wiederzufinden und ggf. anzukreuzen ist. Das Spektrum reicht dabei von einem einfachen Buchstaben bis hin zu komplizierten Gebilden, für deren Deutung man reichlich Phantasie benötigt. Eine Partei hat sich übrigens einen Fußball als Logo gegeben und fordert neben „mas educaction“ (mehr Bildung) auch „mas desportes“. Interessant auch die MIDE, die einen Straßenbaubagger als Zeichen auserkoren hat, und die ihre Werbung vor allem im wenig erschlossenen Hinterland verbreitet. Und in dieser verrückten Lärmkapitale Huanuco geriet ich übrigens zufällig in eine Werbeveranstaltung der Partei „Somos Perú“ (Wie sind Peru), die durchaus farbenfroh und vor allem – wie sollte es in Huanuco anders sein – lautstark daherkam.

Wahlwerbung der MIDE.

Wahlwerbung mit Straßenbagger: MIDE. Aufforderung an die Wähler: “Markiere die Traktoren”.

Wahlkampf peruanisch - die "Somos Perú" bittet zum Tanz.

Wahlkampf peruanisch – die “Somos Perú” bittet zum Tanz.

Nun denn, genug für heute. Morgen steht ausspannen auf dem Programm, ehe die Himmelstour am Donnerstag mit dem Trip nach Huancayo weitergeht. 108 Kilometer, 1.300 Höhenmeter. Wobei 1.200 von ihnen dem Vernehmen nach auf den ersten 25 Tageskilometern liegen soll. Normale Härte also.

Zum Schluss noch ein paar gesammelte Bilder und ein schneidiges “Hasta pronto” in die Heimat

Entlang des längsten Binnensees Perus.

Entlang des längsten Binnensees Perus.

Flamingos.

Flamingos.

Lamas.

Lamas.

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Kaffeestop irgendwo im Nirgendwo.

Kaffeestopp irgendwo im Nirgendwo.